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Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern · 1925-12-11 · 28 (11.12.1925) · p. [Seite]

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Journal
Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1925
Issue
28 (11.12.1925)
Date
1925-12-11
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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MITTE ILUN G E N des Israelitischen Lehrervereins für Bayern Schriltleitung: M. Rosenfeld, München Nr. 28 München, 11. Dezember 1925 Rus vergilbten Äkten Von Hauptlehrer A. Mannheimer in Dettelbach a. M. Im Jahre 1912 machte ich mich an die Ordnung der älteren Akten der hiesigen israelitischen Gemeinde. In einem alten Schranke fand ich ein Geburts- und Sterberegister (1811—1890), ein Trauungsregister (1813—1850), jedoch unvollkommen, gebundene Gemeinderechnungen in Folioformat, ein ebensolches Armenbuch, eine Sammlung von Lehrerbewerbungen (1889), Broschüren usw. und eine Unzahl von einzelnen Akten, in buntem Gemisch und wirrem Durcheinander, teilweise dem Mottenfraß erlegen, dumpf und feucht. Es galt nun buchstäblich sie ans Licht der Sonne zu ziehen, zu lüften und zu trocknen. Ohne einen Gratis-Brustkatharrh ging es freilich nicht ab. Die Akten wurden dann nach Jahreszahlen in Bogen eingeordnet und jedes einzelne Jahrzehnt nach Jahr und Monat gesichtet. Jeder Beleg erhielt seine Nummer, auf einzelnen Foliobogen nach sachlichen Gesichtspunkten geschieden und notiert. Es ergab die stattliche Anzahl von 2213 Belegen, jetzt in 8 stattlichen Bänden großen Formats sauber gebunden. Jeder Band hat in Druck- und Zierschrift in roter und schwarzer Tinte ein Sachregister: Armenpflege, Bausachen, Feiern, Friedhofangelegenheiten. Lehrer, Rabbinat, Steuersachen, Prozesse und Klagen, Vereine, Wahlen usw. Das Archiv war fertig, freudig begrüßt und angestaunt von der Gemeinde. Eine kurzgefaßte „Chronik" zeigte zuletzt abschließend und zusammenfassend der Gemeinde das Bild ihrer Vergangenheit und gar vielen, auch älteren Mitgliedern war so manches vollkommen neu, als hätten ihre Vorfahren gar nicht am Platze gelebt, als seien sie nicht Einheimische, Eingeborene. Was kann auch nicht alles in 70 oder 100 Jahren vergessen werden! Es ist geradezu beschämend. Es fehlt jeder Zusammenhang mit der Vergangenheit und das ist nicht nur vom Standpunkte der Pietät aus beklagenswert, es können mitunter auch religiöse Belange zu Schaden kommen. Sei es mir gestattet, in beiden Beziehungen aus den zusammengefügten Akten einiges mitzuteilen, was auch Außenstehenden vielleicht von Interesse sein dürfte. Zunächst das Bild eines altjüdischen Lehrers, mit all seinen Licht- und Schattenseiten. Der älteste Ausweis von einem Lehrer in der Gemeinde Dettelbach geht auf 1795 zurück, wo ein Jakob Wassermann als „Vorsänger" den Akt mit unterschreibt, der vom Rabbinatsassessor Koupcl Schonunger betreffs Verstrichs der Synagogenstäude aufgenommen wurde. Dieser Jakob Wassermann war 1762 am 25. Dezember zu Markt-Ühlfeld (Mittelfranken) geboren. Seine Ehefrau Phaila (Fevia) oder Philippine Süßlein, ebenfalls in Ühlfeld geboren, starb am 21. Januar 1817. Wassermann heiratete wieder am 27. Januar 1818 zu Markt- Ohlfeld, anscheinend eine nahe Verwandte der verstorbenen Frau. Sie hieß ebenfalls Philippine, Tochter des Vorsängers David Wolf und dessen Ehefrau Lea Süßlein zu Kayerlindach, Landgerichts Neustadt a. d. Aisch. Die zweite Frau war 178/ geboren, also bei der Verehelichung 31 Jahre alt: W itwer W. zählte bereits über 55 Jahre. Der Ehe entsproßten. 4 Kinder, Wie im familiären Leben hatte W. auch in seinem Berufe so manchen Sturm zu überstehen. Das Verhältnis zu der Gemeinde war kein sehr ideales. Im alten Gemeindebuch findet sich auf fast der letzten Seite in jüdisch-deutscher Schrift — in der überhaupt bis ungefähr 1840 viele Akten geführt sind - folgender Eintrag meist in hebräischer Sprache: „nDÖ^H DVHD" usw. Heute hat die Majorität der Gemeinde sich hier versammelt und man ist einmütig „verblieben", dem Of"^) Vorsänger Jakob W. aufzusagen, daß er sich zeitlich nach einem andern Posten („Scherns") umsehen soll, weil ein großes Zerwürfnis („Machlokes") seinetwegen entstanden in der Gemeinde und zwar deshalb, weil er alle („Massematon") Geschäfte treibt gleich einem „Bai boos" (Familienvorstand), der mittragen muß an den Gemeindelasten. Auch ist keiner mit seinen Gebeten als Chason einverstanden, da er jedem Schaden zufügt („gorem Hessek ist"), anstatt daß er die Streitigkeiten zu verhüten suchte. Im weiteren ist die Majorität der Gemeinde „verblieben", daß er unsere Khalswohnung verlassen soll bis Rosch-Chodesch Cheschwan 5563 (Herbst 1802), was dem Vorsänger sogleich „insinuiert" werden soll, da von genanntem Rosch-Chodesch Marcheschwan an kein Ausschlag mehr für ihn gemacht wird und auch alle Einkünfte aufhören und auf den Nachfolger übergehen. Und zur Festhaltung haben sich ,Kol-Hakohol" hier eigenhändig unterschrieben. Hör HD 'X DV (Tamus 5562 1803.) _ (Folgen die Unterschriften.) 7 Als Antwort und Folge des Protokolls bringt das Gemeindebuch auf der urnstehenden Seite Folgendes: „Es ist sogleich dieses Protokoll dem Vorsänger Reb Jakob gegenwärtig insinuiert worden und hat er („meschiv gewesen") geantwortet, daß er darüber nach („Diu Thora") den jüdischen Religionsgesetzen forschen wird, ob wir ihm aufsagen können oder nicht. Also, dann haben wir uns „mispascher gewesen", (sind übereingekommen) die Zeit zu verlegen bis Rosch-Chodasch Jjar 5563 (Mai 1803) und hat der Vorsänger sieh verpflichtet, alle Gerichtskosten, wenn er gegen uns klagen will, sei es vor jüdischem oder staatlichem Gericht (DirJ'HS )T\ bxiW p) selbst zu tragen, welche Kosten es immer auch sein mögen, so daß es die Gemeinde nicht einen Pfennig („schoweh Pruto") kosten darf, worauf sieh eigenhändig unterschrieben zum Beweise Der Vorsänger Jakob Wassermann in Dettelbach. * * * Wassermann war damals 40 Jahre alt. Wie diese Urkunde ausweist, bekleidete er das Amt eines Vorsängers, nicht Lehrers. Das wurde er erst 1808. Es ist kein Ausweis da", wie der interessante Streit endete. Das Verhältnis hat sich aber wieder gebessert, ja es scheint ins Gegenteil umgeschlagen

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