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Das jüdische Echo · 1925-10-30 · 44 (30.10.1925) · p. Seite 819

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
44 (30.10.1925)
Date
1925-10-30
Page
Seite 819 (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 44 30. Oktober 12, JahrgdM* Ächt Jahre Die zionistische Bewegung gedenkt am 2. November der achten Wiederkehr des Tags, an dem Lord Balfour einen Brief geschrieben hat. Dieser Brief des englischen Staatsmanns an Lord Rothschild vom 2. November 1917, am Tisch des Ministeriums ausgearbeitet, dieser Brief, hinter dessen Umrißlosigkeit der Kampf Weizmanns um jede Wendung kaum zu erkennen ist, dieses Agitationsschreiben des englischen Kriegskabinetts, ist unser „Freiheitsbrief des fröhlichen Einzugs“ geworden, der Schicksalsbrief, der zum Charter des Mandats geführt hat. Er hat die Grundfeste unseres Aufbaus geschaffen, die völkerrechtliche Anerkennung unserer nationalen Ansprüche. Er ist der Punkt, wo der aus allen Wolken kommende Gedanke zum erstenmal Erde berührt. ln wenigen Tagen, am 2. November 1925, erscheint in London Sir Herbert Samuel zum erstenmal als Privatmann im Kreis einer zionistischen Versammlung. Zwischen diesem 2. November und jenem vor acht Jahren liegt die Zeit, in der er als Regent Palästinas, als Landpfleger und als Zionist, den Gedanken auf dessen Weg in die Verwirklichung begleitet hat. Er hat den Freiheitsbrief gedeutet, hat ihn staatsmännisch nüchtern gemacht und hat ihm dennoch nichts an Schwungkraft geraubt; im Gegenteil, er hat diese dadurch gestärkt, daß er sie gebändigt und klar gerichtet hat. Schon im Mai 1922 spricht Samuel aus, was in der Balfour- Erklärung mit „Nationalheim“ gemeint sei. Es sei hier nicht im entferntesten daran gedacht, Palästina so jüdisch zu machen, wie England englisch ist. Palästina habe nicht ganz jüdisches Nationalheim zu werden; ein solches Heim sei bloß innerhalb Palästinas zu schaffen. Die jüdische Gemeinschaft in Palästina habe mit ihren städtischen und ländlichen Siedlungen, ihren politischen, religiösen und gesellschaftlichen Einrichtungen, ihrer eigenen Sprache, ihren Sitten und Gebräuchen „nationalen“ Charakter. Das Jüdische Nationalheim aufbauen, heiße nun nicht den Einwohnern Palästinas eine jüdische „Nationality (Staatsangehörigkeit)“ aufdrängen, sondern die vorhandene jüdische Gemeinschaft mit Hilfe der Juden in allen anderen Teilen der Erde derart entwickeln, daß das jüdische Volk stolz sein könne. In dieser allen Tatsachen gerecht werdenden Deutung sieht Samuels Wunsch die Möglichkeit, das ..bestehende“ Nationalheim so zu vergrößern, daß dessen Grenzen immer weiter werden, daß sie •immer mehr und mehr mit, denen Palästinas zusammenfallen. In dieser beschränkenden Deutung, diesem Innerhalb, liegt Klugheit und tiefster Glaube. 1920 hat Samuel sein Amt angetreten, vor wenigen Monaten hat er es Lord Plumer übergeben. Spricht man heute von acht Jahren, so denkt man nicht mehr an Krieg und Stürme, an die Kämpfe des jüdischen Regiments unter Allenby, sondern bloß an die friedliche Arbeit dieses vergangenen, Jahrfünfts. in diesen fünf Jahren hat die zionistische Bewegung die jüdische Frage dem Wesen nach gelöst. Sie hat die Möglichkeit jüdischer Menschen im Sumpf und an Dünen, beim Säen und Ernten, im Stall und in der Scheune bewiesen; sie hat das palästinische Dorf, die palästinische Stadt geschallen, die hebräische Scnule. Jetzt aber steht sie nicht nur vor der Aufgabe, diese Wesenslösung fortzusetzen und dauernd zu wiederholen. Jetzt ist das Leben gekommen, die Wirklichkeit mit dem ganzen Bodensatz der Jahrhunderte. Jetzt überschwemmt die Hochflut jüdischer Gegebenheit die romantischen Dämme einer gestrigen Kolonisierungsphantasie. Zionismus war Ablehnung der jüdischen Gasse; , Auflehnung gegen den Lärm, gegen die Sprache von schlackenhafter Ungepflegtheit, gegen Umherfahren von Händen, unausgeglichene Gebärden, gegen Dreistigkeit und Duldung heischendes Lächeln. Zionismus war Erkenntnis der unglücklichen Wirtschaftslage, der ungesunden Berufsschichtung; der Wunsch, Krämer und. Makler zu fruchtbarer, schaffender Arbeit zu führen; der Glaube an den Adel der geistigen Erbmasse und dabei in allem das bald lauter, bald leiser sprechende Gefühl: Wüstenwanderung; das alte Geschlecht mag unterwegs sterben; erst die Jugend, etwas Erlesenes, Gezüchtetes, geht nach Palästina. Und jetzt geht die ganze Gasse nach Palästina. In Litauen und Polen ist das Leben sehr schwer; nach Amerika kann man nicht, also —: man übersiedelt nach Palästina, und alles, was den ästhetischen westlichen Zionismus schon immer ganz arg nervös gemacht hat, das staut sich jetzt, Zwergindustrie und Zwerghandel, in Tel Äwiw, Haifa, Jerusalem. Und die Arbeiterschaft, die den Ernst und die Härte der ersten Kämpfe kostet, fühlt sich beunruhigt; fühlt die Gefahr herandrohen, etwas schiebe sie beiseite — sie, die die ersten Steine gebrochen, die zuerst Hebräisch gesprochen hat, sie ist auf einmal bloß ein Fünftel der jüdischen Gesamtbevölkerung Palästinas! Was soll werden? Abwehr? Klassenkampf? Die zionistische Bewegung, die vor acht Jahren ein paar Zeilen Balfours empfangen, die die Kraft gehabt hat, seither an jeden Buchstaben dieser höflichen Sympathieerklärung zu glauben, die die Menschen geboren hat, die Fiebersümpfe und Steinhügel urbar gemacht haben, diese Bewegung faßt erst jetzt die volle, nie geahnte Größe ihrer Aufgabe; erst jetzt wächst sie unter ihrer neuen Last. Sie hat den Strom, wie er kommt, und alles, was er mitführt, den ganzen treibenden Hausrat, die ganze Not, die er anschwemmt, zu bejahen. Da ist das Volk, von dem sie immer spricht! So sieht es aus! Diese Masse, die vor jedem Maßstab unrecht hat, der aus dem Jahrmarktslärm und der Gelehrtenstube europäischer .Ästhetik und Wirtschaftslehre an sie herangeträgen wird, diese Masse ist die Bewahrerin unseres alten Erbes; sie hat recht vor unserm Glauben an die Tiefe ihres Jüdischseins und an die Möglichkeit ihrer Erneuerung. Sie ist das Volk, dem Goethe in den „Wänderjahren“ in kühler Achtung zuwirft, daß es wenig Tugenden' und die -

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