Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 38 (18.9.1925)
- Date
- 1925-09-18
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 38 18. September 12 Jahrgang n i & n & s i Eine ernste Stimmung ist es, in der wir das dahinscheidende Jahr von uns ziehen sehen. Mit Sorge und Bangen blicken wir dem neuen entgegen. So wenig wir am Anfang des abgelaufenen Jahres wissen konnten, welches Los unser harren würde, ebenso sehr sind wir jetzt im Dunkeln darüber, was uns im neuen beschert sein wird. Hoffnung und Mut sind es, die uns auf dem Wege in das neue Jahr begleiten, die uns neue Lebenskraft zuführen sollen. Am zweiten Tage unsres Festes werden uns in der Haftara Worte des Propheten Jirmija vor Augen geführt, welche uns mahnen, zu allen Zeiten der Zukunft mit Zuversicht entgegenzusehen. Er verkündet: „Der Israel zerstreut hat, der sammelt, es wieder;“ „es ist eine Hoffnung für deine Zukunft, es kehren zurück die Kinder in ihr Gebiet.“ Der Prophet fordert Selbstbesinnung und Umkehr, er ermahnt und warnt und zeigt uns den Strahl der Hoffnung. In sinnvoller Weise führt er uns die Mutter Rahel vor Augen, welche für ihre Kinder Tränen vergießt. „Rahel beweint ihre Söhne“, sagt er und läßt den Ewigen erwidern: „Höre auf zu weinen, trockne die Tränen, es kehren wieder die Kinder aus Feindesland.“ Gerade an diesem Feste ist es angebracht, die Prophetenworte uns vor Augen zu führen: wie die Träne der Mutter an das Herz des Kindes rührt und die getrocknete Mutterträne das Kind neu belebt, so sollen auch wir der Hoffnung auf eine gute Zukunft Raum geben. Unser Rosch-Haschanah fällt in die Zeit des Übergangs vom Sommer zum Herbst, in eine Zeit, die ohnedies dazu angetan ist, auf Gemüt und Gedanken schwer zu drücken. In einer solchen Periode beherrscht den Menschen mehr als sonst nachdenkliche Stimmung. Kein Wunder: Die Erlebnisse des Jahres, seine Taten und Leistungen ziehen an seinem geistigen Auge vorüber und veranlassen ihn, sich über vieles Rechenschaft abzulegen. Gläubige und solche, welche sich nicht dazu zählen, nicht minder (diese zwar unbewußt) halten im Taumel des Alltags inne und besinnen sich über den Zweck ihres Lebens und es werden da Vorsätze und Entschlüsse gefaßt, welche der bangenden Menschenseele neue Stützpunkte gewähren. Alle unsere Gebete i^nd Betrachtungen gehen darauf hinaus, die Rückkehr zu besseren Grundsätzen zum Ausdruck zu bringen. Wir geloben, mit sittlichem Ernst die Leidenschaften zu bannen und mit Strenge diarauf zu achten, Fehlschritte auf unseren Bahnen zu meiden. Die Töne des Schofars, welche an diesem Tage zu den Herzen aller Bekenner des Judentums dringen, weisen uns auf die Lehren hin, die uns hier geboten werden. Innere Bekehrung, Sinnes- und Willensänderung sind die Festesopfer, die wir darbringen sollen. Ist unsere Umkehr echt, so dürfen wir getrost in das neue Jahr eintreten. J v r i. Feuriges Kreuz Die bevorstehende Feier des Neujahrsanfanges 5686 sollte einen jüdischen Publizisten veranlassen, Rückschau auf das vergangene Jahr zu halten und sich mit den Aufgaben des kommenden Zeitabschnittes zu befassen. Wenn es diesmal nicht geschieht und die Aufmerksamkeit einem Vorkommnis zugewendet wird, das in den letzten Tagen die deutsche Öffentlichkeit aufgescheucht hat, so ist es darum, weil dieses Ereignis geeignet ist, noch einmal in nachdrücklichster Weise die in Deutschland lebenden Juden darauf aufmerksam zu machen, welch verblendetem Haß und welch unfaßbarer Verwirrung der Geister der deutschen Jugend sie gegenüberstehen. Wir meinen den von der Berliner Polizei aufgestöberten deutschen Ku-Kux-Klan-Orden der „Ritter vom feurigen Kreuz.“ Als die erste Nachricht über diesen Narrenorden in die Öffentlichkeit drang, da rief sie Unglauben hervor und man war geneigt, über diese ganze Affaire in Lachen auszubrechen. Leider können wir Juden über diese Angelegenheit nicht mit einem Achselzucken oder mit Lachen hinweggehen. Ein ostjüdisches Sprichwort sagt nämlich: „ich würde mitlachen, wenn der Narr nicht mein wäre.“ Die Sache, der Ritter vom feurigen Kreuz mag den Ohren des Auslandes, mag den fortschrittlichen Kreisen des deutschen Volkes lächerlich klingen. Wir können uns nicht belustigt an diesem Lachen beteiligen, denn hinter dem ganzen Firlefanz der Aufmachung dieses famosen Ordens verbirgt isich ein Hexensabbath tollster antisemitischer Auswüchse, die buchstäblich Leib und Leben jedes Juden bedrohen, die irgendwie zur Zielscheibe des fanatischen Abscheus jenes Klüngels geworden ist, der sich um die schwarzweißrote Fahne mit dem Hakenkreuz schart. Wir haben vor einiger Zeit darauf hingewiesen, daß das deutsche Judentum nach den großen Wahlerfolgen der antisemitischen Parteien in Deutschland während der letzten Reichstagswahlen und anläßlich der Wahl des Reichspräsidenten sich durch das sicherlich gegenüber der jüdischen Gemeinschaft taktvolle Benehmen des neu gewählten Reichspräsidenten beruhigt hat. Wir haben damals bemerkt, daß zu einer Stimmung des Sicli-Abfindens so lange kein Anlaß gegeben ist, als die verantwortlichen Regierungen des Reiches und der Länder innerhalb Deutschlands die Auswüchse des agressiven Judenhasses als erlaubte politische Betätigung betrachten und die Äußerungen dieses Judenhasses in vornehmer Unparteilichkeit dulden. Wir sind die letzten, die einen Eingriff des Staates gegenüber politischen Richtungen verlangen, solange diese Richtungen sich in den Grenzen der durch die Verfassung des deutschen Reiches gewährleisteten Freiheiten bewegen. Wenn jedoch Tendenzen in der Bestätigung extremer Parteien auf treten, die die Ruhe und den Frieden im Lande gefährden und darauf hinzielen, Umsturz hervorzurufen, dann pflegt die Regierung unnachsichtig einzugreifen und den Schuldigen den Prozeß wegen Landesverrates zu machen. Das ist in vielen Fällen gegenüber linksstehenden Verschwörern und einige wenige Male auch gegenüber reaktionären Exalta-