Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 34 (21.8.1925)
- Date
- 1925-08-21
- Page
- Seite 659 [657] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 Das Jüdische Echo 659 Ausführungen des Herrn Bankier Wassermann (siehe Nr. 4 der bayer. isr. Gemeindezeitung S. 69) auf der Tagung zu Würzburg mit meinen Federzeichnungen noch einige „Lichter“ aufgesetzt, um gleichsam einen perspektivischen Standpunkt zu fixieren, von dem aus sie betrachtet werden mögen. Meine Detaillierungen sind in erster Linie a-n die breite Masse der Öffentlichkeit gerichtet, die doch vor allem ihre Mithilfe nicht versagen darf, soll aus den bisherigen Anregungen ein wirklich fruchtbares Unternehmen gezeitigt werden können. Wenn jeder unserer jüd. bayer. Mitbürger durch eine systematische Aufklärung zur Mitarbeit so von selber angespornt wird, dann läßt sich schon in kurzer Zeit die Idee einer „Sammlung jüdischer Altertümer In Bayern“ aufs Schönste realisieren. Der genugsam bekannte Förder- und Solidaritätssinn der bayer. Judenheit läßt sicher unser diesbezügliches Hoffen nicht fehlschlagen. Wenn auch der bayer. isr. Gemeindeverband diese Aufgabe zu der seinigen gemacht hat und Mittel hierfür aufzuwerfen bereit ist, so darf dies doch nicht zu seiner ausschließlichen Sache werden. Der eigentliche Zweck bleibt immer der, unsere bayer. Glaubensbrüder für die Sammlungen zu interessieren und dauernd zu gewinnen. Deshalb sind vor Allem Mittel aufzubringen, um —i neben den in edler Munifizenz gegebenen kunst- und kulturhistorischen Werten —durch Kauf von Privaten manch hervorragendes Stück der Allgemeinheit und der Wissenschaft zu erhalten. Für gedachten Zweck muß also ein eigener Fonds gegründet werden, der gespeist wird sowohl durch Unterstützung vom Verband, durch freiwillige Zuwendungen, als auch durch Beiträge der Mitglieder einer ins Leben zu rufenden „Gesellschaft für jüdische Geschichte (davon später!) und Altertumskunde“ oder einer „Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler in Bayer n.“ — Amberg Lehrer Leopold Gockewsky. Ui III! 1 laiiu iiinin 111 Feuilleton |||| .. ■i ii i lim Flottenvorlage Erzählung von Saul T schern Ichowsky. Übersetzt von Dr. Max Mayer. (Schluß.) Die Flottenfrage wurde in der Welt Deutschlands immer vordringlicher, alle Zeitungen sind voll Diskussionen, alle Herzen stürmisch erregt und auch wir vier Studenten, die zukünftigen Berühmtheiten, waren mit ihr beschäftigt — bis sie uns in der Seele traf. Eines Abends, als wir zum Schloßberg hinaufgingen, um zu sehen und gesehen zu werden, kam uns die Blondine entgegen. Ihre Mutter war nicht mit ihr, aber — weh unseren Augen, die solches sehen! —Zwei' -hübsche Jungens in Matrosenuniform begleiten sie und ihr edles Gesichtchen leuchtet ihnen zu. Uns bemerkte sie gar nicht, auf uns blickte sie nicht, auch nicht ein Stäubchen des liebreizenden Sprühregens ihrer Augen fiel auf uns. Klar: Wie sollte auch ein kleines Mädchen nicht verliebt sein? Hatte es doch ganz Deutschland die Flottenvorlage angetan . . . Unsere Welt war nicht finster vor uns, war aber von selbst leer geworden. Auch unsere Promenade war von selbst überflüssig geworden. Um sie nicht wieder zu treffen, verließen wir jene Allee und wortlos kehrten wir nach Hause zurück. Am nächsten Tag meldete unser Kant, daß er s i e mit eigenen Augen gesehen habe mit den zwei Matrosen links und rechts. Wir waren sehr betrübt als wir das hörten, aber aus ganzem Herren verziehen wir dem kleinen, blonden Mädchen. Niemand kann den „Blaujacken“ widerstehen. Wir erfuhren, daß Wilhelm eine hübsche List erfunden hatte, um den ganzen Süden Deutschlands seinem Willen gefügig zu machen: er ließ eine kleine Flotte den Rhein hinauffahren und von dort den Neckar bis Mannheim. Nach Heidelberg kam zwar die Flotte nicht, aber ihre Matrosen kamen auch nach Heidelberg, und wo die „Blaujacken“ ihren Fuß hinsetzten, gewann das Gesetzprojekt bezüglich der Flotte einen völligen Sieg. Welches Herz wäre da nicht von den Matrosen gefangen genommen worden? An diesem Tage fanden wir für den lieben Engel mit den blauen Augen und dem blonden Haar, der uns entglitten war, einen passenden Namen: — „Flottenvorlage“ . . . Die Tage fingen an kürzer zu werden. Die Abende wurden kühl und die Regengüsse häufiger. Die alten Kastanienbäume waren während des ganzen Frühlings am Tore des Schlosses mit frischer Krone in Reihen gestanden, blütenreich, wie ehrwürdige Väter, die Gott mit Kindern und Kindeskindern gesegnet hat, die in ihrem Schatten Schutz suchen, jetzt begannen ihre Blätter abzufallen und ihre Weihe zu schwinden. Auch wir fingen an, den Schloßgarten seltener zu besuchen und waren häufiger im Stadtgarten zu finden. Das heißt, in den Garten selbst gingen wir selten, denn die sechzig Pfennig Eintritt fielen uns zu schwer und so ergingen wir uns längs der Französischen Straße speisten unsere Ohren an dem Streichkonzert im Garten. Die „Flottenvorlage“ hielten wir für verloren. Einmal, gegen Abend, gingen wir, wie immer, in der Allee spazieren — und sieh da nahe am Garten eine lange Bank, auf der zwei Frauen sitzen. Im Nu richteten wir unsere Schritte auf die Bank, baten um Erlaubnis und setzten auch uns hin. Die beiden Frauen waren —i die Alte und ihre Tochter, die „Flottenvorlage“, unsere Bekannte. Ein Blick aus ihren Augen genügte, um uns zu beruhigen. Das war die erste Gelegenheit, um mit dem Mädchen bekannt zu werden. Wir wußten, daß wir diese Gelegenheit keinesfalls verpassen durften. Aber wie? Lustige Schalke tanzten in den Augen des Mädchens. Was soll das bedeuten? — Eine Erlaubnis zum Ulk treiben. Auch über uns kam der Geist des Ulkes, das heißt, er erwachte nicht, sondern er lauerte stets in unserem Innersten auf den seinem In-die-Erscheinung-treten passenden Augenblick. Man muß die Aufmerksamkeit des Mädchens auf sich lenken, koste es was es wolle. Die Streichinstrumente erklingen — ein Potpourri aus der Oper „Faust“. — Was ist das für eine Arie? — fragte der Philosoph unserer Gesellschaft gemacht naiv. —■ Eine der Arien aus „Traviata“. — Nein, sondern aus „Simson und Delila“. — Bewahre! Aus „Tannhäuser“ ist sie. —■ Nicht aus „Tannhäuser“, sondern aus „Tristan und Isolde“. 99999^^