Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1925-05-08 · 19 (8.5.1925) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
19 (8.5.1925)
Date
1925-05-08
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/9072829-9103075-9153809--06722-9079437
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das Jüdische Echo Nummer 19 8. Mal 12 Jahrgang Wandlung Am 13. März hatte die C.-V.-Zeitung, das Organ des Ceiitralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, sich von dem Saarbrückener Rabbiner Dr. Ernst J a c o 1) eine längere Abhandlung schreiben lassen über das Thema: „Seit wann ist Hebräisch eine lote Sprache?“. Herr Rabbiner Jacob hat mit wissenschaftlicher Akribie festzustellen versucht, daß die historische Tatsache nicht aus der Welt zu schaffen sei, „daß das Hebräische einmal bereits gestorben ist“. Die Frage, ob das Hebräische später, d. h. in unseren Tagen wieder zu neuem Leben erwacht ist, läßt der Verfasser als „Streitfrage“ offen. Freilich hat er mit der Formulierung des Titels seiner Abhandlung für sich selbst bereits implicite die Antwort gegeben: für ihn ist die hebräische Sprache auch heute tot und wir wollen ihm dies glauben. Nun scheint die C.-V.-Zeitung, die sich ja mit Vorliebe von „berufener“ Seite bestätigen läßt, daß es sich bei der hebräischen Sprache um etwas Totes, Abgestorbenes handelt, und die gerade im letzten Wahlkampf zum Preußischen Gemeindeverband sich nicht genug tun konnte im Geschimpfe auf die, welche hebräisch als lebende Sprache gepflegt wissen wollen, doch immerhin Bedenken gegen den „Totenschein“ des Herrn Rabbiner gehabt zu haben. Jedenfalls veröffentlicht sie in ihrer letzten Nummer einen Aufsatz unter dem Titel: ,,W er hat die hebräische Sprache in Palästina w i e d e r b e 1 e b I?“, der in der Behauptung gipfelt, daß es „ein Akt historischer Gerechtigkeit“ sei, festzustellen, „daß an der Wiederbelebung der hebräischen Sprache in Palästina keine andere jüdische Gemeinschaft solchen hervorragenden Anteil hat wie die deutsche“ und daß „eine Sprache, die eine so reiche und mannigfache Literatur aufweist, wie die hebräische, die, ohne Volkssprache zu sein, fortgesetzt eine Entwicklung, einen Ausbau und selbst eine Neugestaltung erfährt, nicht tot genannt werden kan n.“ Ein naiver Leser des C.-V.-Blattes kann sich dieses merkwürdige Doppeldasein der hebräischen Sprache, die einmal tot und einmal lebendig gesagt wird, wohl kaum anders erklären als nach dem Rezept jener Argumentation bezüglich des entliehenen und zerbrochenen Topfes: „Erstens ist sie mausetot und zweitens ist ihre Lebendigkeit hauptsächlich mein Verdienst!“ Aber Spaß beiseite, wir können die Redaktion der C.-V.-Zeitung nur loben, daß sie auch einmal die Wahrheit über die hebräische Sprache und ihrer Lebendigkeit etwas näher zu kommen versucht, so sehr sie auch damit mit ihrer bisherigen Haltung in dieser Frage in Konflikt gerät. Nun haben wir uns — nicht ohne Absicht — über den Inhalt dieses die kontinuierliche Lebenskraft der hebräischen Sprache bejahenden Artikels sehr vorsichtig ausgedrückt. Wir sagten, daß der Artikel der Wahrheit nahe zu kommen sucht und haben damit schon mehr gesagt, als wir mit gutem Gewissen können. Diese Abhandlung hat einen Mann zum Verfasser, der in den zionistischen Kreisen der ganzen Welt nicht gerade in bester Erinnerung ist, den ehemaligen Direktor der Lehranstalten des H ilfsvereins der deutschen Juden in Palästina, Herrn Ephraim Coh n. Da vielleicht die jüngere Generation Herrn Ephr. Cohn und seine Tätigkeit für die Hilfsvereinsschulen nicht kennt, wollen wir von seinem Wirken als Leiter des Schulwerks des Hilfsvereins einiges mitteilen. Herr Cohn war zusammen mit Herrn Paul N a t h a n derjenige, der im letzten Jahre vor dem Kriege durch sein anlihebräisches Auftreten gegenüber der in seinen Schulen beschäftigten Lehrerschaft den mächtigen Anstoß zu jenem Konflikt zwischen Hilfsverein und Zionistischer Organisation gegeben hat, der noch heute unter dem Namen „K a m p f um die li e b r ä i s c he S p r a c h e“ bekannt ist. Dieser Mann hat die hebräische Sprache in den ihm unterstellten Schulen immer weiter zu Gunsten der deutschen Sprache zurückzudrängen versucht, so daß die August 1913 in Jaffa einberufene Generalversammlung des palästinensischen Lehrerverbandes gegen diese in den palästinensischen Hilfsvereinsschulen deutlich hervortretende Tendenz Stellung zu nehmen gezwungen war. Der palästinensische Lehrerverband hat dann 1914 ein Zirkular versandt, in dem es u. a. heißt: „Vor zwei Jahren, im Wintersemester 1912/13 hatte Dr. Braver den Unterricht in Pädagogik, Geographie und Geschichte in hebräischer Sprache erteilt. Da ordnete Direktor C o h n zunächst an, daß die Prüfung der pädagogischen Fächer deutsch sein solle und deshalb die Wiederholungen nicht mehr hebräisch vorgenommen werden dürfen.. . Dasselbe wiederholte sich mit Geschichte. Zu Ostern 1913, bei der Verteilung der Unterrichtsstunden, verlangte schon Direktor Cohn von Herrn Dr. Braver, er müsse den Unterricht in Deutsch, Geographie, Geschichte und Pädagogik d u r c h g ä n g i g in deutscher Sprache erteilen.“ Da Herr Dr. Braver auf dieses Ansinnen nicht eingehen wollte, wurde ihm der Unterricht in diesen Fächern teilweise entzogen und willfährigeren Lehrkräften übertragen. Interessant ist ferner, was der Verfasser einer in jenen Tagen in vielen Zehntausenden von Exemplaren verbreiteten Broschüre „Im Kampf um die hebräische Sprache“ über die Tätigkeit des Hilfsvereins und seiner Leiter sagt: „Der Hilfsverein der deutschen Juden hat es, wie keine andere Organisation vor ihm, verstanden, fast das ganze palästinensische Judentum gegen sich aufzubringen. Sein Vorgehen hat den Kampf der palästinensischen Juden für die hebräische Sprache zu einem großen Befreiungskampf gemacht, in dem das jüdische Volk mit höchster Energie um die Wahrung seiner geistigen Freiheit kämpft. Was in Palästina vor sich gegangen ist, das ist in Wahrheil ein geistiger Befreiungskampf, ein Kampf gegen verderbliche Tendenzen, die es dem palästinensischen Judentum unmöglich machen wollen, seine jüdischen Kräfte frei und voll zu entwickeln. Der Hilfsverein der deutschen Juden wollte die hebräische Sprache und das palästinensische Judentum, das an ihre Neubelebung seine beste Kraft gesetzt hat, ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.