Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- 34 (20.8.1926)
- Date
- 1926-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 34 20. August 13. Jahrgang Hokuspokus Wenn in Schaubuden Artisten dritten Ranges vor einem staunenden naiven Publikum Taschenspielerkünste vorführen, pflegen sie durch bombastische Redewendungen die Aufmerksamkeit der ohnehin wenig kritischen Zuschauer abzulenken. Für derartige Schaumschlägereien und Spekulationen auf kindlich naive Gemüter verwendet man die Bezeichnung Hokuspokus. Wenn man die assimilatorische jüdische Presse in Deutschland liest, begonnen von der Centralvereinszeitung über das Magdeburger Wochenblättchen bis zum Hamburger Israelitischen Familienblatt, und ihre Stellungnahme zu grundlegenden Problemen oder zu aktuellen Vorgängen verfolgt, so erinnert man sich unwillkürlich an Taschenspielerkünste und an den Hokuspokus von Schaubudenartisten. Schrieb da ein ernster, in seinem Urteil und seinem Wahrheitsdrang unbestechlicher jüdischer Publizist in einer angesehenen Wochenschrift über das Judenproblem und legte an die Verhältnisse, in denen die Juden leben, die kritische Sonde an. Flugs bemühte sich der Direktor des Centralvereins in höchst eigener Person und versuchte diesen Schriftsteller zu widerlegen. Hatte der bewußt jüdische Autor festgestellt, daß die geistig höherstehenden Juden sich ihrer abnormalen Situation in der nichtjüdischen Umwelt bewußt werden, so entgegnete der Führer des Centralvereins erstens, daß Nationalismus Rückschritt bedeutet (er hingegen darf national ein Deutscher sein!), daß schon nach päpstlicher Meinung das Judentum dadurch gekennzeichnet sei, daß bei diesem Ethos vor Logos stehe und daß schließlich dieser jüdisch-bewußte Autor zugewandert sei und kein Verständnis für die Empfindungswelt eines deutschen Juden (lies Assimilanten!) haben könne. In derselben Nummer der Centralvereinszeitung wird gegen Börries von Münchhausen — übrigens mit voller Berechtigung — Sturm gelaufen, weil dieser behauptet, Jüdischblütige könnten kein Verständnis für Deutschblütig e s haben. Also Börries von Münchhausen hat unrecht, hingegen hat der Direktor des Centralvereins mit seiner Behauptung, ein zugewanderter Jude könne keinen deutschen Juden verstehen, recht. Nimmt man das Zitat von Ethos und Logos und hierzu das Spiel mit dem Unverständnis für deutsch-jüdisches Wesen, so hat man ein richtiges Gedankendurcheinander. Denn was hat die Feststellung der Tatsache, daß Juden, die sich in irgendeiner Hinsicht als Juden fühlen, ihrer unterschiedlichen Wesensart gegenüber den Nichtjuden bewußt werden, mit dem in diesem Zusammenhänge völlig abwegigen Jonglieren mit den Worten Ethos und Logos zu tun? Der Centralvereinszeitung kann man schließlich ein derartiges Argumentieren noch dahingehen lassen. Der Centralverein ist auf einem auf Beweiskraft verzichtenden Dogma aufgebaut. Seine Grundsätze sind Glaubenssache und wenn man ihm hundertmal mit Gründen, mit Beispielen, mit eklatanten Tatsachen kommt, so antworten seine Wortführer: „Wir sind Deutsche und Juden.“ Da kann man weiter nichts machen. Die Leute haben ihr Dogma und glauben daran. Was aber soll man zum „Hamburger Israelitischen F a - m i 1 i e n b 1 a 11“ sagen, das vorgibt, neutral und überparteilich zu sein und Nummer für Nummer in seinen Artikeln es für notwendig hält, in völlig unbegründeter Weise gegen den Zionismus und gegen zionistische Institutionen loszuziehen? Natürlich geschieht das in dem Tonfall, der Kennzeichen assimilatorischer Tagesjournalistik ist. Das Hamburger Familienblatt beschäftigt sich in seiner letzten Nummer mit dem Falle Haas. Der Autor hat die einschlägigen Artikel in der Tages- und in der zionistischen Presse gelesen und kommt ähnlich wie der Frankfurter „Israelit“ zum Ergebnis, daß Haas hauptsächlich darum Opfer des Magdeburger Justizskandals wurde, weil man in ihm den Juden und dessen Gesinnung treffen wollte. Der Schreiber stellt ferner die Analogie zwischen dem Falle Haas und dem Steiger-Prozeß fest. Er sieht weiter ein, daß der Untersuchungsrichter Kölling eine Gattungsbezeichnung darstellt und kommt schließlich zur Erkenntnis, daß in absehbarer Zeit sich in der judenfeindlichen Einstellung wenig ändern wird, denn „Menschen lassen sich nicht von heute auf morgen umkrempeln“. Dieser Extrakt aus dem langen Aufsatz des Artikelschreibers im „Israelitischen Familienblatt“ klingt ganz vernünftig, und man sieht, daß der Autor gegen seinen Willen sich von den Ausführungen in der zionistischen und jüdisch-bewußten Presse hat belehren lassen. Das aber mag er doch nicht eingestehn. Er kann seine eingelernte assimilatorische Einstellung nicht verleugnen und möchte es nicht mit den deutschjüdischen Assimilanten verderben. Also würzt er seinen zitatenreichen Aufsatz mit einem Angriff gegen die zionistische Provinzpresse. Er schreibt: „In einem Leitartikel, der die Runde durch die zionistische Provinzpresse gemacht hat, wird sogar der Fall Lessing mit Magdeburg in Zusammenhang gebracht...“ und zitiert dann den Schlußabsatz eines in jüdischen Provinzzeitungen erschienenen Artikels, in dem zum Ausdruck gebracht wird, daß Erscheinungen wie der Fall Lessing, die Ritualmordlegende in Breslau und der Fall Haas Begleitumstände der Tatsache darstellen, daß die Juden in der Diaspora nur eine schwache Minorität sind. Der Artikelschreiber des Familienblattes fügt hämisch hinzu: „Es liegt nahe, den Sachverständigen für Exil und Machtverhältnisse an Palästina zu erinnern, wo bekanntlich gewisse Araber die zionistische Minorität mit Rosen bombardieren.“ Also: Man darf zwischen dem Fall Haas und dem Steiger-Prozeß eine Analogie hersteilen, hingegen ist es eine zionistische Eselei, Magdeburg mit dem Fall Lessing in Verbindung zu br'ingen. Ferner: Die Tatsache, daß nationalistische Araber gegen die Zionisten sind, was niemals verleugnet oder beschönigt wurde, ist