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Das jüdische Echo · 1924-12-05 · 49 (5.12.1924) · p. Seite 431

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
11 (1924)
Issue
49 (5.12.1924)
Date
1924-12-05
Page
Seite 431 (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 49 5. Dezember 1924 11. Jahrgang Kulturkampf en miniature im Münchner Stadtrat (Antisemitische Strömungen in Ein Wahlkampf treibt doch oft sonderbare Blüten. Eine Partei, welche doch schon am eigenen Leibe erfahren hatte, was es heißt der Religion halber verfolgt zu sein und welche in ihrem Programm Duldsamkeit zu predigen vorgibt, nahm Veranlassung, einer ganz unwesentlichen Sache halber ihr antisemitisches Mäntelchen umzuhängen und im Brustton christlicher Überzeugung in die Posaune ihrer völkischen Gegner einzustimmen. Nachdem man auf den verschiedensten Wegen den Nationalsozialisten den Rang abzulaufen versucht, ist die Bayer. Volkspartei kurz vor Beginn des Wahltages mit ihrem Antisemitismus öffentlich auf dem Plan erschienen. Und was war die Ursache: „Die Anstellung einer Jüdin an einem städtischen Hort.“ Die Stadträtin Schultes, welche nach dem Grundsatz non ölet jüdische Häuser für ihre kirchlichen Zwecke zu finden weiß, brachte in der Stadtratssitzung vom 25. November folgenden Antrag ein: „Die Fraktion der Bayer. Volkspartei beantragt, daß im städtischen Hortdienst grundsätzlich nur Hortnerinnen der christlichen Konfessionen Anstellung finden.“ Wie die Antragstellerin erklärte, wurde der Antrag gestellt, weil die Absicht besteht, eine Israelitin als Hortnerin zu verwenden. Die Aussprache ergab,' daß es sich nicht etwa um eine Israelitin handelt, die jetzt erst in den Hortdienst aufgenommen werden soll. Der Referent R.-R. Hörbufger teilte vielmehr mit, daß diese Hortnerin schon vor 5 Jahren einberufen worden war. Sie war die beste der zur Verfügung stehenden Kandidatinnen, hat ihre Prüfung mit der ersten Note gemacht, alle Eltern, die diesem Hort ihre Kinder anvertrauen, loben sie sehr, nicht eine einzige Klage ist eingelaufen. Diese Hortnerin ist tadellos nach jeder Richtung. der Bayerischen Volkspartei) Sie hätte auch längst die etatmäßige Anstellung bekommen sollen, aber die Bayer. Volkspartei ergriff Beschwerde zur Regierung, obwohl die Regierung hier, bei einer freiwilligen Leistung der Gemeinde, bei einer Einrichtung, die mit der Schule gar nichts zu tun hat, gar nicht als Aufsichtsbehörde in Frage kommt. Und Frl. Schultes selbst als Verwaltungsrätin hat unter gröblicher Verletzung ihrer Pflicht den Akt 6 volle Monate, bis jetzt, in Händen gehabt, ohne irgend etwas weiteres zu tun, als diese Hortnerin zu schädigen und womöglich ihre etatmäßige Anstellung zu verhindern. Frl. Schultes erhob im Stadtrat den Einwand, beim Hort komme religiöse Erziehung in Frage und da könne man israelitische Hortnerinnen für christliche Kinder nicht zulassen. Auch diesen Einwand entkräftete der Referent. Beim Hort handelt es sich nur um die Obhutnahme der Volksschulkinder in der schulfreien Zeit mittags von 12—2 Uhr und abends von 4—6 Uhr, bis also die Eltern von der Arbeit nach Hause kommen. Es wird kein Unterricht erteilt, im Gegenteil, die Kinder sollen sich durch Spiel, Wanderungen und Beschäftigung mit Handarbeit usw. vom Unterricht erholen. In den sich anschließenden Parteierklärungen bemerkte zunächst der nationalliberale (!) Stadtrat J o d 1 b a u e r, er sei grundsätzlich kein Antisemit, aber er sei für christliche Erziehung. (Interessant ist diese Erklärung schon deshalb, weil ein liberaler Mann erklärt, er sei nicht grundsätzlich, daher nur gelegentlicher Antisemit, ganz wie es eine Wahlgemeinschaft zeitweise benötigt.) St.-R. Niedermaier (Kommunist) meinte mit einigem Recht, wenn man derlei an den Horten verlange, dann müßte auch die Hebammentätigkeit streng konfessionell sein. Im übrigen verwies er auf den Widerspruch, daß Israeliten Zugang zur Bayer. Volkspartei haben und 1919 in Der Leitsatz für den iiid. Wähler: Keine Stimme für die ganz- oder halbantisemitischen Parteien I Die uns entrechten wollen, zerstören die Grundlage des Staates, vor dem alle Bürger gleich sein müssen. Deshalb gebietet die Pflicht als Staatsbürger u. als Jude schärf steÄblehnung derftntisemiten und nicht minder der Parteien, welche diese unterstützen. Jede Äbschwächung dieses Grundsatzes ist würdelos Eure Stimmen deshalb nur den aufrichtig demokratischen Parteien, denen dieser Grundsatz selbstverständlich ist

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