Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- 34 (20.8.1926)
- Date
- 1926-08-20
- Page
- Seite 545 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 Das Jüdische Echo 545 den Umständen anführen können, besonders die erlebte Ghettozeit mit ihren Folgen. „Es ist richtig“, fährt Nordau fort, „daß nur zu viele Juden eine schlechte Haltung haben. Aber sie ist ihnen keineswegs natürlich. Sie ist lediglich die Folge fehlender körperlicher Erziehung. Ich habe mir von Unteroffizieren sagen lassen, daß nicht nur der arische Taglöhner, Geselle und Ladenschwengel, sondern auch der Pflugknecht, der Bursche vom Lande, der doch Gelegenheit hatte, seine Glieder frei zu bewegen und zu üben, viel begriffsstutziger sind als die jüdischen Rekruten und daß ihre militärische Ausbildung viel mühseliger und langsamer ist als die ihrer jüdischen Kameraden aus denselben oder ähnlichen Volksschichten.“ Hier berührt Nordau das Moment, das ihn dazu geführt hat, die große Fähigkeit der Juden zu allen Sportarten anzuerkennen: das gewandte rasche Erfassen, die geistige Beweglichkeit. In dem erwähnten Aufsatz schließt sich eine kurze ethnographische und antropologische Betrachtung dem vorhergehenden an und mit folgenden Worten kommt er auf sein Thema zurück: „Es gibt beim gesunden Menschen keine natürliche unabänderliche Muskelschwäche und man führt verwickelte Bewegungen, also solche turnerischer Natur, nicht mit den Muskeln aus, sondern mit den Bewegungszentren im Gehirn. Unsere Muskeln sind hervorragend entwicklungsfähig; ohne Übertreibung kann man sagen, niemand braucht sich mit den Muskeln zufrieden zu geben, die er hat. Kraft ist aber bekanntlich beim Turnen nicht das Ausschlaggebende, worauf es wesentlich ankommt, das sind drei Bedingungen: 1. Rücksichtslose Kühnheit. 2. Vollkommene Beherrschung aller Muskelgruppen, deren genaues harmonisches Zusammenwirken bei der Ausführung einer verwikkelten Bewegung erforderlich ist, 3. rasche und scharfe Ausarbeitung des Bildes der auszuführenden Bewegung in der Vorstellung unter Ausschließung aller Hemmungsvorstellungen banger und zweifelnder Natur.“ Vielleicht gibt uns die Tatsache, daß Nordau ein System seines Erziehungsbildes aufstellte, den besten Anlaß, ihn als den Vater der jüdischen Turnbewegung zu bezeichnen.. Freilich läuft letzten Endes alles in diesen drei Punkten auf eine bewußte Gehirntätigkeit hinaus. Es ist aber hier nicht der Platz einer kritischen Betrachtung gegeben, wir wollen Nordaus Gedanken kennenlernen und sie durch nichts trüben, auch nicht durch eine sachliche Kritik. Aus der geschilderten Einstellung Nordaus resultiert folgerichtig die Erkenntnis, daß geistige Flinkheit, Helle und Schärfe die notwendige Voraussetzung der leiblichen Geschmeidigkeit und Gewandtheit ist. Das eine deckt sich vollkommen mit dem andern. „Man verstehe mich nur recht,“ schreibt er weiter, „ein kluger, beweglicher durchdringender Verstand allein macht noch keinen Athleten .. aber keine angeborene oder erworbene Muskelkraft ist imstande, aus einem stumpfen, einfältigen, langsamen Tölpel einen Athleten zu machen. Ich kenne keinen einzigen Sport, es wäre denn der rohe und geistlose Fußball, wo der klobige, brutale Tolpatsch dem panterähnlich blitzgewandten Geistesmenschen überlegen wäre oder auch nur gleich käme. An unserer geistigen Begabung zweifeln auch unsere Todfeinde nicht. Sie müssen uns Verstandesschärfe, geistige Beweglichkeit, schnelle Auffassung zugestehen, nur suchen sie lächerlicherweise diese Werte, weil es jüdische sind, in Unwerte umzuwerten, worin die erbärmlichen Idioten von jüdischen Antisemiten mit ihnen übereinstimmen.“ Wir geben gerne diese letzten Ausführungen mit Nordaus eigenen Worten wieder; denn man kann eindeutig daraus erkennen, welche Sorge ihm der Weg einer körperlichen Erziehung für sein Volk, sein neues jüdisches Volk, machte. Es sind wertvolle und schöne Gedanken, deren Verwirklichung heute manchmal wohl anders., deren Erfolg aber der gleiche ist: Für unser neues Land neue Menschen, oder, was ebenso gilt, für unsere alte Heimat wieder Menschen wie unsere alten Helden! Lit. Echo Palästinaliteratur. Samuel Klein, Erez Jisrael (hebräisch). 148 Seiten. Verlag „Menorah“, Wien. Der frühere Oberrabbiner, jetzt Professor für historische Geographie an der Universität in Jerusalem, schrieb im Jahre 1922 ein Lehrbuch der Geographie Palästinas für Volks- und Mittelschulen, gleichzeitig als Hilfsmittel für Thenachstudium gedacht. Einer Bemerkung im Vorwort zufolge soll historische und Gegenwartsgeographie möglichst innig verknüpft werden. Der Zeitpunkt der Abfassung war insofern ungünstig, als in den ersten Nachkriegsjahren sich noch kein fester Zustand herausgebildet hatte. So wirkt das Buch in aktuellen Teilen veraltet. Bedauerlich ist, daß im Stil alter Länderbeschreibungen Natur und Mensch völlig getrennt behandelt werden. Die physikalische Geographie stellt eine gute Zusammenfassung alter und neuer Forschungsergebnisse dar. Einige Abschnitte sind sehr gut gelungen, so die Beschreibung des Toten Meeres. Jedoch fehlt die kausale Verknüpfung der einzelnen Tatsachen und man fühlt, daß der Autor sich auf diesem Gebiete nicht genügend heimisch fühlt. Das kommt namentlich im Abschnitt über das Klima zum Ausdruck. Hier fehlt auch die Veranschaulichung durch Kurven und Tabellen. Auffallend ist, daß ein Abschnitt über historische Geologie völlig fehlt. (Sollte hierin eine Absicht stecken?) Nützlich ist die deutsche Übersetzung der schwierigeren Tier- und Pflanzennamen. Den Hauptteil des Buches bildet die Beschreibung der Siedelungen, nach natürlichen und historischen Provinzen geordnet. Jede Ortsschilderung ist eine historische Monographie von oft sehr pakkender Wirkung. Prachtvoll ist der Abschnitt über Jerusalem. In diesem Teil steckt der Hauptwert des Buches. Die ganze Geschichte des Landes wird lebendig. Die Beschreibung des gegenwärtigen Zustandes ist natürlich längst überholt. So wird Tel-Awiw kaum erwähnt, — alle Zahlenangaben beziehen sich auf die Volkszählung von 1920. Sehr wertvoll sind die Anmerkungen, in denen die biblischen, talmudischen und modernen Quellen genannt sind. Ganz besonders rühmend erwähnt sei das Ortsregister. In drei Abteilungen: a) die alten Namen aus Bibel und Talmud, b) die alten griechischen und römischen Namen, c) die modernen hebräischen und arabischen Namen, ist jede Stadt sofort im Text zu finden. Die Bilderbeilage am Schluß des Buches ist sehr spärlich und ungewöhnlich schlecht, namentlich drucktechnisch. Auch die bei-