Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 37 (11.9.1925)
- Date
- 1925-09-11
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 37 11. September 12 Jahrgang Vorläufige Bilanz Betrachtung zum 14-. Zionistenkongreß. Die Kongreßtage sind verrauscht und nach 14tägiger angestrengtester Arbeit als Delegierter oder Teilnehmer fährt jeder, der den XIV. Kongreß der Zionisten in Wien mitgemacht hat, mit einem beklemmenden Gefühle nach Hause. Das äußere Bild des Kongresses war überwältigend. Während der Tagungen ward man dessen nicht in dem Maße inne, wie schon drei Stunden nach der Schließung der Tagung, am Montag, den 31. August um 6 Uhr früh. Urplötzlich stieg die Erkenntnis auf, daß man einem Ereignis von weittragender historischer Bedeutung für das jüdische Volk beigewohnt hat. Präsident S o k o 1 o w , den jahrzehntelange publizistische Arbeit zum wundervollsten Wortbildner erzogen hat, fand in seiner Eröffnungs- und in seiner Schlußrede Worte, die den Inhalt und die Bedeutung des Kongresses in präzisester Form kennzeichneten. In seiner Eröffnungsrede sagte er, daß dieses 14. Glied in der goldenen Kette der Weltversammlungen der Zionisten sich mit der ungeheuerlichen Tatsache der Masseneinwanderung beschäftigen und von ihr beherrscht werden würde. In seiner Schlußrede faßte er die Bedeutung der Tagung in der Formel zusammen: Es war ein n ii t z 1 i c h e r Kongr e ß. Tatsächlich bot der XIV. Kongreß in ungleich höherem Maße als alle seine Vorgänger das Bild eines disziplinierten Parlaments der durch freien Willen zu einer sozusagen staatlichen Gemeinschaft zusammengeschlossenen nationalbewußten Juden-, heit. Es gab tatsächlich keinen einzigen „Kongreßbummler“ unter den Delegierten. Jeder von ihnen kam nach hartem Wahlkampfe in voller Kenntnis der obwaltenden Probleme als Abgesandter zur Tagung. Damit ist nicht gesagt, daß jeder Delegierte sein Mandat imperativ aufgefaßt und sich an eine gebundene Marschroute gehalten hätte. Jeder war bereit zu hören, zu urteilen und seine Sonderwünsch e den allgemeinen Bedürfnissen unterzuordnen. Alle aber waren innerlich durchgebildet und darum weder Sensationen noch Hurrahstimmungen zugänglich. Das zeigte sich insbesondere in zwei Fällen. Jabotinski, ein Rhetor ersten Ranges, bot auf diesem Kongresse eine Leistung, die das gesamte Auditorium, Delegierte und Gäste, erschütterte. Jabotinski fand Beachtung, hatte das Ohr des Kongresses, alle Teilnehmer freuten sich, in ihrer Mitte einen derartigen wundervollen Judentypus zu haben — die kühle Überlegung siegte jedoch — und nicht fünf Delegierte ließen sich auf das Glatteis der Jabotinskischen Gedankengänge verlocken. Der zweite Fall: Der Kongreß äußerte in seiner ersten Abstimmung über das Absolutorium für die Leitung seine schwere Bes'orgnis über die Richtig- und Zweckmäßigkeit der bisher in den letzten vier Jahren von Dr. Weizma n n befolgten Politik. Trotzdem erklärte sich derselbe Kongreß in sachlicher Würdigung der persönlichen Bedeutung und der Qualitäten Weizmanns für seine Person. Die Tatsache, daß der Kongreß zu scheiden verstand zwischen Person und letztem Wegabschnitt, bewies das hohe Verantwortungsgefühl der versammelten Vertreter der zionistischen Bewegung. In diesem Sinne ist es möglich, daß der XIV. Kongreß tatsächlich ein nützlicher in der Zukunft wird genannt werden können, wenn nämlich von heute an in der zionistischen Politik die Besinnung auf die eigenen Kräfte und auf die Machtmittel des organisierten jüdischen Volkes Ausgangspunkt für die Betätigung in der inneren Politik des jüdischen Volkes und in der äußeren gegenüber den Mächten der Welt, deren Mithilfe, Förderung oder Duldung wir beim Aufbau Palästinas nötig haben, vorherrschend sein wird. Der Umstand, daß der Zionistenkongreß auseinanderging, ohne eine Exekutive gewählt zu haben, ist gerade ein Zeichen dieser Selbstbesinnung der Organisation auf ihre Bedeutung. Die Sachlage war nämlich folgendermaßen: Präsident Weizmann legte vor seiner Abreise — er verließ den Kongreß 16 Stunden vor seinem Ende — dem Permanenzausschuß eine Liste von Namen vor, die er in die zukünftige Leitung gewählt haben wollte. Da er aber nicht persönlich anwesend war, um die Verhandlungen mit dem Permanenzausschuß und den von ihm vorgeschlagenen Kandidaten zu führen, verzichtete der Permanenzausschuß auf eine Wahl der Leitung durch den Kongreß und übertrug diese Aufgabe dem gewählten Präsidenten und dem Aktionskomitee. In diesem Beschlüsse des Permanenzausschusses lag kein Mißtrauen gegen Weizmann, sondern vielmehr die Manifestierung der Tatsache, daß der Kongreß es ablehnt, mit seinem Präsidenten in der Entfernung sozusagen brieflich zu verkehren. Es ist kein Zweifel, daß die Zionistische Organisation trotz des dauernden Wehklagens über Krisen in den letzten Monaten an Selbstgefühl und an Ichbewußtsein gewonnen hat. Das ist ein Weg, den man nur begrüßen kann. Je selbstbewußter und stärker die Zionistische Organisation geworden ist, in desto höherem Maße wird sie imstande sein, eine Bündnispolitik zu treiben, die die Mithilfe anderer Faktoren bei dem großen Werke des Aufbaues des jüdischen Nationalheimes sichert. Eine starke Zionistische Weltorganisation ist die Voraussetzung für eine bedeutsame erweiterte J e w i s h Agenc y. Der XIV. Zionistenkongreß bedeutet einen Wendepunkt in der Entwicklung der Zionistischen Organisation zur Konsolidierung und Gesundung. M. W. •$* Beschlüsse des XIV. Zionistenkongresses /. Angenommene Anträge der politischen Kommission. Der 14. Zionistenkongreß hat in seiner letzten Sitzung in der Nacht vom 30. zum 31. August die folgenden Beschlüsse angenommen: 1. Der Kongreß entbietet ein herzliches Lebewohl an Sir Herbert Samuel, dessen fünfjährige Amtsperiode als erster Hochkommisssar für Pa-