Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 36 (4.9.1925)
- Date
- 1925-09-04
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 36 4. September 12 Jahrgang Der 14. Zionistenkongreß Nach dem Zionistenkongreß (Von unserem Korrespondenten.) Wien, Ende August 1925. Es kann nicht die Aufgabe eines Beobachters nach dem Zionislenkongreß sein, im Einzelnen die Ergebnisse der Tagung aufzuzählen und zu würdigen, wenn er die Totalität der Veranstaltung im Auge behalten will. Darum sei von den vielen Beschlüssen und Anregungen, die der Kongreß sei ner neuen Leitung für die nun beginnende zweijährige Kongreß-Zwischenperiode auf den Weg milgegeben hat, abgesehen. Die gesamte Judenheit der Welt, also auch diejenigen Teile, die nicht zionistisch organisiert sind, interessiert vielmehr die Frage, ob auf dem Kongreß der Zionisten, der die verschiedensten kulturellen, religiösen und sozialen Schattierungen innerhalb des jüdischen Volkes vereinigte, das zum Ausdruck gekommen ist, was Voraussetzung des zionistischen Strebens überhaupt ist: eine staats- und gemeins c h a f t s b i 1 d e n cl e Kraft, die alle Sonderinteressen beherrscht und zu einer schöpferischen Resultante vereinigt. Zur größten Genugtuung der jüdischen Gesamtheit kann diese Frage uneingeschränkt bejaht werden. Während noch auf den ersten Kongressen der Zionistisch. Organisation ziemlich viel Chaotisches, Undurchdachtes und Eigenbrötlerisches zu verzeichnen war, frappierte auf dem letzten Kongreß die Selbstverständlichkeit des Sicheinfügens aller Richtungen im Zionismus und aller Vertreter aus den verschiedensten Klassen und Ländern in die gegebenen Möglichkeiten und Notwendigkeiten. Auf dem Kongreß gab es eine ausgesprochene Rechts- und eine nicht minder ausgesprochene Linksgruppe. Diese Gruppen unterschieden sich von einander sowohl in der Auffassung rein jüdischer, wie auch sozialökonomischer Probleme. Während der Verhandlungen kam es oft zu erbitterten Zusammenstößen der Meinungen. Keinem Mitgliede dieser Gruppen kam jedoch auch nur der Schatten des Gedankens, daß man eigentlich an diesem Kongreß nicht aus Zwang, sondern aus freien Stücken teilnehme und darum im Grunde vollkommene Freiheit des Entschlusses und Handelns habe, somit nicht gezwungen sei, sich dem Willen der anderen Gruppe zu beugen, die doch keine Machtmittel, außer moralischen, besitze, ihren Willen der gegnerischen Gruppe aufzuoktroyieren. Der selbstverständliche innere Zwang, unter allen Umständen Teil der Gesamtheit zu sein und die Mitverantwortung für die Beschlüsse dieser Gesamtheit, mag man diesen Beschlüssen zugeslimmt oder sie abgelehnt haben, zu tragen, schmiedete alle Gruppen und Verbände zusammen und gestaltete den Zionistenkongreß zu einem jüdischen P a r 1 a m e n t e iin besten Sinne dieses Wortes. So sehr sich Rechts und Links in ihren Auffassungen und Anschauungen widersprachen, in der Festlegung der praktischen Vorschläge und Bestimmungen einigte man sich eigentlich ohne besondere Kämpfe. Das Sonderinteresse und die Separatwünsche traten mit frappierender Selbstverständlichkeit hinter die Bedürfnisse der Allgemeinheit zurück. Die Erfordernisse des Aufbaues des Jüdischen Nationalheims, die Einsicht von der politischen Notwendigkeit, den Jischuw in Palästina numerisch, kulturell und ökonomisch zu stärken, besiegten die Sonderwünsche der einzelnen Programme und führten alle Teilnehmer des Kongresses auf den Weg des common sense, der beileibe keine Verwässerung der Weltanschauung bedeuten muß. Wer dem Verlauf des Kongresses auch nur kühl wägend und prüfend seine Aufmerksamkeit zugewendet hat, mußte zugeben, daß Weizmanns Behauptung, das jüdische Volk gliedere sich als freies Mitglied in den großen Bund der Völker ein, vollkommen richtig ist. Diese Erscheinung ist imponierend. Nahezu zweitausend Jahre war die jüdische; Gemeinschaft zerrissen und allenthalben die Meinung geradezu als Axiom geläufig, daß den Juden die Fähigkeit zur Selbstverwaltung u. staatlichen Gemeinschaftsbildung abgehe. 28 Jahre zionistischer und jüdischer Volkserziehung haben genügt, um die Juden so weit zu bringen, daß sie in ihrem ohne Zwangsmittel geschaffenen Parlamente sich so benehmen, wie Völker mit jahrhundertelanger parlamentarischer Erfahrung. Max Nordau sagte auf dem Hamburger Zionistenkongreß anläßlich des Schauturnens des Makkabi, der Beweis sei von den Juden erbracht, daß Geist Muskel werden könne. Geist kann auch Staat, kann Selbstverwaltung, kann Parlament werden. Beweis hierfür ist die Geschichte der letzten Jahre zionistischer Arbeit in Palästina, ist der Verlauf des XIV. Zionistenkongresses. M. W.