Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 22 (29.5.1925)
- Date
- 1925-05-29
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 22 29. Mai 12. Jahrgang Umstellung! Im Laufe der seit dem Wahlkampf zum Preußischen Gemeindeverband verflossenen Monate nahmen wir des öfteren Gelegenheit, auf die schädlichen Folgen hinzuweisen, die sich bereits in dieser kurzen Zeit für den „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ aus seiner während des Wahlkampfes verfolgten Taktik ergeben haben. Da der Centralverein sich bei ^den Wahlen ohne Hehl als Partei erklärt hat, die andere Parteien innerhalb des Judentums bekämpft, folgte mit Notwendigkeit, daß dieser Verein, dessen Hauptaufgabe die Bekämpfung des Antisemitismus in Deutschland ist, seine Tätigkeit nicht mehr auf die Angehörigen derjenigen Parteien ausdehnen kann, die er politisch bekämpft. Ganz folgerichtig erklärte der Direktor der Organisation, daß der Centralverein es ablehnen müsse, etwa seine Abwehrtätigkeit auch den Mitgliedern der jüdischen Volkspartei zugutekommen zu lassen, mit anderen Worten: der Centralverein habe nur die Interessen gewisser Parteien der deutschen Judenheit zu vertreten, während die „anderen“ von ihm im Abwehrkampf nicht berücksichtigt werden können. Daß diese Anschauung Ludwig Holländers nicht die der gesamten Mitgliedschaft des Centralvereins sein konnte, war uns schon damals klar und wir sprachen starke Zweifel darüber aus, daß die gesamte Centralvereinsorganisation hinter dieser für die Existenz des Centralvereins wie für die der deutschen Juden gleicherweise gefährliche Meinung stehe. Die bisher verflossenen zweieinhalb Monate haben genügt, um klar und deutlich zu zeigen, wie berechtigt unsere Skepsis war in bezug auf die „Einheitsfront“, die das Centralvereinsblatt in jenen Tagen als unwiderlegbar feststehend den leichtgläubigen Mitgliedern zu suggerieren nicht müde wurde. Die „Einheitsfront“ ist im Verlauf dieser wenigen Wochen kläglich zusammengebrochen. An allen Ecken und Enden des Deutschen Reiches fanden inzwischen in den Ortsgruppen des Centralvereins Auseinandersetzungen statt und was von diesen internen Debatten an die Öffentlichkeit gelangte, genügt, um zu zeigen, daß dort nicht alles in Ordnung ist. Die Suggestionskraft der Wahlzeitphrasen ist vorüber und die Nüchternheit des Alltags ebnet der Vernunft wieder die Wege. Die Vernunft des Alltags aber sieht wesentlich anders aus, als es sich die Drahtzieher der Politik des Bruderhasses vorgestellt hatten. Die Gehässigkeiten der Centralvereinsagitation in den Wahltagen stehen in einem unversöhnlichen Widerspruch zu der wahren Stimmung des heutigen deutschen Assimilationsjudentums. Wo man hinblickt und welcher Partei man heute im deutschen Judentum aufhorcht — es ist keine Spur von einem Willen zur gegenseitigen Bekämpfung auf Leben und Tod, wie ihn der Centralverein seinen Mitgliedern einreden wollte, zu verspüren. Nirgends ausgesprochener Antizionismus, wie in früheren Jahren, nirgends fruchtlose Einwendungen gegen die Realisierbarkeit der zionistischen und nationaljüdischen Ideen. Dagegen überall ein sichtbarer Wille zu gegenseitiger Annäherung, zu gegenseitigem Verstehen und gegenseitiger Anerkennung positiver jüdidischer Leistungen. Und in diesem für die Haßparole des Centralvereins höchst ungünstigen Moment ist es gar nicht erstaunlich, daß in den großen Zentren der deutschen Judensiedlung, wie in Hamburg, Breslau, Frankfurt a. M. u. a. sich in kurzer Zeit eine Opposition gegen die Haltung des Centralvereins gebildet hat, die heute bereits über eine ansehnliche Minorität innerhalb des C.-V. verfügt und die morgen vielleicht bereits auch die Mehrheit für sich haben wird. Wer die letzten Vorgänge in der Breslauer und Frankfurter Ortsgruppe genauer verfolgt hat, sieht deutlich das Fortschreiten dieses Prozesses und den kläglichen Zusammenbruch der antizionistischen Front dieser Organisation. Wir wissen nicht, mit welchen Gefühlen die G.-V.- Leitung diesen, wie uns scheint, bedeutungsvollen Vorgängen gegenübersteht. Wir wissen auch nicht, ob sie es etwa besonders bedauert, daß in letzter Zeit in den jüdischen Kultusgemeinden, die bisher dem Centralverein als unparteiischer Organisation finanzielle Subvention gewährt hatten, ein Umschwung der Meinungen eingetreten ist und daß einige dieser Gemeinden bereits die alljährliche Subvention aus ihrem Budget gestrichen haben, während andere unmittelbar davor stehen. Bemerkenswert ist dabei, daß dieselben Gemeinden wie etwa Hamburg den Antrag auf Unterstützung des Palästina-Aufbauwerkes durch Jahressubvention debattelos annahmen (Vergl. Nr. 13 des „Jiid. Echo“), Möglicherweise hat der Centralverein durch seine Umstellung zu einer Hilfsorganisation der liberalen Partei solche finanzielle Vorteile, daß er auf diese kleinen Jahressubventionen der jüdischen Gemeinden verzichten kann. Wir hielten dies freilich für eine unglaubliche Kurzsichtigkeit und wir haben, so scheint es uns, eine sehr entwickelte Empfindung für die prinzipielle Bedeutung derartiger Subventionen und seien sie — in absoluten Ziffern — noch so klein und unscheinbar. Hundert Mark für eine allgemein-jüdische Angelegenheit im Jahresbudget einer jüdischen Gemeinde sind in unseren Augen ein größerer Gewinn als Tausende, gezeichnet von Privatpersonen und Parteimännern. Der sich allmählich vollziehende Umschwung im Cenlralverein beschäftigt bereits lebhaft die jüdischdeutsche Presse. Fast allwöchentlich vernehmen wir neue Berichte über heiße Debatten innerhalb der Mitgliedschaft des Vereins, die natürlich mit entsprechenden Kommentaren versehen werden. So schreibt Dr. Ernst Simon, dessen Ausführungen in der „Frankfurter Zeitung“ gegen Breuers bekannte Nationalheim-Broschüre wir vor kurzem im Auszug unseren Lesern übermittelt haben, anläßlich der neuesten Vorgänge in der Frankfurter Ortsgruppe des Centralvereins (Jüdisches Wochenblatt Nr. 20): „Nun, wo es immer deutlicher wird, daß nicht, wie der C.-V. jahrzehntelang gemeint hat, die Abwehr, sondern die Wanderung und der Aufbau das zentrale Problem jeder Außenpolitik ist, nun werden gleichsam die Kämpfe der einzelnen jüdischen Parteien