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Das jüdische Echo · 1925-12-04 · 49 (4.12.1925) · p. Seite 914

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
49 (4.12.1925)
Date
1925-12-04
Page
Seite 914 (sequence 10)
Language
German
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914 Das Jüdische Echo Nr. 49 jeder Unternehmung willens, wenn sie nur Geld trug. Die beiden Burschen stiegen ungesäumt die Leiter zu dem Galgen hinauf. Sie hatten Mühe, die Sprossen waren glitschig und gefroren, sie fluchten leise vor sich hin. Um sie herum flatterten Vögel, die Tag und Nacht m dicker Menge auf dem Galgen hockten. Oben hielten sich die beiden Burschen ungebührlich lange auf. Der dürre Herr, der unten wartete, zog nervös die Schultern hoch, trat von einem Fuß auf den andern, murmelte unterdrückt und unwirsch vor sich hin. „Habt ihr ihn?“ herrschte er sie, leise, an, als sie endlich wieder unten waren. „Er ist nicht da!“ stammelten verstört die Burschen. „Ihr habt ihn gestohlen, ihr habt den Stein gestohlen!“ bellte heiser, mühsam gedämpft, der Portugiese. „Ich lasse euch den Prozeß machen, ich lasse euch rädern!“ Doch die Burschen, verängstet, versicherten: „Der ganze Jud ist nicht da. Es hängt ein anderer im Käiig. Der Teufel hat ihn geholt.“ Dom Bartelemi, lang ungläubig, ließ schließlich noch in der Nacht durch Leibhusaren, amtlich, den Käfig untersuchen. Ja, die Leiche war gestohlen, ausgetauscht. In aller Frühe schon war der wütende, geprellte Mann beim Herzog-Administrator. Das kam von der Güte Seiner Durchlaucht. Jetzt hatten die Juden den Solitär gestohlen. Den Solitär? Karl Rudolf dachte an den Berg von Gold, glaubte es nicht. Die Leiche, ja, die konnten sie gestohlen haben. Er überlegte, hellte sich auf, schmunzelte fast. Eigentlich waren sie Teufelskerle, diese Juden. Stahlen einfach die Leiche vom lichten Galgen weg; Christen und Soldaten hätten das nicht besser machen können. Er gönnte ihnen gern den Solitär als Entgelt, ließ sie nicht verfolgen. Blaurot, dumpf wütend, mit seiner moderigen Stimme grausige Flüche vor sich hinbellend, zog der hagere Portugiese ab in seiner verschollenen Hoftracht. Die Leiche indes, in großer Eile in Rupfen gewickelt, unter Stapeln von Waren und Kram versteckt, fuhr auf einem Karren nach Fürth. Hausierjuden geleiteten sie, wechselten ab vom einen Ort zum andern. Der Solitär stak am Finger des Toten; keiner von den Geleitern fürchtete, sein Nachfolger könnte ihn stehlen. In Fürth wurde die Leiche gewaschen, in das weiße, lange Totenleinen gehüllt, eingesargt. Zeigefinger, Mittelfinger, Goldfinger gerichtet im Zeichen des Schin, des Anfangsbuchstabens des göttlichen Namens Schaddai; ein kleines Häutlein Erde unter das Haupt, schwarze, krümelnde Erde, Zions Erde. Den Aufsichtsbehörden war gemeldet, ein nicht weiter bekannter toter Jud aus Frankfurt, gestorben auf der Landstraße, werde beerdigt. Auch den Mitgliedern der Gemeinde wurde nichts mitgeteilt. Aber es raunte von Mund zu Mund. Da lag der Unbekannte, das schwarzblaue erwürgte Gesicht sonderbar umrahmt von dem schmutzigweißen Bart, die Augen hatten sich nicht zudrücken lassen, sie quollen trüb bräunlich heraus, doch zwischen ihnen über der Nase zackten sich tief in die Stirn die drei Furchen des Schin. Aus dem weißen, einfachen Laken leuchtete riesig und verwirrend der Solitär. Die zehn angesehensten Männer der Gemeinde saßen zwischen großen Kerzen und verhängten Fenstern und hielten Wache. Unter sie trat ein Fremder. Dicklich, bartloses, massiges Gesicht, graue, trübe Steinaugen, altfränkische Tracht. Wasser goß er hinter sich, da er das Totenzimmer betrat, Wasser zu Häupten, Wasser zu Füßen des Toten. Die Männer erkannten den Kabbalisten, flüsterten, gaben Raum. An die Leiche trat Rabbi Gabriel, knarrte mit seiner mißtönigen Stimme den Segensspruch: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter.“ Mit den dicklichen Fingern, behutsam, rührte er die Lider des Toten, da schlossen sich die Lider. Dann setzte er sich auf den Boden, senkte zwischen die Knie den Kopf. Die zehn Männer waren bis zur Wand zurückgewichen. Sehr allein trotz ihrer Gegenwart, ein kleines, verlorenes Bündel, hockte Rabbi Gabriel bei dem Toten. Alle Juden aus Fürth waren auf der Gräberstatt, als der Unbekannte beerdigt wurde. Sie senkten den Sarg in den Grund. Der Solitär war am Finger des Toten, unter seinem Haupt das kleine Häuflein Erde von der Erde Zions. Im Chor antworteten sie dem Vorbeter: „Eitel ist und vielfältig ist und Haschen nach Wind ist die Welt; doch eins und ewig ist der Gott Israels, das Seiende, Überwirkliche, Jahve.“ Dann rissen sie Gras aus und warfen es hinter sich. Und sie sprachen: „Wie das Gras welken wir aus dem Licht.“ Und sie sprachen: „Wir gedenken, daß wir Staub sind.“ Dann wuschen sie sich die Hände in fließendem, dämonenscheuchendem Wasser und verließen den Friedhof. Literarisches Echo Palästina-Bilderalbum, herausgegeben von L. Preiß und P. Rohrbach, Verlag J. Hoffmann, Stuttgart. Vor kurzem erst hat der Münchner Verlag Meyer & Jessen ein wundervolles Palästina-Album veröffentlicht, das Sven Hedin herausgegeben hat. Ihm folgt jetzt ein Stuttgarter Verlag, für dessen schönen Bilderband Paul Rohrbach mitverantwortlich zeichnet. Wir freuen uns der Leistung der Technik, die es ermöglicht, demjenigen, der das Land gesehen hat, eine so wertvolle Stützender Erinnerung zu geben, und demjenigen, der es nicht kennt, wenigstens einen Begriff zu vermitteln. Denn eines muß betont werden: die eigene Anschauung kann durch die schönsten Bilder nicht ersetzt werden. Das wird einem so recht deutlich, wenn man die farbigen Tafeln betrachtet, die dem Buch beigegeben sind: so der Wadi Kelt (in der judäischen Wüste) oder die jüdische Kolonie Rosch- Pinnah (in Galiläa) oder das Forum von Gerasa (im Ostjordanland): so rote Lichter holt die orientalische Sonne aus dem weißen Kalkstein nicht heraus, und wenn bei einer Mittelmeerlandschaft die Farben falsch sind, so ist der Gesamtemdruck falsch. Aus diesem Grunde erscheinen mir nicht alle beigegebenen Farbtafeln als wirkliche Bereicherung des Buches. Indessen ist ein Teil dieser Farbtafeln prachtvoll gelungen. So die Meeresküste bei Haifa mit den in der Sonne glitzernden Dünen, dem tiefblauen Meer und der ironischen Ruhe vereinzelter Palmenstämme — so auch die „Morgenstimmung am Jordan“: schon strahlt die Sonne mit aller Kraft — es gibt bekanntlich in den Mittelmeerländern nur eine kurze Dämmerung — und doch atmet die Wasserfläche noch ihre kontrastierende Nachtkühle dem Beschauer ins Antlitz. Es ist wirklich alles Mögliche, wenn dieser Eindruck in einem Klischee festgehalten werde. Für diese Landschaftsbilder sind wir besonders dankbar; die Landschaft ist das „Ewige“, und die Kunst in Menschenhand ist vergänglich und vielfach zufällig; so sind z. B. die Kreuzfahrerburgen und die vielen christlichen Kirchen im Lande mit ihrem abendländischen Stilcharakter nicht an sich bezeichnend für ein orientalisches Land, sondern

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