Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 21 (27.5.1927)
- Date
- 1927-05-27
- Page
- Seite 340 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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340 Das Jüdische Echo Nr. 21 che Briefe zu schreiben brachte er den Töchtern in der Frauenabteilung des alten Kloiss bei — (er war nämlich der Sohn des alten Schammes im Kloiss). Und er war ein großer „Schriftgelehrter“. Sein Schin, Schlusszadeh und Schlussphe hatten eine große Popularität. Aber nicht nur das: auch russische Adressen schrieb er für alle Einwohner unseres Städtchens und erregte auch damit allgemeinste Bewunderung. Und man erzählt von ihm: einmal kam eine Frau zu ihm, er sollte ihr eine Adresse nach Lodz schreiben. Hat er sich geärgert, daß sie keinen Brief nach Wilna haben wollte, weil er doch so ein schönes „W“ schriebe! Und weil das Unterrichtsgeld gering war in jenen Tagen (eine Kopeke für einen Brief), beschäftigte sich Chajim Notte nebenbei noch mit einem anderen Geschäft. Im Sommer und Herbst kauften die jüdischen Frauen Äpfel und allerlei Beeren und verkauften sie wieder an die Chederbochers, und zu diesen Unternehmungen lieh Chajim Notte ihnen Geld auf Prozente. Und bei diesem Bocher habe ich meine Uhr verpfändet und Geld geliehen. Schon zwei Tage, nachdem ich das Geld abgeschickt hatte (die schriftliche Arbeit hatte der Gymnasiast übernommen), stürzte ich auf die Post. Ich wußte ja, daß es noch zu früh war, aber vielleicht doch... Und von da ab ging ich zweimal wöchentlich, wenn die Postkutsche ankam, gleich nach dem Morgengebet, um nachzufragen, ob meine Lampen schon da wären. Umsonst! Nach 5Wochen bekam ich meine Taschenlampen. Mein Glück war nicht zu beschreiben! Alle Plage, aller Ärger waren sofort vergessen. Ich war bereit, sämtliche Postbeamten, die mich doch während der ganzen Zeit mit immer steigendem Mißtrauen beobachtet hatten, Moskau, ja die ganze Welt zu küssen. Die Ware wurde auf dem Boden der „Neuen Kloiss“ versteckt. Am nächsten Tag, als die Batterien eingesetzt und die Birnen eingeschraubt waren, fing ein Flüstern, Verhandeln und Unterhalten an, alle Augenblicke bat einer den Großvater, mal austreten zu dürfen, bis er schließlich erschrocken über die im Winter ganz ungewöhnliche Epidemie Rizinusöl anbot. Meine Taschenlampen eroberten sich natürlich eine große Popularität, und in zwei Tagen hatte ich all meine Ware verkauft, die Uhr ausgelöst und außer meinem Stammkapital, das ich in das Geschäft investiert hatte, kamen noch zwei Rubel Reingewinn für mich heraus. Bei dem Verkauf hatte ich übrigens jedem Käufer die Bedingung gestellt, nicht öffentlich auf der Straße zu leuchten, damit mein Großvater nichts merke: und dafür ließ ich dann jedesmal etwas vom Preis ab! — UeberkingerSprudel Süddeutschlands führendes Tafelwasser Generaldepot Eduard Kühles, München Tel 20542 Ledererstr. 12 Und ich besaß die gleiche Taschenlampe wie der Gymnasiast!! Aber man hatte scheinbar im Himmel beschlossen, daß mein Glück nicht allzu lange dauern sollte .... Denn schon am nächsten Tag, als ich neben meinem Großvater stand und Schemoneh-Essreh dawnete, da zupft mich Pinnele am Ärmel: ich solle mal zu ihm herauskommen, er hätte mir was zu sagen. Dieser Pinnele, ein Mjähriger Junge, war der Frechste und Ungezogenste im ganzen Städtchen: zu Pessach eine Ziege in das Haus von Josche, dem Glaser, hereinführen, wenn jener gerade den Propheten Eiiah erwartet, zu Sukkoth alle Tische und Stühle aus den Hütten verwechseln, von einem Ende der Stadt bis zum anderen, den Bräutigam an einer empfindlichen Stelle mit einer Nadel stechen, wenn er gerade mit einem feierlich-ernsten Gesicht unter der Chuppe steht und die Braut erwartet, abends die Mikweh bewachen und dann am nächsten Tag in der ganzen Stadt erzählen, welche jüdische Frau er hat hineingehen sehen, und die Daten in seinem Notizbuch aufzuschreiben, um genau die Geburten vorauszusagen, und noch vieles andere — das war seine Hauptarbeit, und immer war er der Anführer bei solchen Streichen. Es ist etwas nicht in Ordnung, habe ich mir gedacht. — Und richtig, als ich mich ihm näherte, zog er die Taschenlampe, die er am vorigenTag gekauft hatte, hervor — sie brannte nicht mehr. Hat er denn eine Lampe für zwei Stunden gekauft und dafür 70 Kopeken ausgegeben? So einen Dreck solle ich lieber alleine gebrauchen und ihm auf der Stelle das Geld zurückzahlen. Nichts half — mit zerbrochenem Herzen mußte ich dem Pinnele zwei Batterien umsonst geben. Aber als das bei den anderen bekannt wurde, kamen sie einer nach dem anderen mit der gleichen Forderung.... Ich mußte bankrottieren, und der Großvater erfuhr die ganze Angelegenheit.... Und durch wen? Durch diesen Pinnele. Er ging einfach zu ihm und forderte das Geld für die nicht mehr brennende Taschenlampe, die ihm sein Enkel verkauft habe! „Schöne Sachen hat dein Enkel gemacht“, wandte sich der Großvater zur Großmutter nach Abendbrot, wobei er das Wort „Dein“ so betonte, als ob sie die Schuldige wäre und er nur ganz nebenbei an solch einem Lausejungen beteiligt sei. Und erzählte ihr die ganze Geschichte. „Woher er das nur hat“, jammerte die Großmutter, „in unserer Familie waren doch — Gott behüte — niemals solche Verbrecher.“ „Und was wird dein Tachles sein“, jammerte der Großvater. „Was wird nur aus dir werden? Heute handelst du mit Taschenlampen und wahrscheinlich auch mit gestohlenem Geld, weh mir — denn woher kannst du soviel Geld haben — und morgen wirst du dich taufen lassen.“ Und so ging es immer weiter. Unter allen Talmudfolianten zeichnet sich der Traktat: Baba Bathrah an Größe und Dicke besonders aus. Und mit ihm hat der Großvater alle seine Urteile ausgeführt, und seine Schüler Vernunft gelehrt und zu guten Juden erzogen. Und auch dieses Mal zeigte er mir durch ihn den richtigen Weg. Von da ab hieß ich in unserem Städtchen: „der Moskauer Kaufmann“.