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Das jüdische Echo · 1925-06-05 · 23 (5.6.1925) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
23 (5.6.1925)
Date
1925-06-05
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 23 5. Juni 12, Jahrgang Die Juden in Polen Ich weiß nicht, ob das polnische Judentum selbst sich der hoffnungslosen Lage bewußt ist, in der es sich befindet. Während der paar Monate, die ich in Polen bin und die Lage der polnischen Juden aus der Nähe betrachte, bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß nicht nur die Juden der Welt, sondern auch die polnischen Juden selbst keine Ahnung davon haben. Die Gleichgültigkeit, mit der sie sich zu der Lage stellen, die Zerrissenheit der Herzen zwischen den Parteien, die* Zerrissenheit des polnischen Judentums legt Zeugnis dafür ab, wie wenig sie die Gefahr, die auf ihrem Wege gleich einer giftigen Schlange liegt, fühlen. Unsere Feinde in der Zeit des zaristischen Regiments malten sich in ihrer Phantasie einen Judentyp aus, der in sich all das Gemeine, all das Schlechte und Verderbte verkörpert, und sie haben mit allen ihren Kräften und mit der ganzen Wucht einer Regierungsmaschinerie, wie sie das alte Rußland besaß, darauf hingearbeitet, daß der Jude diesem Typ ähnlich werde, dem Bilde, das sie von ihm in ihrer Phantasie fertig hatten. Sie haben der jüdischen Bevölkerung alle legalen Erwerbszweige abgeschnitten, jede produktive Tätigkeit ihren Händen entwunden, den Juden von jedem Felde verjagt, auf dem er ehrlich sein Stückchen Brot verdienen konnte, ihn hineingehetzt in die Enge der „Luft“-Existenzen, der Spekulation und des Schachers und dann mit triumphierender Bösartigkeit auf ihn hingewiesen: „Seht, womit der Jud sich beschäftigt!“ Und wenn es ihnen doch nicht gelang, den Typ Verbrecher zu hämmern, wie sie es wollten, so war es nicht das christliche Menschlichkeitsgefühl, das in ihnen laut wurde, auch nicht weil ihre Preßmaschinen schlecht arbeiteten, es war — und man darf es mit ganzem Stolz sagen — die jüdische Moral, die optimistische jüdische Weltanschauung, der jüdische Glaube an das Bessere und Gerechte, die jüdische Widerstandskraft und Nüchternheit, die sich ihnen entgegenstemmte. Dank aber auch den natürlichen Möglichkeiten des großen und reichen Landes, in dem die Juden sich befanden, konnten sich die Juden als ganze, ehrliche ethische Menschen erhalten, nicht ärger als jedes andere Volk. Polen betrachtet die spezielle Lage, in der die Juden sich befinden, nicht als Folge, die Juden nicht als Opfer eines sinnlosen Regimes, zusammen mit den anderen Opfern, welche andere Tei}e der Bevölkerung in ihrem Landbesitze unter dem Regime litten, sondern es sieht darin nur eine gegebene Tatsache. Die liberale Konstitution garantiert auch die Gleichberechtigung der Juden, aber die Exekutiv-Organe der polnischen Regierung haben bis jetzt jedenfalls gar nichts getan, um den kranken jüdischen Körper genesen zu machen. Nicht ein einziger produktiver Zweig kam zu den jüdischen Erwerbsmöglichkeiten in Polen hinzu. Und die polnische Gesellschaft aller Richtungen sieht in dem Juden etwas Fremdes, etwas künstlich Aufgedrängtes und sie tut alles, um die Juden ökonomisch zu schwächen und jedes Fundament unter ihren Füßen zu untergraben. In dem Willen, gewaltsam und schnell einen reinen polnischen „dritten Stand“ zu schaffen, tun sie dies auf Rechnung der Juden, ohne zu beachten, welchen Preis die jüdische Bevölkerung daliir bezahlt und —. vielleicht das ganze Land. Ich glaube nicht, daß es jemals unseren Feinden gelingen wird, den Feinden aus allen Ländern und aus allen Zeiten', uns zu dem zu machen, was sie so sehr wünschen, dazu sind wir eine zu harte Nuß für ihre Zähne. Und was sich an Widerstandskraft unbewußt in einer einfachen Marktjüdin findet, die sich den Bissen vom Munde reißt, um den Thoraunterricht ihrer Kinder zu bezahlen, das findet sich auch bewußt nicht bei den Erwählten anderer Völker. Daran ist das alte Blut schuld, das schon oft erprobt ist. Aber uns niedrig halten, unser Leben zur Hölle machen — das taten sie zu allen Zeiten, in verschiedenen Ländern. Was ist mein Rat? Auswandern? Das große Rußland hat Jahr für Jahr aus seinen endlosen Steppen Hunderttausende Juden ausgespieen und doch ist die Zahl der Juden nicht kleiner geworden. Im Gegenteil, der natürliche Zuwachs der russischen Juden war immer größer als die Zahl derer, welche die Emigration auswarf. Die Juden Polens haben keinen Ort, wohin sie gehen könnten, nicht nur für Hunderttausende, wir sehen auch nicht einmal für. 20 000 jährlich die Möglichkeit, aus Polen auszuwandern. Und wir sollen uns nicht einreden, daß die Tore Amerikas vorläufig geschlossen sind, daß bei einer anderen liberalen Regierung Hoffnung auf Auswanderung aus Polen bestehen werde. Gerade umgekehrt! Kenner der Lage wissen, daß der ernste Gegner der Einwandernug in Amerika (aus Konkurrenzgründen) die Arbeiter sind. Und wenn die republikanische Regierung, die gerade an billiger Arbeit interessiert ist, die Tore Amerikas für neue Einwanderung gesperrt hat, dann gibt es keine Hoffnung, daß eine andere, liberalere, sie öffnen wird. Und vielleicht das kleine, kaum wachsende Erez Israel wird das sich mit dem großen Amerika messen, um in seinen kleinen Bauch die Hunderttausende aufzunehmen, welche die Galuthländer ausspeien? Wem die Hoffnung auf Erez Israel lieb ist, wer um den jungen Sprößling zittert, der unsere Zukunftshoffnung in sich trägt, der muß mit Sorge auf jede Überlastung blicken, die man Palästina aufladen will. Und ich muß gestehen, wenn ich in der letzten Zeit in Polen sehe, wie verzweifelt sich Juden mit dem Plane tragen, ihre „Wohnung“ zu verkaufen, ihre „Gewölbe“, Bettgewand, alles zu Geld zu machen, um als „Kapitalisten“ nach Erez Israel zu gehen, so teuer und lieb mir das wachsende Erez Israel ist — so habe ich gerade darum Angst, daß dieses neue „Kapitalistenproletariat“ unsere Möglichkeiten dort nicht vergrößern wird, sondern nur vergrößern wird die ohnehin dort wachsende Spekulation und — früher oder später wird diese Art von Kapitalisten-Emi-

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