Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1924
- Issue
- 16 (5.12.1924)
- Date
- 1924-12-05
- Page
- Seite 43 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 16 Mitteilungen des Israel. Lehrervereins für Bayern 43 seiner Vereinsangehörigen vom Standpunkte des Verhaltens des Beamten einer Besprechung und Klärung entgegenzuführen. Wir möchten mit diesen Zeilen die Aussprache über die angeschnittene Frage anregen und die Vereinsmitglieder zum Nachdenken veranlassen, welche Pflichten die jüdische Beamtenschaft selbst im Interesse der Hebung ihres Standes und ihres sozialen Ansehens z u e r f ül 1 e n h a t. J. St. Jahresbericht, erstaltet au! der 43. Mitgliederversammlung am 14. Juü 1924 Von S. Dingfelder, 1.Vorsitzender. An den Festtagen, die wie Marksteine den Juden durch das Jahr von Wendepunkt zu Wendepunkt an die Geschichte seines Volkes erinnern, sprechen wir dankerfüllt zum Lenker unseres Geschickes das Schehechejonu, daß er uns hat leben lassen und uns erhalten hat und uns hat gelangen lassen zu dieser Zeit. Zu geläufig ist dies innige schlichte Dankgebet in unserem Munde geworden, als daß wir es im Herzen stets mitgefühlt hätten. Es mußten Monde, Wochen, Tage, Stunden kommen, wie wir bayerische Juden im verflossenen Jahr durchlebten, um den Dreiklang des Schehechionu wieder in Herz und Seele erklingen zu lassen. Haben nicht Baloilo Hahu, in jener Nacht vom 8.—9. November, die ein moderner Haman ausersehen hatte, zu vernichten, zu schlachten und zu verderben alle Juden, unsere Herzen gezittert; doch der Hüter Israels, der nicht schläft und schlummert, störte seinen Plan und vereitelte seine Absicht. Tausende jüdische Lippen, die längst des Gebetes entwöhnt waren, mögen am Eingang jenes denkwürdigen Sabbats gestammelt haben mit dem Psalmenwort: „Singet Gott ein neues Lied; denn Wundertaten hat er geübt; nur seine Rechte und sein heiliger Arm hat dabei geholfen." Wie mancher von uns wird an jenem Freitag Abend vor der geretteten Gemeinde den tiefen Sinn des Psalms in sich gefühlt haben. Ich selbst habe in mancher Unterrichtsstunde empfunden, daß meine Schüler die Tränen- und Leidensgeschichte unseres Volkes ganz anders miterlebten, seitdem sie selbst das Leid erlebt haben und so viele Gebete (Ree beonjenu, al hanissim), dem kindlichen Denken und Fühlen in Glückstagen fremd, finden nun Boden in den Seelen, denen Schimpf und Schmach, Bangen und Sorge ein unvergängliches Siegel aufgedrückt haben. Auf unsere Berufsgemeinschaft möchte ich den zweiten Grundton des Dreiklangs anwenden, Gtt sei Dank, daß er uns das Haus erhalten hat in diesem Jahr der Not. Einer harten Belastungsprobe war es ausgesetzt, gar mancher Stein ging aus dem Gefüge. Junge Freunde und Kollegen, unsere Hoffnung für die Zukunft, haben den schönen, aber leider schlecht gelohnten Beruf verlassen ,um anderswo ihr Glück zu suchen — ich möchte wünschen, wenn ich auch zweifle, daß sie alle es dort finden —; viele unserer Freunde, die als jüdische Volksschullehrer Rückgrat unseres Vereins gewesen, wurden unverschuldet aus ihrem Amte gerissen; die schönste Gründung unseres Vereins, unsere Unterstützungs- und Hilfskasse — in 44jähriger Liebestätigkeit aufgebaut — brach im Valutaelend zusammen. In dieser schlimmsten Zeit weilte ich fern der Heimat. Wenn wir trotzdem durchgehalten haben, so gebührt mein und euer Dank unserem Schriftführer Rosenfeld und unserem Kassier Hellmann. Sie haben den Zerfall aufgehalten und das Vereinssdiiff durch die Wellen gesteuert, als mich ein anderes Schiff nach einem freien schönen Lande trug, in dem Judennot und Glaubens- und Rassenkämpfe unbekannte Begriffe sind. Und doch zog es mich in die unglückliche Heimat zurück. Am 8. Nov. kehrte ich auf der Cleveland zurück. Beruf und ein inneres Gebot, stärker als die Bitten des Sohnes, der Brüder und der Schwester: Der Imperativ übernommener Pflichten haben mich heim und zu den Amtsbrüdern gefülrt. So klingt in mir der dritte Ton: Ich danke Gtt, daß er mich gelangen ließ zu dieser Zeit. 32 Jahre lang bin ich Mitglied des Lehrervereins und darf wohl ohne Überhebung sagen, ein getreues. Heute sind es 25 Jahre, daß ich in der Verwaltung als Beisitzer, Schriftführer und Vorsitzender Dienst tue. Nach bestem Wissen und Können habe ich gegeben — mehr aber hat mir unser Verein in diesen vielen Jahren gegeben: ein Lebensziel, manchen Erfolg, viel inneren Frieden und die Freundschaft von Männern, die gleiche Aufgaben und gleiches Streben in unseren Reihen vereinten. Treue Freunde, gebeugt von der Last der Jahre und des Leides, sind aus unseren Reihen gegangen. Wir wollen nicht um sie trauern in Zeiten, auf die das Koheletwort gelten kann: „Besser * ist der Tag des Todes, als der Tag der Geburt" — aber in dankbarer Erinnerung sei ihrer gedacht: Massenbacher - Niederweren, Kurzmann-Kleinbardorf und unseres lieben Frank- Würzburg. Sie gehörten zur alten Garde der Mitbegründer unseres Vereins, deren Reihen sich mehr und mehr lichten. Von besonderer Tragik ist das Scheiden solcher Lehrer, die in lebenskräftigen Gemeinden vor 40—50 Jahren ihre Laufbahn begannen, bis zum Schwinden ihrer Kräfte oder gar bis zum Tode ihre Pflicht und über ihre Pflicht erfüllten; denn mit ihnen stirbt die jüdische Gemeinde, die dezimiert durch Wegzug der Wohlhabenden und ohne Nachwuchs einer jüngeren Generation keinen Lehrer mehr bekommt. Lehrerlose Gemeinden zerfallen und sterben — und nur noch die Mazephos altehrwürdiger Friedhöfe mahnen, daß hier einst eine oder mehrere Gemeinden blühten. Wir aber wollen unseren toten Freunden nicht zerfallende Denksteine, sondern im Herzen ein Mal errichten. Unser stiller, gütiger Frank gehört in die Ehrenreihe der Stern, Eschwege, Schleuser, Braunschweiger, Fränkel als sechster im Bunde. Was er uns war, haben Freundesmund und Verwaltung in den Mitteilungen gekündet, hat Freund Mandelbaum am Sarge ausgesprochen. Was er mir war, fasse ich in das kurze Wort: Ein väterlicher Freund! Ich kenne ihn seit Kinderjahren, da ich zum ersten Male an meiner Mutter Hand die Gräber des Großvaters und Urgroßvaters in Rödelsee aufsuchte und durch die kindliche Seele ging Ehrfurcht vor dem treuen Hüter, der zwischen den Lebenden und Toten stand. Personalien Unser Mitarbeiter, Volksschullehrer Julius Strauß, ist nach Auflösung seiner Schule von Westheim nach Fürth verzogen. Lehrer B. R e i n h o 1 d, früher in Demmelsdorf, übernimmt ab 1. Dezember die Religionslehrerstelle in Forchheim. Die Religionslehrerstelle in Aub wurde dem Lehrer Bernstein übertragen. Als Religionslehrer in Leutershausen wurde Leopold Strauß ernannt.