Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 30 (24.7.1925)
- Date
- 1925-07-24
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103075-9155963--06974-9079692- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Das Jüdische Echo Nummer 50 24. Juli 12 Jahrgang Neue Menschen auf alter Erde Rückblick und Ausblick. Der bekannte Schriftsteller Felix Salten hat nach der Rückkehr von seiner Palästina- Reise im Verlage Paul Zsolnay, Berlin-Wien- Leipzig, einen fast 300 Seiten starken Band „Neue Menschen auf alter Erde“ erscheinen lassen, worin dieser Jünger und Freund Theodor Herzls die Eindrücke seiner Palästinafahrt wiedergibt. Wir bringen anbei das 30. und letzte Kapitel aus dieser * hochinteressanten und besonders empfehlenswerten Veröffentlichung. Dann bin ich wieder oben auf dem Karmel, allein in meinem Zimmer und blicke hinaus in die Unendlichkeit des Meeres. Eigentlich bin ich ja während dieser ganzen Reise immer allein gewesen. Und doch war ich noch niemals, wohin mich tauch sonst mein Weg geführt hat, war noch nirgendwo in der Welt so umgeben und begleitet von Menschen und Erinnerungen, so bestürmt von Vergangenheit, so angefeuert von der Gegenwart, wie hier in Palästina. Hier ist mein Vater bei mir gewesen und meine Mutter; ich habe ihre zärtliche Nähe gefühlt, als seien sie noch unter den Lebendigen. Ja, sie lebten hier mit mir. Sie saßen an meinem Bett in der Einsamkeit der Nächte, wenn ich in kleinen Herbergen schlief oder in Zelten. Sie saßen an meinem Tisch und und sie gingen an meiner Seite durch dieses ganze, heilige Land. Alle meine Ahnen umgaben mich. Ihre Gestalten sah ich in der Synagoge zu Safed, auf den hellen Straßen von Tel Awiw, und zu Jerusalem an der Klagemauer. Der Hochmut des Gegenwärtigen, des Lebendigen, dieser ungewollte, nichtige Hochmut fiel ab von mir an den Bibelstätten, am Fuß der Gilboahberge, im Anblick des Jordans, der Gebirge von Gilead und auf den Höhen von Hebron, wo die Sonne noch immer genau so strahlt, der Himmel sich noch immer genau so wölbt, wie vor Jahrtausenden. Da standen die Urväter auf und wandelten lebendig und waren nicht fern, nicht geheiligt, sondern Menschen, leibhaftig, begreiflich, kernhaft, tüchtig und schwach dabei, Menschen, die helle Stunden hatten und dunkle; sie alle, von Jakob angefangen, Sfmson, der fröhliche Starke, Saul, der schwermütig wurde, verzweifelt und gering, weil er das Aufblühen des Größeren, den Sieg der Jugend nicht ertragen konnte, und dann, der Grössere, der königliche Dichter David, und alle, alle die anderen. Mit solcher Begleitung zog ich im Morgendämmer einer neuen Zeit durch Palästina und um mich war die Jugend, erschütternd in ihrer opferbereiten Hingabe. Wann wäre ich hier allein gewesen? Ich bin es auch jetzt nicht, da die Stadt und das Land tief unten, nun schon weit hinter mir liegen und ich nichts vor mir habe als das Meer, zu dem, einmal noch aufflamrri2nd, die Sonne niederglutet. „Ich glaube an Palästina und ich glaube an die Zukunft!“ Unten in Haifa hat es mir der alte Hotelbesitzer gesagt. Er saß bei mir am Tisch, er schüttete mir seine Begeisterung für Theodor Herzl aus, den er in Jerusalem ein einzigesmal,. gesehen hat, dessen frühen Tod er heute noch, bitterlich beweint und an dem er die aufweckende, die schöpferische Kraft seiner Dichterseele versteht. Er sagte es, ein alter Mann, der viel erlebt und viel erfahren hat, er sagte es aus der Fülle seiner Lebenserfahrung und aus vollem Herzen: „Ich glaube an Palästina, glaube an seine Zukunft“. Das war das Letzte, was ich hier hörte. Es ist auch das Erste gewesen, das ich hier gehört habe. Von dem Augenblick an, da ich ins- Land kam, während der, ganzen Zeit, da ich hier war, klang es mir von allen Seiten immer wieder entgegen. Als ich aus Ägypten herfuhr, war ich verstimmt, beunruhigt und niedergedrückt, denn der reiche Mann in Kairo hatte überlegen und mit einem! bedauernden Lächeln gesprochen: „Es ist nichts los in Palästina“. Aber hier sprach aus Menschenmund der feste, frohe Glaube an Land und Zukunft, hier redete die Erde von ihrem Glauben an sich und an die Menschen, an ihre heimgekehrten Söhne. Und hier fand ich die Zuversicht wieder, die mich hergetrieben hat, hier wurde sie bestätigt, wurde erhöht. Ob die wirtschaftlichen Verhältnisse heute schon so weit gediehen sind, daß von Gewinn, der zu gewärtigen ist, Kapital angelockt werden kann, vermag ich nicht zu entscheiden, weil ich nicht viel davon verstehe. Vielleicht lohnt es, hier Fabriken für Obstkonserven zu bauen. Eine Großsämerei scheint zu fehlen, und vielfach muß wichtiges Saatgut noch von außen gebracht werden. Eine umfangreiche Anstalt für Viehzucht wäre notwendig, denn immer noch weredn Kühe, Ochsen, Stiere aus Syrien, aus Holland und aus der Schweiz kostspielig importiert. Zu den palästinensischen Paradoxen des Herrn van Vriesland gehört auch der Satz, daß die Juden das einzige Volk sind, dem die Aufgabe obliegt, ihre Heimat erst zu erobern. Nun, die friedliche Eroberung will jetzt erst beginnen. Ich weiß nicht, wie es möglich sein soll, zum Anfang des Anfangs an Gewinn zu denken. Aber ich weiß, daß ich, als Jude, mich in die Seele hinein schämen würde, nicht nach meinen Kräften am Aufbau von Palästina mitgeholfen und beigetragen zu haben. Dieses Werk muß so schnell wie möglich so weit gefördert werden, daß sein Gelingen nicht mehr zu hindern ist. Die Araber sind klug, sie sind begabt und sehr gelehrig. Wenn sie den Juden einmal die intensive Landwirtschaft, den modernen Häuserbau und die geordneten Betriebe abgelauscht haben, können sie für Palästina dasselbe unternehmen, was die Juden heute mit unsagbaren Opfern begonnen haben. Und dann ist niemand mehr imstande, neben den Arabern aufzukommen. Viele Juden, in Palästina und anderswo in der Welt, werden wohl ironisch zu solchen Betrachtungen lächeln, aber es gibt auch viele andere