Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 14 (3.4.1925)
- Date
- 1925-04-03
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 14 3.flpril 12 Jahrgang Die Eröffnung der Hebräischen Universität in Jerusalem Die Eröffnung der Universität in Jerusalem, die am 1. April 1925 unter dem Vorsitz Lord Balfours im Beisein von Vertretern fast aller Kulturnationen stattfand1, bedeutet einen Merkstein in der Entwicklung des jüdischen Aufbauwerkes in Palästina. Nicht als ob dessen kulturelle Seite bisher geringere Berücksichtigung gefunden hätte als die wirtschaftliche. Die Wiedererweckung der hebräischen Sprache und der Aufbau eines hebräischen Schulwerkes waren von Anfang an Grundpfeiler in der Struktur des jüdischen Aufbauwerkes. An die Verwirklichung des Gedankens der Gründung einer hebräischen Universität aber, der bereits in den ersten Jahren der jüdischen Renaissancebewegung aufgetaucht und in weitesten Kreisen, auch solchen, die den politischen und wirtschaftlichen Zielen des Zionismus fernstanden, warmes Interesse erweckt hatte, konnte man jedoch erst in einem Stadium der Entwicklung herantreten, in dem die politische und wirtschafliche Seite des Aufbauwerk als gesichert erscheinen konnte. Daß man nun an die Ausführung dieses großen Planes geschritten ist, zeigt, daß die maßgebenden Persönlichkeiten in der1 Leitung des Palästinawerks die Überzeugung gewonnen haben, daß diese wesentlichen Vorbedingungen als gesichert betrachtet werden dürfen. Die Universität ist gewiß nicht als eine Angelegenheit anzusehen, die ausschließlich die Juden Palästinas angeht. Ihre vornehmste Aufgabe liegt gerade darin, einen neuen Mittelpunkt für das Geistesleben des ganzen jüdischen Volkes zu schaffen. Doch ist es klar, daß, um eben diese Funktion eines geistigen Zentralinstituts ausüben zu können, sie nicht wie so manches jüdisches Geistesinstitut der Diaspora im luftleeren Raum schweben darf, sondern in engem Kontakt mit dem neuen jüdischen Gemeinschaftsleben Palästinas erwachsen muß. Nichts wäre verfehlter und für die gesunde Entwicklung dieses Gemeinschaftslebens verhängnisvoller, als die unkritische Übertragung einer Universität des im westeuropäschen Leben erwachsenen Universitätsideals in das keimende Leben in Palästina. Die Universität soll gewiß nicht nur den Augenblicksbedürfnissen des neuen Jischuw dienen, sie soll sich von Anfang an als ein geistiges Zentralinstitut des ganzen jüdischen Volkes betrachten, ober sie muß andererseits um ihrer selbst wie um des Jischuw willen in engstem geistigen Kontakt mit dessen lebendigen IniDulsen erwachsen. Aus eic'-en Erwägungen heraus ist der Plan der ersten Forschungsinstitute entstanden. Man ging hierbei von der Überzeugung aus. daß, ehe man an den Aufbau einer Lehruniversität Größeren Stils herantreten könne, man zunächst die Materie des zu lehrenden Wissensstoffes unter besonderer Berücksichtigung der aktuellen Bedürfnisse des Landes erarbeiten müsse und daß überhaupt nur im Pahmen einer solchen Forschungsarbeit die geeigneten Kräfte für den künftigen Lehrkörper hcrangebildet werden können. Denn nur Menschen, die in der Forschungsarbeit stehen, können lebendig lehren und Schüler anregen. In dieser lebendigen Tradition aber liegt das Wissen jeder höheren geistigen Organisation. Für Palästina ist das Herauswachsen der Universität aus der Forschungsarbeit noch aus dem Grunde besonders wichtig, weil, wie überhaupt in den Ländern des Ostens, die Tradition wissenschaftlicher Forschung im modernen Sinne noch fehlt. Die Konzentration der wissenschaftlichen Arbeit der ersten Institute auf die für die Entwicklung des Landes besonders aktuellen wissenschaftlichen Probleme entspricht daher nicht nur einem augenblicklichen Zweckmäßigkeitsbedürfnis, sie ist vielmehr die wesentliche Grundlage für den Aufbau eines Systems der höheren Geistes- und Charakterbildung überhaupt. Das erste naturwissenschaftliche Institut, das jetzt auf dem Skopusberge bei Jerusalem aufgebaut und eingerichtet worden ist, besteht aus zwei großen Abteilungen: einem Institut für Mikrobiologie und tropische Medizin und einer Abteilung für Chemie und Biochemie. Die Aufgabe des ersteren Instituts ist die Erforschung der eigenartigen Krankheitstypen Palästinas und seiner Nachbarländer, wie auch die klimato-therapeutische Forschung. Daneben soll das Institut der Fortbildung der palästinensischen Ärzte dienen, die zum größten Teil ihre Ausbildung in europäischen Universitäten genossen haben, wo die Möglichkeit für eine Spezialisierung gerade auf diesen Gebieten sehr gering ist. Auch werden im Institut gemeinverständliche Vorträge über tropische Hygiene für ein größeres Publikum abgehalten werden. Dieses Institut ist mit den Mitteln des Universitätsfonds der Zionistischen Exekutive aufgebaut worden; seine laufenden Betriebskosten trägt das amerikanische jüdische Ärztekomitee. Die Ernennung eines bekannten europäisch-jüdischen Mikrobiologen zum Direktor des Instituts steht unmittelbar bevor. Die zweite große Sektion des ersten naturwissenschaftlichen Instituts, die Abteilung für allgemeine Chemie und Biochemie soll in gleicher Weise der wissenschaftlichen Behandlung der insbesondere für die Landwirtschaft und die im Entstehen begriffene Industrie wichtigen Probleme dienen, ferner der Fortbildung der im Lande tätigen Ärzte, Chemiker und anderer Naturwissenschaftler. Ihr Arbeitsradius umfaßt das ganze Gebiet der organischen und anorganischen Chemie, der Biochemie und der Kolloidchemie. Sie arbeitet im engen Kontakt mit der landwirtschaftlichen Versuchsstation in Tel-Awiw. An der Spitze des Instituts steht Herr Professor Dr. A. Fodor, früher an der Universität Halle tätig, ein Schüler Abderhaldens. Als Assistenten stehen ihm Frl. Dr. Rivlin, Herr Dr. M. Weizmann, Herr Dr. Reifenberg und Frl. Dr. Schönfeld zur Seite; außerdem arbeiten am Institut eine Reihe von Volontären.