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Das jüdische Echo · 1926-02-19 · 6 (19.2.1926) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
13 (1926)
Issue
6 (19.2.1926)
Date
1926-02-19
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 8_ 19. Februar it Jahrgang „Scholaum“ Es gibt Fetische verschiedener Art. Fetische in Gestalt von Idolen und Fetische in Form von Begriffen und Worten. Von Zeit zu Zeit pflegen in einer Gemeinschaft gewisse Begriffe und Wendungen allgemeine Geltung zu erlangen und beherrschen alsdann die öffentliche Meinung. Sie sind geradezu Zauberformeln, gleichsam dem aus dem Märchen bekannten „Sesam öffne dich“, mit denen man entstandene Meinungsverschiedenheiten beruhigt und Gegensätze aus der Welt schafft. Diese Formeln in einer bestimmten Konstellation geboren, haben in der Zeit, wo sie entstanden sind, einen tiefen Sinn, eine hohe Bedeutung und demgemäß Berechtigung. Nun bleiben aber die Zeiten einander nicht gleich, sondern wandeln sich, wie schon die Volksspruchweisheit der Alten das festgestellt hat. Trotzdem bleiben aber die alten Worte übrig, obwohl ihr Inhalt und ihre Seele längst verschwunden sind. Diese Worte sind alsdann leere Schale, Popanz, Fetisch. Und obwohl man sich hinter diesen Worten nichts mehr Rechtes vorzustellen vermag, werden sie dennoch mit gläubiger Miene ausgesprochen und die Leute, die sie im Munde führen, wundern sich, wenn die Zauberkraft der von ihnen gebrauchten Wendungen erlahmt. Sie überlegen nämlich nicht, daß die Zeiten wandelbar sind und dementsprechend auch die Parolen verändert werden müßten. Während des großen Weltkrieges erlebten wir in fast allen kriegführenden Staaten, daß überall der „Burgfriede“ proklamiert wurde. Angesichts der gemeinsamen Gefahr wurden mit Recht alle trennenden Momente ausgeschaltet und alle Streitigkeiten zurückgestellt. Geltung hatte nur die allen gemeinsame Aufgabe, und ihr zuliebe setzten die einzelnen Parteien bei den verschiedenen Völkern ihre Sonderbestrebungen und Sonderinteressen hintan. Nach Beendigung des Krieges, als die Würfel des Schicksals gefallen waren, betrachtete man es als selbstverständlich, daß die zurückgedrängten und im Hintergrund freiwillig gehaltenen, besonderen Bedürfnisse und Absichten der einzelnen Richtungen bei den verschiedenen Völkern wiederum in den Vordergrund traten. So berechtigt und moralisch begründet die Forderung nach Burgfrieden in der Zeit war, da die Welt von Waffen starrte, so unverständlich und unmoralisch wäre es gewesen, wenn nach dem Kriege in die Zukunft weisende Ideen und Bestrebungen sowie harte Notwendigkeiten des Lebens zum Schweigen gebracht worden wären, einzig und allein darum, weil in einer gegebenen Zeit der Burgfriede als notwendig erkannt und für alle Volksteile als verbindlich erklärt wurde. Im Leben unserer jüdischen Gemeinschaft spielen zwei Wörter eine ähnliche Rolle wie das Wort Burgfriede im Leben der einzelnen Völker während des Krieges. Es sind dies die Worte „Scholaum“ und „Risches machen“. Es soll nicht geleugnet werden, daß die jüdische Gemeinschaft sich dauernd in dem Zustande einer belagerten Stadt befindet und daß ein wirklicher Friedenszustand zwischen jüdischer Gemeinschaft und nichtjüdischer Umwelt noch lange nicht vorhanden ist. Es solll ferner nicht geleugnet werden, daß die Forderung nach „Scholaum“ (Eintracht) und erhöhtem Verantwortlichkeitsgefühl (das ist der Sinn der Forderung: „kein Risches machen“) zweifellos berechtigt ist. Tatsächlich befinden wir uns als jüdische Gemeinschaft dauernd in dem Zustande des Qui vive und jede Zersplitterung unserer Kräfte ist nur dazu angetan, unsere Position zu schwächen. Ferner ist es zweifellos richtig, daß wir Juden in erhöhtem Maße als Mitglieder anderer Gemeinschaften gezwungen sind, all unser Tun und Sagen nach der Richtung zu untersuchen, inwiefern es geeignet ist, unserer gesamten Gemeinschaft auf das Soll- und Haben- Konto gebucht zu werden. Anderseits finden beide Forderungen ihre natürliche Grenze in jenem Rahmen, dem zuliebe sie erhoben wurden. Wenn von verantwortungsvollen jüdischen Menschen immer wieder betont wird, daß der jüdischen Gemeinschaft und den jüdischen Parteien Einigkeit not tut, so geschieht das unter der selbstverständlichen Voraussetzung, daß diese Einigkeit dazu dienen soll, den Bestand und die Erhaltung der jüdischen Gemeinschaft sicherzustellen. „Scholaum“ allein kann doch kein Zweck sein, sondern ist nur ein Mittel zum Zweck. Ziel ist eben die Sicherung der jüdischen Gemeinschaft und die Erhaltung des Judentums. Sind jüdische Gemeinschaft durch Einwirkung umweltlicher Einflüsse oder durch unglückselige, wenn auch unbeabsichtigte, Tendenzen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Gefahr, dann ist der „Scholaum“ keine sittliche Forderung mehr, sondern ein Fetisch, dessen blinde Anbetung nur den größten Schaden anzurichten vermag. Eine lebendige Gemeinschaft kann nur jene Einigkeit und jenen Frieden gelten lassen, der ihr Leben garantiert und ihre Kräfte erhöht. Wird die Einigkeit allgemach zum Leichentuch, so muß sie zerrissen werden im Interesse des Bestandes der Gemeinschaft, dem zuliebe sie gefordert und als verbindlich erklärt wurde. Ähnlich ist es mit der Forderung „kein Risches machen“. Auch diese Forderung hat ihre Grenzen. Ihr tiefer Sinn ist, daß jeder Jude sich stets von Bewußtsein leiten lasse, daß er gegenüber der Umwelt verantwortlich ist für seine Gemeinschaft, daß er verpflichtet ist, sein Leben und Tun entsprechend wahrhaft jüdischen Grundsätzen einzurichten, die gleichzeitig ewig menschliche sind. Die Grenze der Rücksichtnahme auf die Umwelt und der in der Forderung sich vor Risches zu hüten gelegenen Selbstzucht, ist jüdische und allmenschliche Wahrheit. In dem Augenblicke, in welchem die Forderung, sich vor dem „Risches“ in acht zu nehmen, gleichbedeutend wird mit der Praxis, unbilligen Forderungen, konventionellen Lügen, Verfälschungen des Rechtes, Verneinungen jüdischer und menschlicher Wahrheiten, Konzessionen zu machen, in diesem Augenblicke wird diese Forderung unehrenhaft und schädlich. „Scholaum“ und „Risches“ sind Schlagwörter, die bei allen möglichen und unmöglichen Anlässen

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