Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1925
- Issue
- 26 (16.10.1925)
- Date
- 1925-10-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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MITTE ILUNGEN des Israelitischen Lehrervereins für Bayern S c h r i 111 e i t u n g: M. Rosenfeld, München Nr. 26 München, 16. Oktober 1925 Bericht des 1. Vorsitzenden auf der 44. Mitgliederversammlung in Nürnberg. Durch besonderes Entgegenkommen der Redaktion des „Jüdischen Echo" wurde der Bericht in diesem Blatt in Nr. 39 und 40 abgedruckt. Nachstehend bringen wir noch den 3. Abschnitt des Referates, der der Erinnerung an unsere im Berichtsjahre heimgegangenen Mitglieder und Freunde gewidmet war. Auch im verflossenen Jahre standen wir an so manchem Grab, neun lieben Freunden haben wir letzte Grüße mitgegeben auf dem Wege, den wir alle gehen werden. Am Neumondstage des Kislev gaben wir Raphael Adler (München) das letzte Geleite. 17 Todesopfer, eingezeichnet in unser Ehrenbuch, entriß der Krieg ihren Angehörigen und unserem Lehrerverein. Als Tl als 18. führte Raphael Adler die Zahl unserer tapferen Freunde an, die in die Heimat wiederkehrten. So stand er wirklich ben hachaijim üben hamesim, zwischen den Lebenden und den Toten. Nicht lange aus schwerer Gefangenschaft, in die er verwundet gefallen, brachte er den Todeskeim mit. Er wurde Volksschullehrer in Mittelsinn und nach Auflösung dieser Schule in München. Aber nur wenige Wochen sollte er hier wirken, da fand er allzufrüh ein Grab in der Heimat. Im Dezember 1924 folgte ihm Viktor Gottlieb, Lehrer in Mellrichstadt, wo er 33 Jahre segensreich gewirkt. Seit 1885 war er Mitglied des Lehrervereins, der in ihm einen arbeitsfrohen, immer hilfsbereiten Kollegen verloren hatte. 1896 bis 1903 gehörte er der Verwaltung an. Eine dankbare Gemeinde, die ihren Lehrer im Leben zu schätzen, im Tode zu ehren verstand, trauert mit uns um den Freund. Abraham Hubert in Windsbach, ein stiller Kollege, der, so lang er lebte, mit der Not des Lebens zu kämpfen hatte, wurde uns im März dieses Jahres entrissen. Wenige Tage vor dem Pessachfest starb Leopold Rotter, 1.Vorbeter und Religionslehrer der Gemeinde Ohel Jakob in München, ein Thoragelehrter der alten Schule, der Wissen und die Kunst, sein Wissen den Schülern zu vermitteln, vereinte. Anselm Frank aus Westheim bei Haßfurt schloß reich an Jahren, ein 83jähriger, die müden Augen. 60 Jahre war er Lehrer, Vorbeter und Schochet, davon 47 Jahre in Westheim. Was 60 Jahre als Kultusbeamter in einer kleinen Gemeinde bedeuten an Enttäuschung, an Nöten, an Mühe und Arbeit — davon hätte dieser fromme, pflichtgetreue Greis singen und sagen können. In einem Briefe an mich segnete er kurz vor seinem Tode den Verband, der wenigstens von seinen letzten Lebensjahren Frau Sorge, die ihn so treu begleitete, verscheuchte. An einem Sabbatvorabend im Juni entschlief Rektor Benjamin Falk in Frankfurt a.M. Gründungsmitglied unseres Lehrervereins, blieb er uns treu, obwohl er außerhalb Bayerns, davon 26 Jahre als Leiter der jüdischen Volksschule in Frankfurt, gewirkt. Er war einer der ältesten Schüler des Würzburger Seminars, einer der wenigen noch Lebenden, die zu Füßen des alten Raws saßen — der Typus des so selten gewordenen durch Frömmigkeit und Thoraliebe geadelten alten bayerischen Juden. Im hohen Alter verschied Hauptlehrer Massenbacher (H ü 11 e n b a c h), der letzte Volksschullehrer der einst stattlichen, nun zur Zwerggemeinde zusammengeschmolzenen Landgemeinde. Zwei Lehrer wirkten an dieser Schule: 1828—1881 Isak Bernhard Lamm, der nach 54jähriger Lehrtätigkeit mit 78 Jahren in Pension trat; 1881—1925 Massenbacher, der 44 Jahre seiner Schule und Gemeinde diente. In einem Jahrhundert zwei Lehrer, die getreu bis in den Tod in Gotteshaus und Schule ihre Pflicht erfüllten. Bier schild (Hermannsberg) und S i - c h e 1 (Burghaslach) wurden uns entrissen — um Sichel trauert eine Witwe mit 3 Kindern. In letzter Stunde erfahre ich, daß Riech-Vallendar, früher in Harburg (Schwaben) von langem Leiden durch den Tod erlöst wurde. „Wer wird für seine fünf unmündigen Waisen sorgen?," fragt bang sein Nachfolger. Kollegen gebt ihm Antwort, indem ihr für unsere Hilfskasse wirkt, keine Pensionskasse steht der Witwe und ihren Kindern sonst hilfreich zur Seite! In dieser Stunde des Gedenkens wollen wir auch zwei Männern ein Wort der Erinnerung weihen, die wir als Freunde und Helfer in manchen Nöten ansprechen dürfen. Marx-Maßbach hat mit lebhafter Teilnahme unsere Standesbestrebungen verfolgt und als Mitglied der Tagung gefördert. Bei seinen Reisen als Mohel hat er, unsere alten Berichte bezeugen es, für unsere Hilfskasse gewirkt. Die Kinder des Entschlafenen haben am Jahrzeittage im Sinne ihres Vaters eine größere Spende für unsere Witwen und Waisen übergeben. Dankbar schließe ich die Reihe, indem ich des Kreisschulrates August Hopf gedenke. Methsieder, Kern und Hopf, ein Dreigestirn von Schulaufsichtsbeamten, die jedem mit Gerechtigkeit und dem Willen zu helfen entgegenkamen. Zu meinen köstlichen Lebenserinnerungen gehört es, daß diese Männer ein gut Stück meinen Lebensweg begleiteten. Kern war der Lehrer meiner Kindheit und der treue Helfer meiner Mutter, als mein Vater allzufrüh von uns ging. Methsieder kämpfte für mich* als ich Lehrer an einer Simultanschule werden sollte; der Buchstabe des Gesetzes war stärker als der Geist der Gerechtigkeit, in dem Methsieder die Paragraphen auslegte. „Ihnen danke ich meinen ersten Verweis" sagte mir Methsieder, als das Ministerium Landmann meine Ernennung nach Nürnberg 1896 zerriß, „aber ich bin stolz auf diesen Verweis". Hopf war mir ein lieber Freund — vielen Kollegen aber ein treuer Berater und Helfer in der Zeit des Abbaus der jüdischen Volksschulen. Unsere Mitteilungen haben dem teuren Mann einen