Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 28 (10.7.1925)
- Date
- 1925-07-10
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 28 10. Juli 12 Jahrgang Arbeitgeber und Arbeitnehmer in Palästina Wir sind in der Lage, unseren Lesern die folgenden beachtenswerten Ausführungen einer Palästinenserin wiederzugeben, die, aus München stammend, durch jahrelange Arbeit für die jüdische Arbeiterschaft im Lande wohl besonders dazu berufen ist, dieses aktuelle Problem zu behandeln. Um das Wesen der Beziehungen zwischen Arbeiterschaft und Arbeitgeber in Erez Israel zu klären, müssen wir uns zunächst klarmachen, wer diese Arbeitgeber und wer diese Arbeiter Erez Israel sind. In einer der letzten Nummern einer palästinensischen Arbeiterzeitung wurde darauf hingewiesen, daß, wie nicht alles, was glänzt, Gold ist, so auch nicht jeder, der streikt, ein Arbeiter und nicht jeder, der einen „Lockout“ inszeniert, ein Kapitalist ist. Noch sind wir in Erez Israel weit davon entfernt, ein Proletariat im soziologischen Sinne des Wortes zu haben und noch weiter sind wir davon entfernt, einen Kapitalismus im soziologischen Sinne zu haben. Zum Begriff des Kapitalisten gehört vor allem eins: Kapital. Das haben die Mehrzahl der kleinen Händler, die aus Polen und den östlichen jüdischen Konzentrationsländern einwandern und die sich mit einem kleinen Eigen-Betrag und mit größtem Kredit und nationaler Unterstützung ein Haus oder Häuser bauen, nicht. Und sie haben damit auch nicht die allgemeine Psychologie und Ideologie des Kapitalisten der heutigen kapitalistischen Wirtschaft. In Europa und Amerika ist es ja längst in der hoch entwickelten kapitalistischen Wirtschaft das Alfa und Omega jedes Kapitalisten, seine Arbeiter als den wesentlichsten Teil seines Produktions-Kapitals zu betrachten und für sie — in den Grenzen seiner Interessensphäre — zu sorgen. Diese Einstellung kann der plötzlich zum „Arbeitgeber“ „avancierte“ kleine Händler nicht haben. Er sieht sich in einem Lande, das bar ist jeglicher Arbeiterschutzgesetzgebung. Es gibt für ihn als „Arbeitgeber“ keinerlei Pflichten: keine Verpflichtung einer Beitragsleistung an eine Krankenversicherung, keine Verpflichtung einer Schadenersatz-Leistung bei einem Unglücksfall in seiner Arbeit, keine Pflicht der Vorkehrungs-Maßnahmen gegen einen Unglücksfall, er findet kein Gesetz einer Beschränkung von Kinder- oder Frauenarbeit, keinerlei gesetzlich beschränkte Arbeitszeit. Der neugebackene Arbeitgeber sieht sich nur Rechten gegenüber, vor allem dem Rechte, sein Haus so billig als möglich zu bauen. Keiner kann ihm dieses Recht streitig machen. Nationalen Interessen sich unterzuordnen, kann man von dem Einzelnen, Unorganisierten nicht verlangen. Man kann die Wahrung nationaler Interessen unter Hintansetzung seiner eigenen, niemals von Einzelnen verlangen. Es kann zur Verteidigung nationaler Interessen nur Gesetze geben, niemals eine moralische Forderung an Einzelne. Hätten unsere nationalen verantwortlichen Instanzen dies erkannt, so würden wir heute nicht vor der beschämenden Situation der Machtlosigkeit gegenüber der Bodenspekulation stehen. Auf der anderen Seite sagte ich: Noch haben wir kein reines Proletariat in soziologischem Sinne. Wir wollen ein Proletariat erst schaffen; große Teile des bisher unproduktiv und als Schmarotzer fremder Wirtschaften lebenden Volkes produktiver Arbeit und normalem Leben zuführen. Dies kann nur ein Prozeß von Jahrzehnten sein, vielleicht von noch längerer Dauer. Und mittlerweile verzichtet dieser palästinensische „Proletarier“ auf sein elementarstes Recht als Arbeiter: auf das Recht, nicht verantwortlich zu sein für das mit seinen Händen Geschaffene; auf das Recht, in Zeiten schwerster Arbeitslosigkeit und Krisen seine materiellen elementaren Lebensinteressen zu verteidigen, auf das Recht, in elementar menschlichen Bedingungen zu leben. Sein Leben und seine Arbeit in Palästina sind eingestellt auf die historische Aufgabe der Alijah, der ständigen Alijah in ein seit Jahrtausenden verödetes und brachliegendes Land. Keine noch so schwere Krisis, kein noch so grausames Unverständnis ringsum kann ihn von diesem Wege, der wahrhaft große, pionierhafte Kräfte erfordert, abbringen. Machen wir uns doch die Situation klar: Seit nahezu 6 Jahren, seitdem die neue Alijah einsetzte und die Tausende junger, arbeitsbereiter Menschen ins Land brachte, leben diese Menschen unter physischen Bedingungen, unter denen keine Arbeiterschaft der Welt zu leben bereit und gezwungen ist, leben diese Menschen in Zelten unter schwersten klimatischen und Arbeitsbedingungen. Und unter einer ständigen seelischen Anspannung, die ihr Ende finden muß. Es ist unmöglich, ohne schwerste physische Schädigung während eines naßkalten palästinensischen Winters in Zelten zu leben. Und man zeige mir eine Arbeiterschaft in der Welt, die bei schwerster physischer Anstrengung und bei wahrlich nicht zu unterschätzenden Arbeitsleistungen nicht so viel verdient, daß sie ein Dach über dem Kopf hat und deren Lage so aussichtslos für ihr eigenes materielles Fortkommen ist! Aussichtslos: Denn diese neue ersehnte, ins Land kommende Alijah, der dieser Arbeiter den Weg bereitet, sie fordert ja von ihm, wenn er sich für sie voll verantwortlich fühlt, wenn er sie einreihen will in das sich bildende ökonomische Leben des Landes, ein dauerndes Niederhalten seines Lohnes, einen dauernden Lohnausgleich mit dem ständigen ungelernten Arbeiter der Alijah. Wenn dieser jüdische Arbeiter in Palästina in seinem ungeheuer schweren Existenzkampf im äußersten Falle zu Streiks greifen muß, so stehen seine elementarsten Lebensbedingungen auf dem Spiel. Und zu seinen elementarsten Lebensbedingungen gehören allerdings nicht nur Lohnfragen, sondern in demselben Maße die Regelung des Arbeitsmarktes in Palästina. Wahrlich, nicht eine Herrschaft über das ökonomische Leben will sich der Arbeiter damit erkämpfen, sondern die Wahrung seiner heiligsten Interessen, in deren Namen er das schwere Los ,auf sich genommen hat, Arbeiter in Erez Israel zu sein. Heute und in unserer Generation