Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 25 (24.6.1927)
- Date
- 1927-06-24
- Page
- Seite 395 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103079-9156818--07819-9080555- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Jüdische Echo Nummer 25 24. Juni 14. Jahrgang Aktuelle Palästinaprobleme Von Adolf Böhm (Wien)1 Durch das Stocken der Einwanderung nach Palästina im letzten Jahre steht die Frage, auf welche Art man am leichtesten, sichersten und raschesten eine neue steigende Einwanderungswelle ins Land lenken könnte, wieder, so wie vor vielen Jahren, im Vordergrund der zionistischen Debatten. Von vielen Seiten wird die Industrialisierung des Landes als das geeignetste Mittel zu jenem Zweck erklärt. Manche setzten in sehr temperamentvoller Weise auseinander, daß das Wachstum der jüdischen Industrie durchaus nicht bloß von jenem der jüdischen Landwirtschaft abhänge. Gewiß haben in vielen Punkten diese Leute recht, aber es wäre falsch, deshalb allzu übertriebene Hoffnungen auf die Industrieentwicklung zu setzen. Mit welch übergroßen Schwierigkeiten sie in Palästina zu rechnen hat, ist allgemein bekannt. Unter diesen ist das Fehlen eines größeren inländischen Absatzmarktes im Lande ein wichtiger Faktor — nach unserer Überzeugung der wichtigste — aber doch nicht der einzige. Selbst wenn man von einer raschen Vergrößerung der landwirtschaftlichen Siedlung als Voraussetzung der Industrieentwicklung absehen wollte, blieben noch genügend andere große Schwierigkeiten übrig. Auch der gegenseitige Absatz der Erzeugnisse innerhalb der Industriebevölkerung erfordert, daß die betreffenden Industrien konkurrenzfähig gegen ausländische Produkte sind. Die Arbeiter der anderen jüdischen Industrien würden sich znm Beispiel keine in jüdischen Schuhfabriken Palästinas erzeugten Schuhe kaufen, wenn diese teurer und schlechter wären als importierte. Die Vorkämpfer der Industrialisierung sind sich der bestehenden Schwierigkeiten bewußt und verlangen, daß sich die Zionistische Organisation aktiv auf deren Überwindung einstelle. Durch die Schaffung eines Departements für städtische Kolonisation in der Zionistischen Exekutive wurde diesem Wunsche entsprochen. Leider aber fehlen diesem noch die Mittel. Besonders laut wurde der Ruf nach einer speziellen Industriebank erhoben, einer Kreditinstitutsart, die noch fast keine Vorbilder in anderen Staaten hat und gegen deren Errichtung auch schon gewichtige Bedenken geäußert worden sind. Die zionistischen Kongresse haben diese Gründung schon öfters beschlossen und nur aus Mangel an Mitteln konnte die Industriebank nicht ins Leben gerufen werden. Erst in letzter Zeit wurde ihre Errichtung durch die Zuweisung von 10 000 Pfund aus Keren-Hajessod-Mitteln ermöglicht. Nun ihre Gründung zur Tatsache wurde, ist es müßig, über ihre Notwendigkeit zu streiten, es handelt sich jetzt um ihre richtige Führung. Industrie und städtische Siedlung haben in den Zeiten der vierten Alijah stark unter der Grundspekulation und den hohen Mieten gelitten. Ohne 1 Aus dem Leitaufsatz der von Adolf Böhm herausgegebenen Zeitschrift „Palästina“ (Wien) Nr. 3. eine durchgreifende nationale und kommunale Boden- und Wohnungspolitik kann eines der grundlegendsten Bedürfnisse der zuströmenden Einwanderer, eben das Wohnungsbedürfnis, nicht zu normalen Bedingungen befriedigt werden. Trotzdem die bodenreformerischen Ideen der Gründung des Keren Kajemeth l’Jisrael zugrunde lagen, hat sich dieser aus nationalpolitischen Gründen auf den Kauf ländlicher Böden beschränkt. Doch auch in bezug auf ländliche Ansiedlung sind die Böden in der Nähe der Städte von größter Wichtigkeit, da auf diesen die für den Bedarf der Städter nötigen Produkte (Gemüse, Eier usw.), mit Vorteil erzeugt werden können. Heute fällt der Gewinn an dem Wachstum der jüdischen Stadtbevölkerung den in der Nähe der Städte wohnenden arabischen Bauern zu. Ein ganz anderer Problemkreis wird durch den „Nir“ aufgerollt. Die sozialen Neuschöpfungen in Palästina haben nicht mit Unrecht das Interesse der nichtjüdischen Welt, insbesondere der sozialistischen, sehr lebhaft entfacht. Man glaubt in Palästina eine „Arbeitergesellschaft“, die sich mit der Zeit eine völlige Autarkie (Selbstgenügsamkeit, Selbstversorgung), erwirbt, entstehen zu sehen. Tatsächlich gehen die Bemühungen der Arbeiterschaft nach dieser Richtung. Ländliche und städtisch-industrielle Kommunen sollen ihre Produkte gegenseitig austauschen durch das vermittelnde Glied der großen Arbeiterkonsumgenossenschaft (Maschbir). Die Kredite soll die Arbeiterbank geben, die Bauten der „Solei Boneh“ ausführen usw., indes das Grund- und Investitionskapital ganz oder zum größten Teile aus nationalen Geldern (Keren Kajemeth und Keren Hajessod) beigestellt werden soll. Wird diese Konstruktion genau durchdacht, und mit den sozialistischen Grundprinzipien konfrontiert, so ergibt sich die Notwendigkeit der Schaffung interessanter neuer Organisationsformen, deren eine die landwirtschaftliche Arbeitergesellschaft „Nir“ sein soll. In ihr werden nicht etwa die ländlichen Arbeitersiedlungen juristisch zusammengefaßt — so wie es etwa nach den Formen der europäischen Genossenschaftsbewegung der Fall sein könnte — sondern „Nir“ umfaßt alle ländlichen Arbeiter, auch die Lohnarbeiter in den Kolonien (in den Arbeitersiedlungen gibt es keine Lohnarbeiter) und diese Organisation, in der die organisierte Gesamtarbeiterschaft gesicherten Einfluß hat, soll einerseits dem Kolonisator, der Zionistischen Organisation als Kontrahent gegenüberstehen, anderseits die Oberaufsicht über die Siedlungen haben. Man sieht deutlich das Bestreben, die Gesamt arbeiterschaft als Gestor aufzustellen und dadurch das Aufkommen eines Genossenschaftsegoismus zu unterbinden. Gegen diese Konstruktion haben auch Arbeitersiedler opponiert, wie der bekannte Agronom Elieser Joffe von Nahalal. Auf der anderen Seite gab es Widerstand bei der Zionistischen Exekutive,