Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1926
- Issue
- 5 (7.5.1926)
- Date
- 1926-05-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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MITTEILUNGEN des Israelitischen Lehrervereins für Bayern Schrütlcitung: M. Rosenfeld, München Nr. 5 München, 7. Mai 1926 Emanuel Kirschner: Thillos Tel eljon Band IV: Gesänge für jcmim noroim. Zu einer Zeit, da die Synagogengesangskomposition auf einem toten Punkt angelangt erscheint, und manch jüdischer Musikkritiker unter geringer Einschätzung der vorhandenen traditionellen Gesänge der Verwendung jener Musik für den Gottesdienst das Wort redet, die nur „modernem Musikempfinden" zu entsprechen braucht, im übrigen aber wohl von weltlichem Charakter getragen sein kann, in einer solchen Zeit meldet sich gleichsam als ernster Mahner ein Meister des Synagogengesangs mit einem umfassenden Werk, dessen Zweck er klar und deutlich in seinem Vorwort ausspricht, nämlich: Die Bewahrung des traditionellen musikalischen Erbgutes. Von diesem Streben, das sich in allen Werken Kürschners offenbart, legt in ganz besonderem Maße der 4. Hand seines T'hillos Tel eljon Zeugnis ab. Nicht etwa, daß der Komponist sich damit begnügt, vorhandene synagogale Weisen musikalisch zu fixieren, um sie vor dem Vergessen zu schützen, sondern er hat es meisterhaft verstanden, diese unter Anwendung hoher musikalischer Satzkunst in melodischem Fluß sich bewegender Begleitung und interessantem harmonischem Aufbau in eine Form zu kleiden, die jeden Fachmann mit Bewunderung erfüllen muß. Bei vielen Synagogengesängen selbst namhafter Komponisten finden wir die Tradition nur in den Solopartien des Kantors gewahrt, während die Chorsätze zumeist in freier Komposition entstanden sind. Kirschner zeigt uns, daß die herrlichen alten Weisen auch für den Chorsatz in Betracht kommen, wie sie ästhetisch und künstlerisch einwandfrei verwendet, in den Chorgesang eingeflochten und verwoben w erden können. Des Originellen findet sich dabei zur Genüge. Man betrachte sich die geschmackvolle Vertonung der verschiedenen S'lichoß, wie Stilechtheit, tonartliche Eigentümlichkeit und innerer Gefühlsgehalt erhalten bleiben; ja man kann sagen, daß durch die musikalische Illustration der Charakter dieser Gesänge nicht etwa abgeschwächt oder gar verwischt, sondern im Gegenteil mit besonderer Prägnanz hervorgehoben und zu tieferem Fmpfinden gebracht wird. Bs würde an dieser Stelle zu w eit führen, wollte man die einzelnen Piecen nach ihrer Beschaffenheit und Wirkung besprechen. Wer den Stimmungsgehalt des Uw'schofor godol, Uß'schuwoh, der Widdui usw. hat auf sich wirken lassen, den Schwung der K'duschoh, die Erhabenheit des Adonoi Adonoi empfunden hat, der weiß diese Schöpfungen gebührend zu würdigen. Noch ein kurzes Wort über die Rezitative. Daß dieses Chasonus, speziell an den jomim noroim zu dem schwierigsten Teil des synagogalen Gesangs gehört, weiß jeder Kantor aus eigener Praxis. Einerseits wird die süddeutsche Art in ihrer klaren, einfachen, auf die Dauer aber oft eintönig sich gestaltenden Weise rezitiert, anderseits besteht der sogenannte polnische Gesang mit seiner reichen in der Improvisation sich ausladenden Phantasie, seineu temperamentvollen, impulsiven Gefühlsausbrüchen. Fr ist gesanglich schwieriger zu bewältigen und entspricht nicht immer dem ästhetischen, neuzeitlichen Fmpfinden. Kirschner zeigt uns den goldenen Mittelweg, die Verbindung der beiden Arten, die in leicht sangbarer Weise einen phantasiebeschwingten, aus dem Textinhalt hervorgehenden Vortrag ergibt. Es ist selbstverständlich, daß das bei M. W. Kaufmann in Leipzig erschienene Werk im Besitze eines jeden Kantors sein muß, denn der Komponist tritt in vorliegendem Werk nicht nur als Mahner in die Erscheinung, sondern auch als Wegweiser und Wegbereiter, indem er uns in überzeugender Klarheit Wesen, Weg und Ziel der traditionellen Synagogenmusik für eine weitere Zukunft vor Augen führt: in seinem Schaffen findet sich veranschaulicht die Eigenart echter und edler Synagogenmusik, wie sie sich wohl für immer als richtunggebend darstellt, wobei das dem gediegenen Zeitgeschmack entsprechende ästhetische Gewand als wichtige Komponente, die Bewahrung des traditionellen .,musikalischen Erbgutes" aber als Dominante aufzufassen ist. A. Müller, München. Fortbildungskurs in Stuttgart Am 11. und 12. April fand in Stuttgart die vom Oberrat einberufene und von Rabbiner Dr. Rieger geleitete Fortbildungskonferenz der Rabbiner und Lehrer Württembergs statt. Vor zwei Jahren eingeführt, bietet sie nicht nur eine Fülle geistiger Anregung, sie legt auch rühmliches Zeugnis ab von dem kollegialen Geist in dem Verhältnis zwischen Rabbiner und Lehrer Das erste Referat erstatteteRabbiner Dr. Schlesinger (Buchau) über: Grundsätzliches zur Frage des jüdischen Religionsunterrichts. Alsdann behandelte Religionslehrer und Kantor Adler (Stuttgart) das Thema: Das Rezitativ im synagogalen Gottesdienst. Die temperamentvoll vorgetragenen Anschauungen des Referenten und die sich anschließende Diskussion erregten lebhaftes Interesse bei den zahlreich anwesenden Zuhörern. Am nächsten Tage führten die zwei Lehrproben der Oberlehrer Berlinger (Buttenhausen) und Spatz (Rexingen) in die Werkstatt des Lehrers, in die Schulstube. Das Schülermaterial rekrutierte sich aus Zöglingen des israelitischen Waisenhauses in Eßlingen. 4. und 5. Volksschulklasse. Auf dieser gut fundierten Grundlage versuchte Berlinger praktisch nachzuweisen, wie aus dem Übersetzungsunterricht im Pentateuch den Schülern auch die biblische Geschichte vermittelt w erden könne. Bei aller Anerkennung seiner pädagogischen Gewandtheit, seiner herzenswarmen Einfühlung in die jüdische Kinderseele, vermochte