Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 16 (17.4.1925)
- Date
- 1925-04-17
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 16_ 17. April 12 Jahrgang Gesetzestreues Judentum und Zionismus Die „Frankfurter Zeitung“ vom 2. April (1. Morgenblatt) hat das Ereignis der Eröffnung der Jerusalemer Universität zum Anlaß genommen, einen Artikel über den Zionismus zu veröffentlichen, dessen unbekannter Verfasser seine Informationen völlig einseitig aus der antizionistischen Broschüre „Das jüdische' Nationalheim“ von Dr. Isaak Breuer, dem Führer der Frankfurter Trennungsorthodoxie, entnimmt. Die „Frankfurter Zeitung“ erhielt auf diesen einseitigen Artikel eine Reihe von Zuschriften und gab dann im ersten Morgenblatt vom 7. April (Nr. 259) einer dieser eingelaufenen Erwiderungen, den Ausführungen von Dr. Ernst Simon „Gesetzestreues Judentum und Zionismus“ Raum. Im folgenden bringen wir mit gütiger Erlaubnis der Redaktion den Hauptteil der beachtenswerten Ausführungen Simons. Vor der Emanzipation hat es innerhalb der Judenheit keine Parteien gegeben. Die Spaltungen, die vorher gelegentlich auftraten und die niemals aus dogmatischen Gründen entstanden waren, sondern immer das Gesetz zum Gegenstand hatten, führten nicht zur Parteiensondern zur Sektenbildung. Die Reformbewegung, die geneigt war, der Napoleonischen und Hardenbergischen Forderung: „Den Juden als Menschen alles, den Juden als Volk nichts“ zu entsprechen und die bürgerliche Gleichberechtigung mit dem Preise der nationalen Eigenart zu bezahlen, war die erste jüdische Partei. Ihr gegenüber teilte sich die Orthodoxie in zwei Gruppen, die in der Ablehnung der Reform und in der Bekämpfung ihres Assimilationsideals völlig einig waren, die sich aber in einem Punkte unterschieden, der für die hier vorliegende Frage von entscheidender Bedeutung ist. Die eine, kleinere Gruppe der jüdischen Orthodoxie war und ist der Meinung, daß die Reform keine Partei innerhalb des Judentums sei, sondern eine Sekte außerhalb des Judentums. Es sei deshalb religionsgesetzlich nicht gestattet, mit dieser Reform gemeinsame Gemeinden zu bilden, selbst dann nicht, wenn für die rituellen Bedürfnisse der Gesetzestreuen in jeder Weise und unter autonomer Selbstverwaltung gesorgt sei. Ebensowenig kam und kommt für diese Gruppe ein Zusammenarbeiten mit den „Reformern“ oder „Liberalen“ in den übergemeindlichen Organisationen der Judenheit in Betracht. So ist dieser Teil der Orthodoxie weder dem Verband preußischer Gemeinden beigetreten, der neulich — wie noch erinnerlich sein dürfte — seine erste Repräsentanz wählte, noch auch beteiligte er sich an der Zionistischen Organisation und ihrem palästinensischen Aufbauwerk. Der andere, größere Teil der Orthodoxie hält die Reformer zwar auch für Irrende, aber für irrende Brüder. Er meint, daß sie den Zusam-- menhang mit der großen jüdischen Gemeinschaft in dem Augenblick wiedergefunden haben, wo sie durch die Tat ihren Willen bezeugen, für die Ansprüche der Gesetzestreuen in gleicher Weise zu sorgen wie für ihre eigenen. Von diesem Augenblick an ist ein Zusammenarbeiten mit ihnen zum mindesten gestattet und vielleicht sogar geboten, weil nur so die Möglichkeit bestehe, die Wahrheit der Thora wieder an die irrenden Brüder heranzutragen. Der Zionismus, gleichsam die vierte der jüdischen Parteien, war die erste, die sich in ihrer Fragestellung nicht um das Problem der absoluten Gesetzestreue kristallisierte. Er suchte keine Antwort auf die Frage: Unbedingte Herrschaft der Thora oder Reform?, sondern er stellte ein ganz neues Problem, die „Errichtung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“, in den Mittelpunkt seines Programms und seiner Tätigkeit. Die Stellung zur Thora ließ er frej und kam damit der Formulierung sozialistischer, auch jüdischsozialistischer Parteien nahe, die die Religion zur Privatsache erklären. Es wird nun verständlich sein, daß sich die beiden soeben gekennzeichneten Gruppen innerhalb der Orthodoxie zum Zionismus sehr verschieden eingestellt haben. Die eine, die die Trennung von den Reformen für geboten hielt und die deshalb im jüdischen Parteienstreit meist die „separatistische“ genannt wird, lehnte die neue Bewegung grundsätzlich ab. Die andere Gruppe nahm als solche keine Stellung zu ihr; ein sehr erheblicher Teil trat dem Zionismus entweder als Einzelperson oder als Fraktion unter dem Namen „M i s r a c h i“ bei, um den Aufbau „des Landes der Thora auf der Grundlage der Thora“ zu unterstützen. Die übrigen, die aus allen möglichen anderen Gründen Gegner des Zionismus sein mochten, schlossen sich mit den Anhängern des „Misrachi“, allerdings nur in Deutschland, zu der Organisation „A c h d u t h“ zusammen. Der hebräische Name ihrer Bewegung heißt auf deutsch „Einheit“ und drückt ihr Programm aus: sie will als streng gesetzestreue Organisation dennoch die Einheit der jüdischen Gemeinschaft wahren und tritt deshalb für die Einheit der jüdischen Gemeinde und für die Möglichkeit einheitlicher, übergemeindlicher Organisationen ein. Um dem Leser zum Schluß dieses Überblickes noch eine Vorstellung von dem ungefähren Kräfteverhältnis innerhalb Deutschlands zu geben, so sei mitgeteilt, daß z. B. in Frankfurt a. M. von drei amtierenden orthodoxen Rabbinern nur einer, der Vater des Herrn Dr. Breuer, auf dem Trennungspunkt steht, während die beiden anderen der „Achduth“ angehören. In Berlin stehen drei separatistische Rabbiner etwa 20 anderen gegenüber, die den rabbinischen Rat der „Achduth“ bilden. Dieser Streit und kein anderer ist es, der zur ZTeit in Jerusalem ausgefochten wird und mit dem sich die Broschüre Dr. Breuers befaßt. Daß dem so ist und welche Stellung Dr. Breuer per-