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Das jüdische Echo · 1927-04-22 · 16 (22.4.1927) · p. Seite 260

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
14 (1927)
Issue
16 (22.4.1927)
Date
1927-04-22
Page
Seite 260 (sequence 10)
Language
German
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260 Das Jüdische Echo Nr. 16 | || | Feuilleton ||| iniiii lllllllllll 1 ..11 Jerusalemer Extreme Von Hans Ambor (Jerusalem) Ein großes, elegantes Gartencafe. Schreiende und lärmende Jazzmusik einer erstklassigen Kapelle, dere Clou der trommelnde, pfeifende und sonstige Kunststücke vollbringende Neger ist. Es ist einer der täglichen „Afternoon-Five o’clock tea’s“ im Bristol in Jerusalem. Man glaubt sich in ein elegantes Gartencafe der Riviera versetzt, die Stimmung, die matte Lampionbeleuchtung, die grell-rot ausstaffierte und hellerleuchtete Bude der Jazzband, der schöne Tanzboden, alles läßt sich eher vermuten, als daß man im Orient, in der „heiligen“ Stadt Jerusalem ist. Auch das Publikum selbst läßt eher auf einen internationalen Luxusort schließen. Engländer, Amerikaner, Franzosen, Araber, Juden usw. Doch eines ist auffällig: Die Zirkel sind nicht wie sonst ziemlich streng abgegrenzt, nach Nationen einzuteilen. Man hört an demselben Tisch zugleich französisch, englisch, hebräisch und jiddisch. Es sind eben die als Engländer, Amerikaner usw. bezeichneten zum großen Teil Juden, die zum Besuch des Landes gekommen sind und sich miteinander in allen möglichen Sprachen unterhalten. Interessant, die tanzenden Paare zu beobachten. Teilweise in heller Somrnerkleidung, teilweise in kleiner Abendtoilette, Smoking, so tanzen sie zu den Weisen des Jazz, Foxtrott, Onestep und (wenig, aber doch schon beginnend) Charleston. Man verläßt das Cafe, diesen in jeder Hinsicht an Europa gemahnenden Treffpunkt der Eleganz, Internationalität und des Luxus, und tritt auf die hellerleuchtete Straße. Wenige Schritte nur — vorbei ist’s mit der grellen Straßenbeleuchtung. Wie Kolosse, gewaltig, erhaben und altersgrau türmen sich die Mauern Jerusalems vor uns auf, leuchtet als Silhouette der schlanke Turm der Davidsburg. Wir sind wieder mitten im Orient, in seinem heiligsten — und darob umstrittensten — Gebiet, vor den Mauern des alten Jerusalems. Diese Mauer, an welcher man fast Stein für Stein nachweisen kann, von welchem längst vermoderten Herrscher er gelegt wurde, gehört zu dem Interessantesten Jerusalems. Sie ist nur an einer Stelle unterbrochen, einer Stelle, die vom Größenwahn eines inzwischen entthronten Herrschers zeugt. Neben dem Jaffator mußte nämlich die Mauer anläßlich des Besuches Wilhelm II. durchbrochen werden, da er es nicht — wie alle Herrscher vor und nach ihm — über sich bringen konnte, die Stadt zu Fuß zu betreten, sondern einfahren mußte. Man betritt die Altstadt. Bis auf wenige, in letzter Zeit erst aufgestellte große Lampen am Vorplatz, alles in tiefes Dunkel gehüllt oder durch kleine, kaum erwähnenswerte Petroleumlämpchen spärlich beleuchtet. — Es ist bereits gegen 8 Uhr abends und die Läden des alten Marktes sind schon größtenteils gesperrt. Aber trotzdem herrscht noch ein Lärm und Geschrei hier, das zu dem Dunkel und der Stille der übrigen Altstadt kraß kontrastiert. Mehr noch als am Tage gleichen sich jetzt im Dunkel diese engen Gäßchen und Straßen, die vom Markt abzweigen, mit ihren Kuppeldächern, den Bogenverbindungen von einem Haus zum andern, die manchmal an die Brücken der kleinen Ries in Venedig erinnern ... Aus der dunklen, dumpfen, alten und darum doch so interessanten und unsagbar reizvollen Altstadt Jerusalems geht’s wieder heraus und ein Autobus führt uns in eines der neuen Villenviertel, die sich um Jerusalem erheben, wachsen und blühen. — Wieder meint man sich aus dem Orient wegversetzt, in ein modern europäisches oder amerikanisches Cottage. Elegante, hübsche kleine Villen, ein bis höchstens zweistöckig, von Garten und Gärtchen umgeben, anheimelnd und einladend. Unsichtbar und doch fühlbar steht auf all diesen Häuschen das englische Nationalsprichwort geschrieben: My home is my castle! Wenn es aber tatsächlich geschrieben stünde, dann wäre es auf hebräisch! Denn alles hier ringsum ist Gebiet des neuen jüdischen Lebens. Die Kinder auf der Gasse, die fröhlich spielenden, singen hebräische Lieder, Lieder, die mit dem, was man früher unter jüdischem Lied verstanden hat, nichts, aber auch gar nichts gemein haben. Frei sind sie von der Schwermut und Sentimentalität der alten Galuth-Lieder, fröhlich und jubelnd sind sie, richtige Kinder- und Jugendlieder! Von einem der Häuser droht gespenstisch, einem Blitzableiter ähnlich, eine Hochantenne in die Nacht. Tausende Kilometer weit ist es — und doch hört man ganz nahe Wien, Paris, London, Berlin, Rom und spät, um 3 Uhr nachts, sogar Neuyork.... Ein Sabbathabend bei einer seit Jahrzehnten hier ansässigen jüdischen Familie. Der Vater kommt aus dem Tempel in das hellerleuchtete Zimmer, in dem die Sabbathlichter feierlich leuchten. Er macht den Kiddusch, wie er ihn von seinem Vater gehört hat und dieser wieder von seinem Vater, im Singsang und in der Melodie des askenasischen Judentums. Nach ihm aber der Sohn, der den Wein für seine Jungen segnet. Der Mann ist schon ein Sohn des Landes, des neuen Landes. Anders ist sein Beten, anders die Aussprache im Neuhebräischen, es ist an einem Tisch der Unterschied des Galuths und des neuen Jischuws!.... Nicht daß es weniger feierlich wäre, wie so viele sagen, der Freitagabend, die Sabbatbraut haben von ihrer Weihe nichts eingebüßt, im Gegenteil. Denn gehen wir hinaus, nach dem Abendessen und „Benschen“, in das sabbatliche Jerusalem. Ein Leben und Treiben herrscht hier, wie sonst nie um diese Zeit. Mädchen und Jungen, Chaluzim und Ghaluzoth, in festlich weißen oder glänzenden schwarzen Chulzoth, der dem russischen Arbeitshemd ähnlichen Bluse, ergehen sich in fröhlichem Bummel auf der Jaffastraße. Es ist Sabbat, Feiertag. Hier trifft man seine Bekannten, Freunde, die in der ganzen Woche schwer arbeiten, im Kwisch, in den Steinbrüchen usw., und erfrischt sich in der herbstlich kühlen Abendluft, die von den Jerusalem umgebenden Bergen herüberweht. Gleiches Leben und Treiben, aber doch eigenartig feierlich, hastlos, den ganzen Sabbat über, und Samstagabend, an dem es seinen Höhepunkt erreicht. Denn es sind die letzten freien Minuten, vor den schweren Arbeitstagen der Woche, da es zu helfen gilt, da und dort, am Bau, am Wiederaufbau Erez Israels! 99999999999999999999999999

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