Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 45 (6.11.1925)
- Date
- 1925-11-06
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 45_ 6. November 12, Jahrgang Auch hier sind Götter Angenehm berührt es und zugleich schmerzlich, wenn man hört, daß der Vertreter der Zionistischen Organisation beim Völkerbund, Dr. Jacobsohn, den Palästinafilm des Keren Hajessod den Herren der Mandatskommission in Genf vorgeführt hat. Es ist ja sehr angenehm, daß sie die Kinder sehen können, die Blumen gießen und im Garten umherlaufen; die Bauern, die pflügen, säen, eggen, ernten; die Mädchen, die Kühe melken und Hühner und Enten füttern; daß sie diese Bilder sehen können, die so gewöhnlich sind und doch so ungewohnt. Diese Menschen, die hier den Pflug führen und dort Pferde aufzäumen, die unter freiem Himmel auf ihrer freien Erde einhergehen und in jeder ihrer Gebärden Freiheit tragen, das sind Juden — und die hat man sich bisher nur unter Dach vorslellen können, in Stube und Stadl. Daß das anders sein kann; die sichere, schlichte Schönheit dieses jungen Palästina, das alles beglaubigt den jüdischen „Ambassadeur“ — ein angenehmes, freundliches Gefühl. Schmerzlich ist dabei, daß wir irgendwie impresariomäßig dastelien — „Tretet ein!“—, apologetisch — „Auch hier sind Götter!“ —, anderthalb Jahrhunderte nach Lessing mit demselben Wort dastehen, mit dem auf „Nathan“ gewiesen wird. Wenn Lessing sagt: „Introite, nam et heicDii sunt!“, ist das schön, tief und mutig; tes ist Schwäche, wenn wir dasselbe sagen; es ist Schwäche und schmerzlich, wenn wir beim Fremden Götter finden wollen, wo es keine gibt, und unser Recht auf Sein und Arbeit nur dann vertreten zu können glauben, wenn auch bei uns Götter sind. Da zeigen wir unseren Gästen unsere Götter, die merkwürdigen Helden, die Chaluzim, die unter Entbehrung und Opfer in Zelten wirtschaften; die Familien gründen und gesunde Dörfer bauen, wo noch bis vor wenigen Jahren seit Menschengedenken nur Wildgänse in Schilf und Malariasumpf nisteten; die allem entsagen, was Europa bieten könnte; die nichts für sich wollen; die sich hingeben, hinwerfen als Fundament; da zeigen wir diese Helden, deren Tal allein beweist, daß alle Reden von der Müdigkeit des jüdischen Bluts Märchen sind, und sind dabei so schwach, uns immer wieder mit dem Glauben zu beruhigen, man könnte mit Heldentum dauernd Kolonisierungspläne ins Werk setzen. Wir haben nun endlich so stark zu sein und uns selbst zu gestehen, daß die Durchführung dessen, was wir wollen, nur dann verbürgt ist, wenn wir endgültig auf Götter verzichten lernen. Die ungeheure, aber nicht übermenschliche, überjüdische Aufgabe, die der zionistischen Bewegung gestellt ist, ohne deren Lösung das richtige Palästina, Erez Jisrael, undenkbar ist, heißt — es ist das Schlagwort, dessen tieferem Sinn unser Ohr nur selten gehört — Erneuerung des jüdischen Menschen. Das Chaluztum hat bewiesen, daß diese Erneuerung Gestalt gewinnen kann. Diese Erneuerung fordert infolgedessen die Verewigung des Chaluzlums, einer Erscheinung, die ihrem Wesen nach aber nichts anderes als etwas „Göttliches“, Einmaliges, in gleicher Art nie Wiederkehrendes zu sein vermag, ist also nur dann möglich, wenn es gelingt, das Einmalige aus der Höhe der geschehenden Tat ins Bereich der verrichteten Tätigkeit einzusenken, wenn es gelingt, das Chaluztum zu rationalisieren. Dies durchzusetzen, ist Sache der hebräischen Schule. Das Chaluztum rationalisieren, heißt den Arbeit sgedanken im Unterricht jedes einzelnen Lehrfachs zum Durchbruch kommen lassen, Kenntnisse und Werktätigkeit vereinigen. Schon im Anfang der neunziger Jahre haben W i 1 k o m i t s c h und Jizchak Epstein in Rechobot und Rösch Pina versucht, die Arbeitsschule ins Dasein zu rufen. Sie hatten Mißerfolg. Die alten Kolonisten waren nicht imstande, die Forderung einer neuen Lebensform zu begreifen; zu fühlen, was das Lebensgefüge einer neuen, nach Landnahme glühenden Jugend verlangt; daß es zur Arbeit hindrängen muß und zu deren nervenhafter, gefühlsmäßiger Billigung; daß die Schule diesen Weg vor- und mitzugehen hat. Es ist vorzüglich das Verdienst Dr. B i r a m s , des Leiters der 1913 gegründeten Realschule in Haifa, den Gedanken der Verewigung des Chaluztums durch dessen Rationalisierung bis heute planmäßig verfolgt zu haben und weiter zu verfolgen, einen Gedanken, der im Kfar Jeladim in Balfouria und in der Emeckschule von Ajn Charod ebenfalls Wurzel geschlagen hat. B i r a m spricht ungescheut aus, daß die Schulzeit des palästinischen Kindes zu kürzen ist; natürlich will er gleichzeitig, daß der weiteren Fortbildung derer, die der Schule entwachsen sind, im Leben breitester Raum geboten werde. Die Schule selbst aber hat aufs Leben vorzubereiten —: Handwerk, Englisch, Arabisch. Esist klar, daß die scharfe Nüchternheit dieser Zielsetzung die Menschen der Rothschildkolonien befangen machen mußte. Erst die nächste Welle der jüdischen Einwanderung, die Chaluzwelle von 1921, konnte den Gedanken dank tieferer Zielerkenntnis tragen; und auch sie mußte zuerst die( Widerstände unterdrücken, die sie mit verwandten Kolonistenstimmungen gemein halle. Der europäische Jude, der nach Palästina kommt — hier ist vom höchsten und reinsten Typus die Rede, in dem sich der Zionsgedanke ungemischt und bündig versichtbart —, will die ursprungshafte, zweifelfreie Erdgewärtigkeit des Bauern in sich als Wertsteigerung verwirklichen. Alle anderen Werte, die er mitbringt — das Nachgesicht jenes Tempels, an dem die Welt von Homer bis Dostojewskij gebaut hat —, diese Werte fordern in selbstquälerischem Getümmel den Frieden und die Stärke des Primitiven. Soll das Primitive des Bauern aber ausschließlich wesenbestimmender,