Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 1 (2.1.1925)
- Date
- 1925-01-02
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 1 2. Januar 12, Jahrgang Der XX. Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland in Wiesbaden (Vorläufiger Bericht.) Der XX. Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland erhielt durch die Anwesenheit des Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation Professor Dr. Chajim Weizmann eine ganz besondere Note. Aus allen Gegenden Deutschlands und auch aus benachbarten Ländern sind die Vertreter der zionistischen Gruppen herbeigeströmt, um wieder einmal zu den Problemen Palästinas und der zionistischen Organisation in Deutschland und in der ganzen Welt Stellung zu nehmen. Der deutsche Zionismus ist nach der politischen und wirtschaftlichen Isolierung, die die Inflationszeit mit sich gebracht hatte, Palästina bedeutend näher gekommen und die meisten seiner Führer sind heute imstande Probleme Palästinas aus eigener Anschauung beurteilen zu können. Der große Saal des Wiesbadener Kurhauses, der schon manch bedeutende Tagung erlebt hat, ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Überall in den Galerien und Gängen drängen sich die Menschen um den Mann zu sehen, der wie keiner seit Herzl, einen bestimmenden Einfluß auf das Schicksal des jüdischen Volkes gehabt hat. Der Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Dr. Landsberg, eröffnet die Tagung durch eine längere Ansprache, in der er kurz die Entwicklung des deutschen Zionismus in der jüngsten Vergangenheit skizziert und dann auf die Bedeutung des deutschen Zionismus für die Weltorganisation zu sprechen kommt. Sodann begrüßt der Biirgermeisten von Wiesbaden Herr Dr. Heß den Delegiertentag, ferner sprechen Herr Rabbiner Dr Lazarus und. Justizrat Dr. Marxheimer im Namen der Jüdischen Kultusgemeinde. Von lebhaften Beifallskundgebungen begrüßt betritt sodann Prof. Dr. Weizmann das Podium. Mit schlichten Worten, ohne auch nur einen Anflug von falschem Pathos und gerade deshalb jeden, auch den letzten Zuhörer in seinen Bann zwingend, spricht er unter dem atemlosen Lauschen der mehrtausendköpfigen Zuhörerschaft: Wir bringen in folgendem kurz den Inhalt der Weizmannschen Rede nach einem in der „Frankfurter Zeitung“ erschienenen Berichte und werden noch ausführlich zu dieser bedeutsamen Kundgebung des Präsidenten der zionistischen Organisation Stellung nehmen. Zunächst behandelte Dr. Weizmann die politische Lage der zionistischen Bewegung. In den letzten drei Jahren sind, so führte er aus, in Palästina Fortschritte gemacht worden, welche die ernsteste Aufmerksamkeit der nichtjüdijschen Welt auf sich gelenkt haben. Man beginnt mit dem Erscheinen eines neuen Faktors zu rechnen, und schon zeigen sich Argwohn und Verdacht. Der Zionismus tritt auch aus diesem Grunde schon jetzt in das ernsteste Stadium der Arbeit ein. Er ist aus der Zeit der Hoffnung auf Wunder auf das Gebiet der Verwirklichung gelangt. Es gibt keine Kraft oder Macht in der Welt, die die Arbeit abstellen könnte, und die Nervosität bei Erscheinen irgendeiner neuen Regierung ist unnötig. Die Regierung der Labour Party in England hatte die freundlichere Atmosphäre geschaffen, aber es sind Anzeichen vorhanden, daß auch die konservative Regierung die Arbeit der Zionisten demnächst besonders begünstigen wird. Mit dem Bericht der Mandatskommission an den Völkerbund ist er unzufrieden; er ist in wesentlichen Teilen unzutreffend. Der Völkerbund ist auf den Begriffen von Demokratie und Selbstbestimmung in gewissen engen Grenzen aufgebaut. In diese trockenen Begriffe aber paßt das Judentum nicht hinein. Die Balfour-Deklaration ist nicht den Juden Palästinas allein gegeben worden, sondern den Millionen Juden der ganzen Welt, und das Kommen nach Palästina und das Harren darauf ist ein Recht, das den Juden zu bestätigen wäre. Erst wenn diese Auffassung in die Völker Europas eindringt, werden die Schwierigkeiten des Zionismus kleiner werden. Dr. Weizmann streifte noch kurz die Frage des Widerstandes des Vatikans und erklärte, die Zionisten seien an den heiligen Stätten in Palästina desinteressiert. Sie wünschten nur, daß sie von Stellen verwaltet würden, die Autorität zur Verwaltung besäßen. Es gebe also keine Reibungsflächen zwischen Zionismus und katholischer Kirche. Der Redner forderte von der Welt, daß sie verstehen lerne, daß die Juden in Palästina existieren wollen, daß sie aus gutem Recht nach Palästina kommen und dort ein Aufbauwerk schaffen zum Nutzen und zur Ehre der ganzen Menschheit. Seine Schlußausführungen galten der augenblicklichen Lage in Palästina selbst, das der Redner erst vor wenigen Wochen verlassen hat. Es ist dort eine ungeheure Arbeit geleistet worden, und das Vertrauen in die Möglichkeiten des Landes ist gestärkt. Es ist ein natürlicheres und unmittelbareres Verhalten zu den Aufgaben selbst jetzt allgemein bemerkbar. Palästina steht jetzt unter dem Eindruck einer Masseneinwanderung; monatlich treffen im Durchschnitt 2000 Emigranten ein. Noch absorbiert das Land diese Mengen; während im Dezember v. J. die Zahl der Arbeitslosen 2000 betrug, ist sie jetzt bei der verstärkten Einwanderung kaum bemerkenswert. Die landwirtschaftliche Besiedelung muß parallel gehen mit dem Wachsen der städtischen Kolonisation, dann werden sich alle Gefahren dieser verstärkten Einwanderung meistern lassen. Die bevorstehende Einweihung der Universität in Palästina symbolisiert am besten den Geist, in dem die Zionisten als Kulturträger und Aufbauer eines verlassenen Landes nach Palästina kommen.“