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Das jüdische Echo · 1926-04-30 · 18 (30.4.1926) · p. Seite 290

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
13 (1926)
Issue
18 (30.4.1926)
Date
1926-04-30
Page
Seite 290 (sequence 14)
Language
German
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290 Das Jüdische Echo Nr. 19 Die Vor- und Fortbildung des Kantors Von A. Mü Iler, München. (Schluß.*) II. Auf gesanglichem Gebiete: 1. Bis zum Austritt aus der Kantorenschule muß -tön gewisser Grad von Stimmschulung erreicht werden. Von geschulter Stimme kann man in einem Aller von 18 bis 20 Jahren, in welchem bei manchem die Mutation noch nicht beendet ist, nicht oder nur ganz selten reden. Außerdem ist eine eingehende, individuelle Stimmschulung im Seminar wegen Zeitmangel nicht möglich. Indessen ist bei schonender Stimmbehandlung eine vorsichtige, dabei fachmännische Schulung doeb am Platze. Anleitung zum richtigen Sprechen, zur deutlichen Artikulation, was ja auch für den Lehrer von größter Wichtigkeit ist und bis jetzt viel zu wenig oder gar nicht beachtet wurde, kann und soll gegeben werden; eine Veredelung des vorhandenen Materials, eine schöne Tongebung, ein würdevoller Vortrag, eine richtige, in hygienischer wie auch in gesangstechnischer Hinsicht dem Satzsinne entsprechende Atemführung soll angestrebt werden. Der Kantor hüte sich, und ganz besonders am Anfang seiner Tätigkeit, da die Stimme noch verhältnismäßig zart und empfindlich ist, vor allzu verschwenderischem Gebrauch seiner Stimmmittel. Gerade die mit großer Stimme begabten Sänger lassen sich gerne verleiten, ihrer Stimme mehr zuzumuten, als sie ertragen kann, zu forcieren, mehr herzugeben, als sie besitzen, nur um die Stimme recht groß und mächtig erscheinen zu lassen. Abgesehen davon, daß Stimmathletik und Stimmprotzentum kein Gesang ist, der Anspruch auf Schönheit machen kann, rächt sich dieses Gebahren einmal an der Gesundheit der Stimme. Häufige Indisposition, unfreiwillige Schonungspausen, langwierige Halskuren sind die unausbleiblichen Folgen. 2. Die Beherrschung des Synagogengesanges steht natürlich im Mittelpunkt des kantoralen Könnens. Ich meine damit nicht, daß mir einer eine große Auswahl von K’duschoß, von L’^tfiododi usw. Vorsingen kann; das gibt sich in der Praxis von selbst. Aber in Piutim, Jozroß, S’lichoß usw. muß er zu Hause sein. Dem Vortrag der Rezitative, insbesonders Malchioß, Sichronoß und Schofroß ist die größte Beachtung zu schenken. Näher auf diese an sich so wichtige Disziplin einzugehen, ist mir im Rahmen meines Vortrags leider nicht möglich. 3. In der Musik sind außer Gesang noch folgende Fächer zu beachten: 1. Klavierspiel. 2. Orgel (nicht allein wegen ihrer Verwendung beim Gottesdienst, sondern schon allein musiktechnisch halte ich die Fähigkeit des Orgelspielens für sehr wichtig). 3. Musiktheorie (Harmonielehre, Kontrapunkt). 4. Geschichte der Musik und des Synagogengesanges. 5. Chordirigieren. Zur praktischen Übung im Vorbeten ist die regelmäßige Abhaltung eines Seminargottesdienstes von wesentlicher Bedeutung. Nach Darlegung der Richtlinien für die Vorbildung .gibt sich der Weg für die Fortbildung von selbst. Übung und Vertiefung in dem bisher Erlern- * Vergl. Nr. 15 u. 16 des „Jüd. Echo“. len, sowohl nach der wissenschaftlichen, wie nach der technischen und künstlerischen Seite hin. Werke wie Elbogen: Der jüdische Gottesdienst, Zunz: Die gottesdienstlichen Vorträge, Die synagogale Poesie des Mittelalters, Der Ritus des synagogalen Gottesdienstes müssen geistiger Besitz werden. Vervollkommnung im chasonischen Gesang durch Studium wertvoller synagogaler Kompositionen ist anzustreben. Der Kol Rinnoh ut’filloh sollte schon in der Kantorenschule so gut wie auswendig gelernt werden. Für chasonische Studien, ich meine damit die traditionellen Gesänge, spez. die Rezitative sind der Baal T’filloh von Abraham Bär, Schir lisch’lomoh von Aron Friedmann und die Vorbeterschule von Moritz Deutsch zu empfehlen. Für Chorwerke und künstlerische Sologesänge sind der Schir Zijon von Sulzer, Todoh w’ simroh von Lewandovski, S’miros l’el choj von Löwenstamm und T’hillos L’el eljon von Kirschner vorbildlich. Freilich gilt auch hier des Dichters Wort: „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum.“ Es genügt nicht, die Gesänge den Melodien nach zu kennen, sondern man muß wissen, w i e sie zu singen sind. Nicht jedem ist es gegeben, eine Komposition, die ja nur eine Skizze darstellt, zu beseeltem Leben zu gestalten, Kunst und Geschmack hineinzulegen, resp. herauszuholen. Deswegen soll der junge Kantor keine Ge legenheit versäumen, tüchtige Berufsgenossen zu hören, ihnen all die Feinheiten abzulauschen, die der Künstler mit spielender Selbstverständlichkeit, der Anfänger nur nach langen mühevollen Studien darzubieten vermag. Die Kollegen — das wurde schon oft angeregt, geschieht aber leider nicht (wegen der Ungunst der Verhältnisse war es in den vergangenen Jahren auch nicht möglich — sie sollten sich in ihren Bezirken von Zeit zu Zeit zusammenfinden und in gesanglichen Vorträgen, beruflichem Gedankenaustausch gegenseitig voneinander lernen. Keine Lehrerkonferenz ohne kantorale Vorträge! Wer mag auch religiöse Musik nicht gerne hören? Und so verbindet sich das Angenehme mit dem Nützlichen, d. h. mit dem Lehrreichen. Daß unser Vorstand sich von diesen Gedanken hat leiten lassen, beweist sein Wunsch, daß nach Beendigung meiner Ausführungen einige Kollegen uns mit gesanglichen synagogalen Vorträgen erfreuen möchten . Ich danke den verehrten Kollegen, die sich gerne dazu bereit erklärten, insbesondere aber unserem allverehrten Vorstand, von dem auch die Aufforderung an mich ergangen ist, einen Vortrag über ein kantorales Thema zu halten. Wenn ich nun zum Schlüsse komme, so gipfelt dieser in dem Wunsche: Hat der Kantor nach geregelter Vorbildung den vorschriftsmäßigen Qualifikationsnachweis zur Bekleidung seines Amtes erbracht, hat er in seinem Weiterstreben kantorale Kunst und kantorale Wissenschaft sich zu eigen gemacht, hat er dem modernen ästhetischen Empfinden Rechnung getragen und gezeigt, daß der auch Kantor, d. h. Sänger und Künstler sein soll, so darf er bei aller Wahrung seiner Position, die ihn als den Leiter des Gottesdienstes neben den Rabbiner und über den Chordirigenten stellt, nicht vergessen, daß er vor allem nicht der Kunst als solcher, so hoch sie auch an sich steht, allein dient, noch viel weniger der Geltendmachung seiner eigenen Persönlichkeit, um eitler Selbstgefälligkeit willen, sondern daß er ein )vhv bxb jm ein Priester des höchsten Gottes sein soll, der seine ganze Kraft und sein ganzes Können in den Dienst Gottes stellt, der nur dann Wertschätzung verdient, wenn er gewissenhaft und begeistert all die Bedingungen erfüllt, die sein Amt erheischt, nämlich das hohe und heilige Amt des "ins rp^tp, des Abgesandten der Gemeinde.

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