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Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern · 1924-11-07 · 15 (7.11.1924) · p. Seite 41

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Journal
Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1924
Issue
15 (7.11.1924)
Date
1924-11-07
Page
Seite 41 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15 Mitteilungen des Israel. Lehrervereins iür Bayern 41 Im übrigen brauchen wir in Bayern ja nur nach Württemberg zu sehen, wo der jüdische Lehrer dem Gemeindeausschuß sogar präsidierte. Ich stelle deshalb die Forderung: der Lehrer muß (in Orten, wo ein Rabbiner wirkt, auch dieser — wenn die Rabbiner ein solches überhaupt wollen —) dem Gemeindeausschuß als beratendes und abstimmungsberechtigtes Mitglied angehören. Diese Forderung klingt vielleicht manchem Gemeindevorstand revolutionärer als sie beim näheren Zusehen ist. Indem dem Lehrer in den Klein- und Mittelgemeinden (wie oben schon erwähnt) die Ausführung der meisten gemeindlichen Geschäfte überlassen bleibt, betätigt er sich doch schon praktisch mindestens ebensoviel wie ein Mitglied des Ausschusses. Es würde sich dann fast nur noch darum handeln, daß man dem Lehrer die Ehre gönne, auch de facto dem Ausschuß anzugehören. Und zu diesem Zwecke müßte der G e m e i n d e v e r b a n d in dem noch vorzulegenden Normalstatut einen entsprechenden Paragraphen aufnehmen. Anmerkung der Schriftleitung. Schon auf unserer diesjährigen Lehrerversammlung kamen Andeutungen zum Ausdruck, daß einzelne Gemeinden die von ihnen anerkannten Pflichten nicht erfüllen. Es wird Sache der Lehrervertreter sein, auf der voraussichtlich anfangs Januar stattfindenden Tagung des Verbandes die Öffentlichkeit aufzuklären. Über „Nebenverdienste" habe ich in Nr. 49/53 der „Freien Lehrer- und Kantorenzeitung" vom Jahre 1912 geschrieben. Grundsätzlich sollte der Beamte für öffentliche Dienstleistungen nur durch die Gemeindekasse Bezahlung erhalten. Das Wahl- und Stimmrecht steht den Beamten wie jedem anderen Gemeindemitglied zu, in keinem Falle aber darf aus einer etwaigen Befreiung von Gemeindeumlagen eine Ausschließung erfolgen. Im übrigen dürfte das zu erwartende Normalstatut hier volle Klarheit schaffen. Vielleicht verschwindet dann auch die Bestimmung des Münchener Statuts, daß ein besoldeter Angestellter der Gemeinde dem Gemeindevorstand nicht angehören darf, in der historischen Rumpelkammer. Personalien Kollege Rosenwald-Winnweiler, der infolge Auflösung seiner Volksschule vor 2 Jahren auf Wartegeld gesetzt wurde, hat seinen Wohnsitz nach Frankfurt a. M. verlegt. Scheidet Rosenwald, in dem wir als den langjährigen, opferwilligen und tatkräftigen Herausgeber der „Freien Lehrerzeilung" einen unserer Wackersten verehren, infolge seiner nunmehrigen Tätigkeit auch aus den Reihen unserer unmittelbaren Mitkämpfer aus, so sind wir doch gewiß, daß er unseren Bestrebungen nicht nur sein Interesse, sondern auch seine werlvolle Kraft auch weiterhin leihen wird. Auf Ansuchen wurde Lehrer S. Brückheimer wieder an die Volksschule in Marktbreit versetzt. An die Bekenntnissonderschule in München wurde Adler-Mittelsinn berufen. Notwendigkeit und Aufgaben des Wiederaufbaues im deutseben Judentum Das auf unserer diesjährigen Mitgliederversammlung von Seminaroberlehrer Stoll-Würzburg über obiges Thema gehaltene Referat ist in der „Süddeutschen Israelitischen Wochenschrift" (Verlag: J. Leopold, Ingolstadt), Nr. 9—12 und 14 veröffentlicht. Hier möge heute nachfolgende Stelle aus den gehaltvollen Ausführungen Stolls Platz finden: Der religiöse Zusammenbruch des deutschen Judentums offenbart sich in seiner vollen Wucht in der Erscheinung des starken Geburtenrückganges. Wohl sind es auch die wirtschaftlichen Verhältnisse, welche die Neigung zur Beschränkung der Kinderzahl begünstigen, aber in seinem Kerne ist der Geburtenrückgang ein Willens- und damit ein religiöses Problem. Wie stark auf diesem Gebiete der Einfluß der religiösen Vorstellung ist, beweist die Tatsache, daß in katholischen Gegenden Deutschlands der Geburtenüberschuß größer ist als in protestantischen, zeigt auch die Tatsache, daß bei den Massen in den jüdischen Zentren des Ostens, wo starkes jüdisches Leben pulsiert, trotz der denkbar ungünstigsten Wirtschaftsverhältnisse eine starke Volksvermehrung vorhanden ist gegenüber dem Abtserben der mehr oder weniger assimilatorisch eingestellten westeuropäschen Judenheit. Es ist uns heute völlig klar, daß der Titel des Teilhaberschen Buches „Untergang der deutschen Juden" fern von jeder Übertreibung die nackte, unerbittliche Tatsächlichkeit darstellt und die jüdische Lehrerschaft ist es, die in der Auflösung jüdischer Volksschulen die Folgen dieser Degenerationserscheinungen in erster Linie am eigenen Leibe verspürt, die Folgen einer Niedergangserscheinung, die auf dem Lande nicht minder stark auftritt als in den Städten. Um nicht mit Zahlen zu ermüden, einige typische Beispiele: Dem Aufsatze Dingfelders über den Untergang der jüdischen Volksschulen in Bayern entnehmen wir, daß die Zahl der jüdischen Volksschüler in München im letzten Jahrzehnt von 780 auf 250 herabgesunken ist; für Würzburg dürfte sich in der gleichen Zeit eine Abnahme von 50 % ergeben; und wie sieht es in den Dorfgemeinden aus? Als ich in den achtiger Jahren die jüdische Volksschule meines Heimatdorfes besuchte, schickten 22 Familien 24 Kinder zur Schule; heute hat dieselbe Gemeinde bei 11 Familien zwei Schulkinder. Im Distrikt Würzburg brauchen zwei benachbarte Gemeinden mit 26 Familien keinen Lehrer mehr, weil kein Schulkind da ist. Das ist der Untergang: in physischer und religiös-geistiger Hinsicht. Sebule und Hakenkreuz Der „Süddeutschen Israel. Wochenschrift" entnehmen wir folgende Mitteilung: „Aus Hüttenb a c h" wird uns geschrieben: Allgemeines Ärgernis erregte der Schullehrer B. von der Schule Neunkirchen am Sand, der am vergangenen Donnerstag mit seinen Kindern einen Ausflug nach hier unternahm. In der Mitte des Dorfes ließ er seine Kinder Halt machen, um mit ihnen mit dem Absingen des Hakenkreuzliedes durch das Dorf zu ziehen. Nicht genug damit, wiederholte er das gleiche Manöver am Rückwege. Ein zufällig anwesender Kollege nahm sich das Herz, den Kindern Einhalt zu bieten. Die Entrüstung der Einwohnerschaft war allgemein, zumal am hiesigen Örtchen, abgesehen von einzelnen Elementen, Einigkeit und Friede herrscht."

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