Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- 12 (19.3.1926)
- Date
- 1926-03-19
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 12 19. März 13. Jahrgang Auslieferung der Minoritäten Der Völkerbund ist von dem Streil um die Ralssessel so sehr beherrscht, daß er keine Zeil zu einer sachlichen Prüfung der Minorilälsfragen findet. Dieses Forum, das zum Schutze der Schwachen geschaffen wurde und den Überheblichkeiten des Mehrlieitsgöflzen entgegen treten soll, versagt in dieser Beziehung vollständig. Der Rat des Völkerbundes will zu den vorhandenen Schwierigkeiten, die sich aus der Eifersüchtelei der Regierungen ergehen, nicht noch neue treten lassen und dadurch erzielt er den gegenteiligen EffekL; er steigert die Unzufriedenheit und erzeugt nur neue Beschwerden. Er hat einen Bericht des brasilianischen Delegierten Mello Franco entgegengenommen. der alle Reformvorschläge, die von seilen der Minoritäten kamen, in Bausch und Bogen verwirft. Ist schon dies bedauerlich und ein greller Widerspruch zu jedweder Garantie des Minderheitenschutzes, so hat die Versammlung auch noch ohne Gegenbemerkung die Begründung des Brasiliers hingenommen, daß die Bestimmungen der Minderheitsverträge nur provisorischen Charakter hätten; es sei ihr Zweck, die Aufsaugung der Minderheiten durch die nationalen Mehrheiten vorzubereiten. Auch Chamberlain schloß sich dieser außerordentlich gefährlichen Definition an, die das Recht der Minderheiten vollkommen negiert. Sie stellt die Schwachen außerhalb des Schutzes des Völkerbundes und liefert sie dem Slaalsfetischismus und den Ivehlkopfpalrioten aus. Die Entnationalisierung wird direkt unter die Patronanz derjenigen Institution gestellt, die sie verhüten soll. Es liegt eine gewisse Sicherheit gegen die allzu brutale Anwendung der brasilianischen Lehre in dem Umstande, daß alle Mehrheitsvölker, die sich hier eine rechtliche Unterlage für ihre Gewaltpolitik holen können, seihst Minoritäten besitzen, die von der Mutternation abgelrennt sind. Aber diese Angst vor Repressalien schafft keine Beruhigung und sie würdigt die Minderheiten noch mehr als bisher zu Schacherobjekten der Kompensationspolitik herab. Die depra vierende Wirkung eines solchen Systems ist leicht vorauszusehen, zumal ja die Frage der direkten Klageführung der Bedrohten in Genf noch immer nicht erledigt ist. Es besteht keine Kodifikation dieses Rechtes, und der eklige Zustand, daß Wünsche und Beschwerden von in Europa allein mehr als ßO Millionen Menschen rein auf Wohlwollen irgendeines Referenten gestellt sind, dauert an. Es ist nicht der Sinn des Völkerbundes gewesen, eine solche Situation eintreten zu lassen und allen Fälschungen und Niederträchtigkeiten der nationalistischen Demagogie Vorschub zu leisten. Der Völkerbund diskreditiert sich seihst, wenn er nicht Abhilfe schafft. Es sind nur die Minoritäten, die ihm vertrauen und deren wirschaftliche und kulturelle Existenz unter seine moralische Autorität stellen. Wenn sie immer wieder enttäuscht werden, dann wird der Völkerbund in Wirklichkeit zu einem willfährigen Instrument der Macht und der Mächtegruppierungen. Das Ansehen dieser Institution, die keine 1h1waffnele Exekutive besitzt, besteht heute noch. Gerade der Kampf, der gegenwärtig in Genf im Gange ist, beweist dies. Das erbitterte Ringen um Vertretung ist eine Anerkennung des Prinzips des-Völkerbundes, der alle Streitfragen an sich ziehen und ihre gewaltsame Lösung verhindern will. Es konnte bisher noch keine Einigung gelingen, weil sich alle Probleme der Weltpolitik und Weltwirtschaft in dieser Konferenz zusammendrängen. Die Hartnäckigkeit der zu einem Sprengungsversuch vorgeschobenen katholischen Staaten konnte noch nicht überwunden werden und sicherlich macht der Völkerbund jetzt die schwerste Probe auf seine Bruchfestigkeit durch. Die Fragen, die im Vordergrund stehen, sind ohne Vorbereitung der Öffentlichkeit aufgebrochen und durch keine durchdachte Diskussion der Massen hindurchgegangen. Aber die Beschwerden der Minderheiten sind der Öffentlichkeit und auch dem Völkerbund in ihren Details, in ihren materiellen und juristischen Grundlagen zu sehr bekannt, als daß sie zwischen Tür und Angel von einem Berichterstatter abgetan werden dürften, der sich kaum die Zeit nimmt, die Memoranden zu lesen, und der sich kaum eine Vorstellung davon machen kann, welche Folgen sein Dilettantismus hervorrufl. Es muß ein ständiges Minoritätengericht geschaffen werden, vor welchem die Minoritäten durch ihre gewählten Vertreter Beschwerde zu führen das volle Recht erhalten müssen. -y. Wirtschaftsprobleme Palästinas Von D r. Felix Pi n n e r. Wir geben nachfolgend den Vortrag wieder, den Dr. Felix Pinner im Rahmen der Keren- Hajessod-Veranslaltung im Berliner Herrenhaus am 4. März gehalten hat. Red. Über die jüdische Palästinawirtschaft hört man hfl Thesen, die sich diametral widersprechen. „Es sind Ausnahmeverhältnisse, die nirgends sonst in 'der Well vorhanden sind, weil die Menschen Ausnahmemenschen sind. Daher kann das, was in Palästina geschieht, nicht mit gewöhnlichen Maßsläben gemessen werden.“ So sagen die einen. Und hie anderen erklären: „Auch die Wirtschaft in Palästina gehorcht denselben ökonomischen Gesetzen, wie sie sonst in der Welt vorwalten. Wollte man diese Gesetze heim Aufbau des Landes außer acht lassen oder vergewaltigen, so würde man nur etwas Künstliches schaffen, das doch nicht von Bestand sein könnte.“ Beide Auffassungen haben recht und doch wieder unrecht. Zweifellos könnte ein Wirtschaflsaufhau nicht von Dauer sein, wenn er im Gegensatz zu den realen Bedingungen unter Aufwendung übermäßiger Kosten und Anstrengungen der Natur sozusagen abgetrolzt würde. Auch der größte Aufwand an Idealismus, an echtem und star-