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Das jüdische Echo · 1925-12-11 · 50 (11.12.1925) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
50 (11.12.1925)
Date
1925-12-11
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 50 11. Dezember 12, Jahrgang Chanukka Kein Chanukkatisch Es ist dies eine schöne Gabe des Juden, sich erinnern zu können. Sein historisches Gedächtnis hat ein ungeheures Fassungsvermögen bewiesen. Die Erinnerung hat ihm Existenzkraft und immer wieder Existenzbewußtsein gegeben, etwas, was er mit besonderem Nachdruck in seiner Seele wachzurufen hatte in allen den Niederungen seiner Leidensgeschichte. Diese seelische und intellektuelle Behauptungsmöglichkeit zeigt ihre Beweiskraft in unsern Tagen. Der Zionismus hat mit unerschütterlichemWillen da anzuknüpfen gewußt, wo einstmals die Geschehnisse des jüdischen Nationallebens jäh abgerissen waren, hat einen zweitausendjährigen Nullpunkt überwunden und eine jüdische Gegenwart im heiligen Land geschaffen. Die Gabe des Erinnerns ist im Judentum so stark geworden, daß es zu der einzigartigen Fähigkeit gelangt ist, die Zeit zu meistern, Kind und Kindeskindern ins Hirn zu hämmern, daß die Väter gelebt, und was sie gewirkt haben. Es ist somit fast zu einer Eigentümlichkeit der Juden geworden, daß sich ihr Gefühl für die Zeit stärker ausbildete, als ihr Gefühl für den Raum. Oder war es ein Zufall, daß der Jude es nicht verstand, sich architektonisch auf der Erdoberfläche zu verewigen? Vielleicht lag eine Absicht hierin; denn er hatte ja im ägyptischen Exil, wie uns die Schrift lehrt, Gelegenheit genug gehabt, die Baukunst zu erlernen, sich Raumgefühl anzueignen — wissen wir doch, daß die Pyramiden mit Hilfe jüdischer Fronarbeit errichtet wurden. Es ist, als hätte der Jude von diesen schweren Lehrjahren nichts profitieren wollen. Es gibt kein jüdisches Gotteshaus, das, an Bedeutung und Alter einem romanischen Kirchenbau gleich, ein edles Maß, eine dem Volk ureigentümliche Form, eine Meisterschaft der Raumerkenntnis verriete. Vielleicht hängt dies mit der dem Judentum elementaren Scheu zusammen, Bilder zu formen, das Abbild der Gottheit festzuhalten, überhaupt sich transzendentalen Dingen auf eine sinnliche Art hinzugeben. Der Jude hat mit andern Zeichen seine Daseinsbedeutung in den Stein der Ewigkeit gegraben. Er hat das Jahr eingeteilt, die Monat festgesetzt, er hat die Zeiten der Arbeit durch Feste gegeneinander abgegrenzt. Er hat den Alltag durch die Dreiteilung des Gebets (Morgen — Nachmittag — Abend) entmaterialisiert. Er hat das Fest geschaffen, das ehernste Monument der Erinnerung, beständiger als die Dome des Nordens und die Pyramiden des Südens. Will man dies alles zusammenfassen, so muß man sagen: Der Jude ist der Meister aller Geschichtsschreiber, hat er doch das „Buch der Zeitgeschichte“ geschrieben, das eine völlige Einheit mit seiner Lehre, der Thora, darstellt. Er hat sich als ein Bezwinger der Zeit vor den Völkern manifestiert. Wir haben in diesen Tagen eines der alljährlichen Feste zu feiern, das uns an Symbolkraft, an nationaler und moralischer Bedeutung besonders erohne schüttert: Chanukka. Es ist auf keinen liturgischen Ursprung zurückzuführen, sondern auf einen geschichtlichen.. Ein einmaliges Geschehen war das Motiv, den 25. Kislew für alle Zeiten festzuhalten, Chanukka ist das Fest der Heldenverehrung und der Verherrlichung der Freiheit. Kampf - ein entmutigender aussichtsloser Kampf zunächst — und blutig errungener Sieg gaben Anlaß, diesen Tag aus der Kette banaler Ereignisse zu lösen. Juda schlägt mit einer kleinen Schar das Riesenheer des Feindes und erringt die Palme. Wenn wir die Apokryphen zur Hand nehmen und die Geschichte dieses Mannes in den Büchern der Makkabäer verfolgen, so wird uns offenbar, daß ein winziges Häuflein von Juden in jenen Tagen für den ganzen Orient einen Kulturkampf von größter Bedeutung auszufechten hatte: Judas Krieg gegen Apollonius und Seron, gegen Gorgias und Lysias, war die Auflehnung Asiens gegen den neuen Geist, gegen die verhaßte griechische Kultur, die sich der ganzen bewohnten Erde zu bemächtigen schien. Ist es verwunderlich, daß die griechischen Eroberer Judäa nicht verschonten? Die Erinnerungskraft der Juden aber war zu stark, als daß sie untätig hätten Zusehen können, wie die Kultstätten besudelt, die Altäre entweiht, die Heranwachsenden dem heidnischen Glauben zugeführt wurden. Der Retter stand auf in Mattathias, der mit heiligem Eifer den Aufstand vorbereitete. Er stirbt mit jenen herrlichenWorten: „Fürchtet euch nicht vor den Reden der sündhaften Menschen. Ihr, meine Kinder, seid stark und stehet männlich für das Gesetz!“ Er hat den WiL len zur Freiheit in seinen Söhnen und mit ihnen im Volk bereitet, er hat die Flamme entfacht. Das Buch der Makkabäer berichtet aber auch von einer sich damals bildenden Klasse von Juden, die leichtfertig die griechischen Sitten übernahmen, den heidnischen Göttern opferten, ein Gymnasion in Jerusalem errichteten und ihre Söhne der Beschneidung entzogen. Das waren jene Juden, die ihre Erinnerung verleugneten, also etwas unternahmen, was der jüdischen Seele im Innersten fremd sein mußte. Wie kläglich sind sie, an denen gemessen, die damals den Märtyrertod starben und unter den entsetzlichsten Qualen der Lehre und dem K|a* |# || ■■ i nationa- Nationalfondsbuchse sra blieben. Das Judentum hat mit dem Krieg gegen die Griechen einen einzigartigen Beweis für seine Sendung gegeben. Es hat sich nicht duckmäuserisch den um sich greifenden Verhältnissen eingeordnet, sondern aufbegehrt und seine nationale Eigenart verteidigt und erhalten. Um dieses Mutes willen, weil wir damals so vieles überwunden sehen, an dem das Judentum heute so ungeheuer krankt, lieben wir Chanukka vor manchen andern Festen. Auch an diesem Chanukka, an dem wir uns einer jüdischen Gegenwart erfreuen dürfen, ist uns die Bedeutung unseres Erinnerungsvermögens bewußt, wir haben diese Gabe nicht verloren. Verbinden

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