Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 2 (14.1.1927)
- Date
- 1927-01-14
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 2 14. Januar 14. Jahrgang Redaktionsschlufi für die nächste Nummer: Dienstag abend I Ächad Haam I „Achad Haam“ — „Einer aus dem Volke“, so zeichnete der jüdische Kaufmann Ascher Ginsburg aus Odessa zum ersten Male einen „Lo se hoderech“ (Nicht dies ist der Weg) betitelten Artikel, der 1889 in der hebräischen Zeitung „Hameliz“ erschien. Einer aus dem Volke sprach da unbeirrt von allen Bindungen und Rücksichten, unbekümmert um alle Propaganda die Wahrheit, kritisierte die kolonisatorischen Arbeiten der Bewegung der Zionsfreunde in Palästina und zeigte ihr eine neue, große Aufgabe: Aller praktischen Tätigkeit müsse die Erweckung der jüdischen Herzen vorangehen. Der unerschütterliche Mut zur Unpopularität, der so schon den Beginn von Achad Haams publizistischer Tätigkeit kennzeichnet, blieb der wesentlichste Zug seiner ganzen späteren Wirksamkeit. Niemals redete Achad Haam irgendeinem Menschen oder einer Sache zu Liebe oder zu Leide, wenn es nicht seiner tiefsten Überzeugung entsprach, niemals verlockte ihn Aussicht auf Erfolg; immer aber besaß er die Kraft gegen den Strom zu schwimmen und seine ganze Persönlichkeit für das als richtig Erkannte einzusetzen. Merkwürdig ist allerdings die Wahl gerade dieses Pseudonyms; denn abgesehen davon, daß „Achad Haam“ schon durch seine absolute Beherrschung des europäischen und jüdischen Wissens das allgemeine Niveau weit überragte, stellte er sich doch auch durch seine Ansichten bis in sein spätes Lebensalter in einen nahezu ständigen Gegensatz zur öffentlichen Meinung; immerhin ist dieser zu seinem eigentlichen Namen gewordene Schriftstellername ein Ausdruck der großen und ehrlichen Bescheidenheit, die Achad Haam auszeichnet. Achad Haam war kein Führer im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Er verstand es nicht, die Menschen zu entflammen und zu großen Taten anzufeuern; er hat keine einzige praktische Leistung von Belang aufzuweisen: der von ihm begründete Orden „Bnei Mosche“ war von Anfang an zur Bedeutungslosigkeit verurteilt und verschwand, als Theodor Herzl die Parole des „Judenstaats“ ausgab; ja nicht einmal zu der von ihm selbst gestellten Aufgabe der „Erweckung der Herzen“ konnte er Entscheidendes beitragen. Er war alles andere als ein Propagandist; seine im wesentlichen rationalistische und evolutionistische Grundeinstellung, die jede Art von chiliastischem Gedanken perhorreszierte, müßte alle, auf die er überhaupt Einfluß hatte oder gewann, zwar kritisch zu denken lehren, aber Gefühle zu erwecken, dazu waren seine Schriften kaum geeignet. Worin besteht nun seine Leistung für den Zionismus, für das jüdische Volk? Zunächst ist sie rein kultureller Art: Wenn Achad Haam auch stets abgelehnt hat als Schriftsteller zu gelten, wenn er auch nur dann zur Feder griff, wenn er wirklich bestimmte Dinge nicht schweigend hinnehmen konnte, ohne seinem Charakter untreu zu werden, so ist doch er es, der dem neuhebräischen Stil eine ungeahnte Klarheit und überraschende Prägnanz gegeben, die hebräische Sprache auf eine höhere Entwicklungsstufe geführt hat. Daß das Hebräische nach langem Kampfe mit dem Hilfsverein der deutschen Juden im palästinischen Schulwesen endlich vollständig triumphierte, ist jedenfalls ihm, seinem treuesten Vorkämpfer, der niemals eine Zeile in einer anderen Sprache veröffentlichte, zu verdanken. Nicht weniger bedeutend sind aber die in vielen Aufsätzen ausgesprochenen Gedanken Achad Haams. Er faßt das Judentum auf als ein lebendiges Volk. Dieses jüdische Volkstum ist nicht formal (durch Land oder Sprache usw.), sondern inhaltlich, und zwar durch einen kontinuierenden geistigen, von einer dreitausendjährigen Geschichte entwickelten, Lebensprozeß bestimmt. Soll das Judentum weiter bestehen, so wird das davon abhängen, ob und wie die Fortdauer dieses geistigen Prozesses verbürgt ist: die Zerstreuung der Träger des Judentums bedeutet eine ernsthafte Gefahr für dessen Existenz. Deshalb ist eine Konzentration der Juden in Palästina notwendig, und zwar eine solche, die mindestens eine von der geistigen Knechtschaft des Galuths befreite Produktion und Fortbildung jüdischer Ideen ermöglicht: ein jüdisches nationales Zentrum. „Palästina wird einst ein geistiges nationales Zentrum für das Judentum sein, ein Zentrum, das dem ganzen Volke lieb und teuer ist und das ganze Volk vereinigt und verbindet, ein Zentrum der Thora und der Wissenschaft, der Sprache und Literatur, der körperlichen Arbeit und der seelischen Reinheit, eine echte Miniatur des jüdischen Volkes, wie es sein sollte.“ Dieses nationale Zentrum wird zwar auch das jüdische Leben im Galuth stärken, die Juden wieder fester aneinanderbinden; es kann aber nicht die Lösung der Judennot bringen. Immer wird es Juden im Galuth geben müssen und keinesfalls wird die Kolonisation Palästinas in ihren Anfängen eine Erleichterung der jüdischen Situation überhaupt bedeuten; sie wird nur dann gelingen können, wenn man nicht irgendwelche pseudomessianischen Gedankengänge mit ihr ver-