Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 43 (23.10.1925)
- Date
- 1925-10-23
- Page
- Seite 809 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 43 Das Jüdische Echo 809 Ephrajim Moses Lilien Ein Gedenkblatt.*) & Ist es nicht allzumenschlich, daß unser Pulsschlag zu stocken scheint, unsere Seele schmerzlich erzittert und sich unser ganzes Sein aufbäumt, wenn uns ein Mensch genommen wird, der viel .. , , gegeben und im vollsten •. Schaffen gestanden hat? Wir sind voll Trauer, da ihn eine höhere Macht zu sich gerufen; doch auch voll Freude und Stolz sind wir, daß er uns in der Zeitspanne, die ihm auf Erden zu wandern bestimmt war, so viel Wahres, Echtes und Begeisterndes geschenkt hat. Wir lieben ihn, diesen Menschen aus der galizischen Stadt Drohobycz, aus der engen kleinen Drechslerwerkstatt, die in ihm die ersten, aber festen und wertvollsten Grundlagen seiner Kunst geschaffen. Wir lieben ihn aber auch, weil er im Leben nie vergessen, was ihm die Talmudschulung, der jüdische Geist, gegeben hat. Er hat sein Judentum durch seine Kunst im höchsten Sinn entfaltet. Und diese Kunst ist nur durch das wandellose Bekenntnis zum Judentum zu ihrer geistigen Höhe gelangt. Ich will es mir versagen, den Entwicklungsgang Liliens, die Zusammenhänge seiner Kunst mit der vor ihm und die Einflüsse auf die Richtungen zu schildern, die zu seiner Zeit entstanden. Betrachtet man das zeichnerische Gesamtwerk Liliens, so drängt sich dem Beschauer ein immer Wiederkehrendes auf, etwas, was vornehmlich die technische Ausführung so persönlich macht: die souveräne Beherrschung der Linien und Flächen, sei es in der zartesten Form, sei es in den höchsten Kontrasten. Welch unendliche Liebe, welch leuchtender Schmelz offenbart sich neben reich und kraftvoll angeschlagenen Akkorden in den mit der spitzen Feder gezogenen Linien oder den mit dem Pinsel hingesetzten Flächen.. Mit Entzükken folgt man dem Lauf dieser Linien, die sich einmal in strenger, keuscher Einfachheit zum Gebilde einer knospenden Menschengestalt formen, ein andermal mit festem Zug die Erscheinung der Kraft, die auf Wahrheit und Weisheit ruht, darstellen. Aus anscheinend kraus durcheinanderlaufenden, ineinanderstürzenden zarten und doch kräftigen Linien formen sich Ornamente, zu denen Pflanzen- und Tierwelt, Technik, Architektur, Kunstgewerbe Yemenitischer Jude Ex libris E. M. Lilien und religiöser Kult angeregt haben. Aber alles ist mit des Künstlers Augen gesehen, hat in dessen Innern Gestaltung erfahren, so daß die Blume, das Tier, das Werkzeug und , „ ... '' alles andere eben des Künstlers Blume, des Künstlers Tier, des Künstlers Werkzeug geworden ' ' ist. Er ist der Künstler . , der Linie geworden. Sie I war ihm alles, das Aus-; drucksmittel, mit dem er ■f alles aus sich herausstellte * und es den Augen anderer sichtbar machte, was sein Herz bewegte, erfreute, erschütterte und quälte. Die Linie formte sich in ihm nicht nur zur Zeichnung, zum Bild, zum Ornament; sie verband sich mit der Schrift, mit dem 7 ganzen Satzbild, er formte ' " mit ihr die Buchseite, in der sich Schrift und Bild;; ' organisch verbanden: er ' .; schuf das künstlerisch einheitliche Buch. Er hat diese Kunst aufs höchste V ausgebildet, und das ist ihm nur gelungen, da sich seine großen künstlerischen Fähigkeiten auf die in der Jugend eingesogene Liebe zum Handwerk aufgebaut und mit dem Geist der jüdischen Erziehung und den Lehren jüdischer Geisteswissenschaft genährt haben. Er hat lange Jahre gekämpft, vor allem gegen den Widerstand der akademischhohlen Anschauung. Er hat den Mut gehabt, trotz der widrigsten Verhältnisse den eigenen Weg zu gehen. Als er dann geschaffen, was ihn schon als „Eigenen“ zeigte, mit einer Kraft künstlerischer Überzeugung, mit einer glühenden Leidenschaft, die nur ein Jude für das haben kann, was sein Volk bewegt, da erlebte er die große Enttäuschung. Nicht als Künstler, sondern als Jude. Kein jüdischer Verleger wagte dieses Werk herauszubringen, obwohl sogar ein Nichtjude die Lieder und Balladen des Buchs „Juda“ gedichtet hatte. Ein nichtjüdischer Verleger, Lattmann in Goslar, hatte den Mut, das Buch drucken zu lassen. Er hat es nicht bereut; das Werk war ein Markstein in der Geschichte des künstlerischen Buchs um die Jahrhundertwende. Liliens Liebe und Schmerzen sprachen sich noch glühender in dessen folgenden Werken aus. Als Morris Rosenfelds, des amerikanisch-jüdischen Arbeiterdichters, „Lieder des Ghettos“ in Europa bekannt wurden, griff Lilien zu ihnen und schmückte sie künstlerisch. Niemand war dazu geeigneter als *) Wir sind dank dem freundlichen Entgegenkommen des Benjamin-Harz-Verlags in der angenehmen Lage, aus dem Werk Liliens einige der bezeichnendsten Beispiele von dessen hohem Können in dieser Nummer zu veröffentlichen. Sämtliche Reproduktionen sind der ausgezeichneten Arbeit E. M.Briegers entnommen: E. M. Lilien, Sein Leben und sein Werk.