Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 52 (26.12.1924)
- Date
- 1924-12-26
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 52_26. Dezember 1924 u, Jahrgang Zum XX. Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland in Wiesbaden Der diesjährige Delegiertentag der Z. V. f. D., der in der Zeit vom 28. bis 31. Dez. in Wiesbaden stattfinden wird, wird in noch weit höherem Maße als die bisherigen Tagungen das allgemein jüdische Interesse in Anspruch nehmen. Steht doch dieser Landtag“ der Zionisten in Deutschland unter dem Zeichen der Gegenwart des jüdischen „Reichskanzlers“, von Dr. Chajim W e i z m a n n. Es ist keineswegs ein Zufall, daß der Präsident der zionistischen Organisation gerade zu diesem Delegiertentag nach Deutschland kommt. Nicht etwa, weil es gerade der XX. Delegiertentag ist — obwohl auch dies kein geringer Anlaß wäre und diese Zahl allein schon Vielen, sehr Vielen zu denken geben könnte —, sondern um einer Tatsache sichtbaren Ausdruck zu verleihen, die dem Eingeweihten längst nicht mehr verborgen ist, kommt Weizmann nach Wiesbaden. Zionistische Arbeit, zionistische Politik ist heute, wie jeder weiß, durch scheinbar materielle, in Wirklichkeit natürlich durchaus ideelle Ziele bestimmt. Die Geldfrage ist nun einmal mit der Aufbaufrage so ungeheuer eng verbunden, daß diese beiden Komplexe sich auch bei der raffiniertesten Dialektik in Versammlungen, geschweige denn in der Praxis nicht trennen lassen. Und nun vergegenwärtigen wir uns einmal, was wir hier in Deutschland in den vergangenen Jahren in dieser Hinsicht für Erez Israel tun konnten! Bedenken wir, daß es noch nicht viel länger als ein Jahr her ist, seit der lernäischen Schlange der Inflation der Garaus gemacht wurde, daß dies der erste Delegiertentag ist, der in dieser neuen „glückhaften“ Ära der Renten- oder Reichsmark stattfindet. Genau so wie die gesamte deutsche Wirtschaft, so haben auch wir Juden unter den Nachwirkungen jener Inflationszeit zu leiden gehabt, genau so spüren wir auch jetzt noch jene unvermeidliche Geldknappheit, kennen wir die unheimliche Krisenstimmung, die wohl, volkswirtschaftlich gesehen, eine Gesundungskrise, vom Standpunkt des Einzelnen aus betrachtet, aber Todeskampf oder doch Jahrzehnte langes Siechtum bedeuten kann. Trotzdem und unter Berücksichtigung all dieser Umstände bleibt doch die eine Tatsache bestehen: Die deutsche Mark hat wieder hohe internationale Kaufkraft bekommen und unsere deutschen M. 4.20 vermögen den schönsten amerikanischen Dollar zu ersetzen. Dies wirkt sich naturgemäß auch gegenüber der Zionistischen Weltorganisation aus. Konnten wir bisher wohl an Bereitschaft zur Tragung von Opfer, ja in der tatsächlichen Übernahme von Opfern bedeutenden Umfangs es den Anderen gleichtun, ja sie vielleicht übertreffen, so wußten wir doch ganz genau, daß alles, was wir in den Jahren der Geldentwertung taten, wohl unbegrenzten Anspruch auf Wertung in moralischer Hinsicht, aber wenig tatsächlich praktischen Wert hatte. In der damals von der zionistischen Leitung in Deutschland ausgegebenen Parole: „Jede in Deutschland aufgebrachte Mark (Papiermark) bringt in Amerika einen Dollar“, lag zwar zweifellos etwas durchaus Richtiges. Aber auch dieser Wahlspruch besagte doch nichts anderes, als daß eben die Arbeit in Deutschland nur indirekt, nur als moralisches Stimulans Bedeutung habe. Nur eine Arbeit rentierte auch materiell, die nämlich, die darauf ausging, vorzubereiten für spätere bessere Zeit, Propagandaarbeit auf weite, sehr weite Sicht. Was dies mit der Anwesenheit Weizmanns beim diesjährigen Delegiertentag zu tun hat, werden Sie fragen! Hier die Antwort: „Der Präsident der zionistischen Organisation ist kein Privatmann. Seine Aufgabe und Pflicht ist es, stets nach besten Kräften an dem Orte, an der Stelle zu sein, wo entweder höchste Gefahr oder die größte Chance seines Erfolges besteht. Die zionistische Organisation ist eine Weltorganisation. Besonders schwierig, sich hier nicht zu verzetteln, durch Höflichkeitsbesuche und Freundschaftsreisen, besonders wichtig, nur dort zu sein, wo der Kampf entweder pro oder contra mit Aussicht auf Erfolg geführt werden kann. Darum, und einzig und allein deshalb haben wir Weizmann in den letzten Jahren nie in Deutschland begrüßen können, haben wir ihn immer zwischen Amerika und Palästina hin und herpendeln sehen, haben wir als pflichtbewußte Zionisten nicht einmal seine Anwesenheit in Deutschland gefordert. Die Hauptbedeutung dieses Delegiertentages liegt vielleicht darin, daß wir heute wieder ein Anrecht darauf haben, Weizmann in unserer Mitte begrüßen zu können, daß wir nicht ihm mit dem Gefühl entgegenzutreten brauchen, zur Teilnahmslosigkeit, wenn auch unverschuldet und an der praktischen Aufbautätigket verurteilt zu sein. Die Einnahmen unserer verschiedenen Fonds sind wohl immer noch unbefriedigend, aber immerhin von erheblichster Bedeutung und wenn es auch heute immer noch richtig ist, daß eine in Deutschland gespendete Mark eine entsprechende Gabe auch in Amerika und anderswo veranlaßt, so ist doch diese Mark auch „an sich“ eine nicht zu unterschäzende Angelegenheit. Wir Juden in Deutschland haben diese Aufgabe, die uns damit ganz konkret erwachsen ist, immer noch nicht ganz und durchgreifend genug begriffen. Der Delegiertentag, die Anwesenheit Weizmanns werden hier, so sind wir überzeugt, ein gutes Stück weiter helfen. Der deutsche Zionismus hat es schon auf den letzten Kongressen als seine Aufgabe betrachtet, den Präsidenten der Organisation in seiner Arbeit zur Heranziehung aller Juden für den Palästinaaufbau, in seinem Kampfe für die Errichtung einer Jewish Agency aufs Nachdrücklichste zu unterstützen. Die Delegierten aus Deutschland haben sich mit aller Energie für die Person Weizmanns und für die von ihm vertretene Sache eingesetzt. Auch hier konnten sie nicht den ihnen moralisch zustehenden Einfluß entsprechend verwerten, weil sie durch die Folgen der Inflation aufs schwerste auch nach dieser Richtung hin gehemmt wurden.