Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 49 (4.12.1925)
- Date
- 1925-12-04
- Page
- Seite 912 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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912 Das Jüdische Echo Nr. 49 antisemitischen Unflätigkeiten. Auf der Wache selbst verstanden sie sich erst unter der Drohung, daß sie in Haft behalten werden, zur Legitimation. Es waren drei Studenten im Alter von 20 bis 23 Jahren, und zwar Günther Proksch, Alfred Korn und Friedrich Peters. Es ist gegen sie Strafantrag gestellt worden. Staatspräsident Ulrich antwortet nicht auf die deutschnational-völkischen Anfragen : Wie bekannt, hielt Staatspräsident Ulrich in Worms gelegentlich der Tagung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten eine Begrüßungsrede, in der er das Judentum gegen die deutschvölkischen Angriffe in Schulz nahm und den Antisemitismus eine Schmach des deutschen Volkes nannte. Die deutschnatiohale Fraktion des Hessischen Landtags richtete an den Staatspräsidenten eine Reihe von Anfragen, in denen die Rede des Präsidenten als eine Verächtlichmachung des Deutschtums hingestellt wurde. Staatspräsident Ulrich lehnt es nun in einer Regierungsantwort ab, auf die deutschnationalen Anfragen eine Antwort zu erteilen. Die Z. V. f. D. begrüßt Adolf Damaschke Anläßlich des 60. Geburtstages des bekannten Führers der deutschen Bodenreform-Bewegung, Dr. Adolf Damaschke, hat auch die Zionistische Vereinigung für Deutschland dem Jubilar ihre Glückwünsche ausgesprochen. Dr. Damaschke hat den Zionismus seit seiner Entstehung fördernd begleitet, insbesondere hat er die Entwicklung des Jüdischen Nationalfonds, als eines Trägers der bodenreformerischen Ideen, mit Interesse und Wohlwollen verfolgt. Er hat insbesondere in der Zeitschrift für deutsche Bodenreform mannigfach auf die Bodenpolitik des Jüdischen Nationalfonds in Palästina empfehlend hingewiesen, wie er sein Blatt überhaupt für Mitteilungen über Fortschritte des Zionismus und der jüdischen Arbeit in Palästina zur Verfügung gestellt hat. In seiner Schrift „Die Bodenreform“ und in seiner „Geschichte der Nationalökonomie“ findet, man eine ausführliche Darstellung und Würdigung der „Bodenreform in Israel“. Die deutsche Ausgabe von Henry Georges „Moses“ ist auf eine Anregung Dr. Damaschkes zurückzuführen. Feuilleton Jud Die Hinrichtung. Dank dem freundlichen Entgegenkommen des Drei Masken Verlags sind wir in der Lage, unsern Lesern den Schluß des Romans Lion Feuchtwangers zu bieten. Auf drei großen Tribünen, jede für sechshundert Menschen, saßen die Damen und Kavaliere, die Herren des Hofes, hohe Beamte und Militärs, die auswärtigen Gesandten, die Herren des Gerichts, des Parlaments. Der Geheimrat von Pflug vornean. Er hatte bis zuletzt gefürchtet, der Hebräer, die Bestie, werde doch noch durch irgendeinen ganz verschmitzten jüdischen Schlich entkommen. Jetzt war es an dem, jetzt war das Ziel seines Lebens erreicht. Jetzt wird, jetzt gleich, der Verhaßte hochschweben, erwürgt. Die harten Augen des Geheimrats suchten gierig unter dem Kragen des Rockes den Hals des Juden, den Platz für den Strick. Herrlich es, den Tod des Feindes mitanzuschauen, ein Bad für die Augen, angenehm und lieblich ist der Klang der Todestrommeln, das Scheppern des Glöckleins. Unter den Damen waren manche, die den Süß sehr genau kannten und trotzdem aus irgendwelchen Gründen der Untersuchung entgangen waren. Nun schauten sie auf den Mann, mit dem sie verstrickt waren, befremdet, angefrostet. Er hatte sich sehr jung gegeben, er hatte, weiß Gott, erwiesen, daß er die Kraft eines Jünglings besaß, er konnte auch allerhöchstens vierzig sein, und jetzt hatte er weißes Haar und sah aus wie ein alter Rabbiner. Man mußte sich eigentlich vor sich selber schämen, daß man mit ihm im Bett gelegen war. Doch merkwürdigerweise schämten sie sich nicht. Gierig und gelockt schauten sie auf den sonderbaren Mann. Jetzt wird er gleich tot sein, jetzt wird er gleich für immer stumm und alle Gefahr vorbei und ihre Verstrickung sehr gewaltsam und schauerlich gelöst sein. Sie warteten darauf, lüstern und zitternd, sehnten sich danach, fürchteten sich davor. Die meisten von ihnen hätten sich lieber für ihr ganzes ferneres Leben unter die Gefahr der Entdeckung geduckt, hätte er leben dürfen. Auch der junge Michael Koppenhöf er war auf der Tribüne. Nun also wird der Mühlstein zermahlen, der dem Land so lang um den Hals hing, Süß der Landverderber schimpflich justifiziert. Aber: diesen hätt’ die Demoiselle Elisabeth Salomea nicht verabschiedet, fahrig hin und her hastend zwischen Büchern und Stapeln von Wäsche, diesem war sie zugefallen, und er hatte sich wohl nicht einmal sonderliche Mühe zu geben brauchen. Der alte, krumme Jud, was war an ihm? Was war sein Geheimnis? Neidisch und bitter starrte er hin zu dem Mann auf dem Schinderkarren. Doch der junge Geheimrat Götz, unter den Richtern, schaute voll dummer, dumpfer Befriedigung. Jetzt wird die Schmach seiner Mutter und seiner Schwester ausgelöscht. Soll dann einer wagen, schief zu blicken. Wie wird er ihn niederblitzen! Wie wird er wissen, was er zu tun hat! Aber fein und schwach saß auf der Tribüne der alte, verfallene Weißensee. Nenikekas, Judaie! Nenikekas, Judaie! Ach, der Jude hatte ihn wiederum besiegt. Hatte von allen Tafeln geschmaust, alle feinsten Leckerbissen dieser Welt mit Augen, Sinnen, Hirn geschmeckt, jeden Sieg und jede Niederlage ausgekostet, hatte sich angefüllt mit dem tragischen Ende des Kindes, hatte die bunte, farbige, überfeine, überwilde, höllenschweflige Rache gerüstet und vollendet, und nun starb er diesen Tod, die Augen der ganzen Welt auf sich, diesen abenteuerlichen und wahrscheinlich freiwilligen Tod, viel heroischer als etwa der Tod vor dem Feind. Umprasselt von Haß, umhegt von Liebe, zwielichtig, groß. Was blieb von ihm, von Weißensee? Ein paar jämmerliche Verse seiner armselig verbürgerten Tochter. Doch jener wird weiterleben. Immer wieder wird, was er war, lebte, sah, dachte, starb, von Späteren in die Hand genommen werden, nachdenklich beschaut, nachgelebt, nachgespürt, nachgestorben werden. Süß war vom Schinderkarren losgebunden worden. Er stand, die Glieder steif, blinzelte. Er sah die Menschen in den Logen, die Perücken, die geschminkten Gesichter der Frauen. Er sah die Truppen, die den Platz absperrten. Ei, man hatte sich mächtig angestrengt; das waren allein um den Galgen mindestens fünf Kompagnien. Selbstverständlich hatte, sichtbar vornean, der Major von Röder die militärische Oberleitung. Ja, ja, es brauchte viel