Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 41 (9.10.1925)
- Date
- 1925-10-09
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 41 9. Oktober 12 Jahrgang Die Juden in Sowjetrufiland Von Dr. h. c. F'reiherr von Schoenaich, Generalmajor a. D. Der soeben von einer Rußlandreise zurückgekehrte Generalmajor a. D. Dr. honoris causa Baron von S c li o e n - aich stellt unserer Zeitung den folgenden Artikel zur Verfügung: Zwei Sätze gelten unseren hakenkreuzlerischen Nationalisten als Dogma. Erstens: die Juden bilden eine in sieh geschlossene weltkapitalistische Internationale. Zweitens: Sowjetrußland ist vollkommen verjudet. Da Nachdenken nicht ihre Stärke ist, merken sie nicht, welch unlösbarer innerer Widerspruch darin liegt, denn es gibt keine Macht der Erde, die dem Weltkapital feindlicher gegenüber steht als Sowjetrußland. Wenn aber das angeblich verjudete Sowjetrußland gegen das angeblich verjudete Weltkapital kämpft, dann kämpfen doch Juden gegen Juden, und damit bricht dann wieder die Behauptung in sich zusammen, daß die Juden eine Internationale bilden. Während meiner Rußlandreise habe ich versucht, auch in die Judenfrage einzudringen. Im zaristischen Rußland waren die Juden mehr oder minder rechtlos. In geschlossenen Massen wohnten sie nur in den ehemals polnischen Landesteilen. Wenn die Regierung die Aufmerksamkeit des Volkes von ihren eigenen Untaten ablenken wollte, und das war praktisch immer der Fall, dann hetzte sie es gegen die Juden auf, eine Methode, die auch in anderen Ländern allmählich geschichtlich geworden ist. Diese Methoden haben aus Abwehrgründen, allmählich einen gewissen internationalen Zusammenschluß des Judentums zur natürlichen Folge gehabt. Dieser rein moralische Zusammenschluß hat aber natürlich nicht die wirtschaftlichen Gegensätze zu iiherhrücken vermocht, die in der Verschiedenheit der wirtschaftlichen Lage der verschiedenen Einzeljuden begründet sind. Der kleine jüdische Handelsmann hat natürlich ganz andere Interessen als der große jüdische Bankier. Dazu kommt, daß die Ausschließung der Juden aus vielen Berufen, wie sie neben Deutschland in Rußland am schroffsten gehandhabt wurde, die Juden in ganz bestimmte erwerbende Berufe geradezu hineinzwang. In diesen Berufen haben sie sich dann im Laufe der Jahrhunderte durch Vererbung und Gewohnheit besondere Befähigung angeeignet. In Rußland kam dann im besonderen noch dazu, daß die zaristische Regierung der allgemeinen Volksbildung geradezu feindlich gegenüberstand. Arbeiter und Bauern, die nicht schreiben und lesen konnten, erschienen ihr angenehmere Staatsbürger als solche, die dieser schwarzen Kunst kundig waren. Die Juden aber lehrten sich diese Kunst, der Not gehorchend, innerhalb ihrer Gemeinden gegenseitig. So kam es, daß die Juden im alten Rußland der Masse des Volkes nicht nur geschäftlich, sondern auch rein geistig weit überlegen waren. Daß sie diese Überlegenheit, besonders in den Dörfern, auch in klingende Münze umzusetzen verstanden haben, kann natürlich nicht geleugnet werden. Das aber steigerte wieder den der zaristischen Regierung, wie oben geschildert, willkommenen Judenhaß des Volkes. Die zaristische Regierung wähnte, die Kräfte so geschickt gegeneinander auszuspielen, daß sie seihst den Nutzen davon hätte. Erst der Zusammenbruch brachte das Erwachen aus diesem Wahn. Daß Juden in allen offenen oder geheimen Kämpfen gegen den Zarismus vielfach die Führer waren, kann nach alledem nicht Wunder nehmen. Als die Sowjetregierung an die Macht gekommen war, erkannte sie im Gegensatz zu Deutschland sehr schnell, daß sie sich nur halten könne, wenn die Übermacht der alten Beamtenschaft gebrochen würde. Woher aber Ersatz nehmen, ohne die Staatsmaschine zum Stillstand zu bringen, wo doch die Masse des Volkes des Lesens und Schreibens unkundig war? Das Zurückgreifen auL die gebildeten Juden war daher eine Selbstverständlichkeit. Wie liegen die Dinge nun heute? Die beiden mächtigsten Männer Rußlands sind Nichtjuden, nämlich der Reichspräsident K a 1 i n i n und der Ministerpräsident Ry ko w. Diese beiden Männer haben sich in die Ämter, die der Nichtjude Lenin in einer Person vereinte, geteilt. Der dritte einflußreichste Mann, der Außenminister Tschits c h e r i n , soll angeblich etwas jüdisches Blut in seinen Adern haben (was ich nicht nachprüfen kann). Da er aber schon zur zaristischen Zeit im auswärtigen Dienst' stand, kann sein Judentum sicherlich nicht hervorstechend sein. Zur Charakterisierung dieses wahren Edelmannes bemerke ich außerdem, daß er lange vor dem Kriege seinen Grundbesitz freiwillig unter die Kleinbauern aufgeteilt hat, wofür er heim Zaren in schwere Ungnade fiel. Herr Trotzky, den ich persönlich gesprochen habe, ist Jude, aber ein sehr kluger und sehr angenehmer, der jedem westeuropäischen Staatswesen durchaus zur Zierde gereichen könnte. In den Behörden, mit denen ich zu tun hatte, habe ich in leitenden Stellen sehr wenig, in unteren dagegen sehr viele Juden angetroffen. Am größten ist ihre Zahl natürlich in der Ukraine, wo sie früher in dichten Massen wohnten. In den vielen Gesprächen, die ich auch mit Gegnern der Sowjetregierung geführt habe, hin ich einem ausgesprochenen Judenhaß nicht begegnet, ein Zeichen, daß früher viel zaristische Mache dabei war. Einmal war ich im Wartesaal Zeuge eines Gespräches zwischen einem judenfeindlichen abgebauten Beamten und einem jüdischen Militärarzt. Aber auch das Gespräch bewegte sich in sachlichen Formen. Mir war das interessanteste dabei, daß solche Gespräche scheinbar ganz offen stattfinden, daß also von einer Unterdrückung der freien Meinungsäußerung keine Rede ist. Wie ich erfuhr, soll die russische Regierung die Absicht haben, Juden von den Orten, wo sie einst vom Zarismus gewaltsam zusammengepfercht worden waren, auf dem Lande anzusiedeln. Der Einwand, daß der Ackerbau der jüdischen Eigenart nicht entspreche, ist, wie ich während des Krieges selbst beobachtet habe, nicht zutreffend. Ende März 1915 war ich einige Tage Abschnittskommandeur in dem Orte Kirsna-Wjelka (zwi-