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Das jüdische Echo · 1924-10-31 · 44 (31.10.1924) · p. Seite 361

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
11 (1924)
Issue
44 (31.10.1924)
Date
1924-10-31
Page
Seite 361 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 44 Das Jüdische Echo 361 Dr. Weizmann überreicht der Mandatskommission des Völkerbundes den Bericht der Jewish Agency Genf. (J.T.A.) Am 23. Oktober hat Dr. Weizmann der in Genf tagenden ständigen Mandatskommission des Völkerbundes das Memorandum der Jewish Agency in französischer, englischer und hebräischer Sprache unterbreitet. Tscheeho-Slowakei Die Jüdische Welthilfskonferenz auf dem Internationalen Kongreß für Sozialpolitik vertreten Prag. (J.A.T.) Auf dem hier am 1. Oktober begonnenen Internationalen Kongreß für Sozialpolitik ist die jüdische Welthilfskonferenz durch ihr Exekutivmitglied Dr. Oskar Cohn vertreten. An dem Kongreß nehmen u. a. die folgenden bekannten Staatsmänner und Arbeiterführer teil: der französische Arbeitsminister Justin Godart, der Sekretär der allgemeinen Arbeiter-Konföderation Jouhous, der Direktor des Internationalen Arbeitsamtes Albert Thomas, der frühere österreichische Bundespräsident Renner, der Nestor der schweizerischen Sozialisten Greulich u. v. a. Es werden auf dem Kongreß eine Reihe Fragen zur Behandlung kommen, die für die jüdische soziale Hilfe, sowie für die Fragen der jüdischen Emigration und Immigration von großem Interesse sind. Polen Eine jüdische Familie in der Jom Kippur-Nacht unter grauenvollen Umständen ermordet Wilna. (J.T.A.) Wie schon kurz mitgeteilt,, wurde in der Jom Kippur-Nacht in der Nähe des Städtchens Soloniki bei Wilna eine jüdische Familie von Banditen ermordet. Die nunmehr bekannt gewordenen Einzelheiten sind über alle Maßen grauenvoll. Fünf Kilometer von Soloniki entfernt wohnte der jüdische Gastwirt Lipkin mit seiner Familie, die insgesamt aus sechs Personen bestand. Zu „Kol Nidrei“ weilten alle Familienmitglieder in Soloniki. Als sie gegen 10 Uhr abends heimkehrten, fanden sie in dem Schanklokal einige maskierte Banditen vor, die sich an den Getränken gütlich taten. Die Räuber versperrten der Familie den Ausgang und wollten sie .zunächst zwingen, mit ihnen zu essen und zu trinken. Als die Familie unter Hinweis auf das Fastengebot dies verweigerte, fesselten die Banditen alle Glieder der Familie und stopften ihnen solange Speisen in den Mund, bis sie erstickten. Hernach hängten sie ihre Opfer mit den Füßen an den Deckenbalken auf und schnitten ihnen die Hälse durch. Auf diese Weise kamen fünf Personen ums Leben: das 52jährige Familienoberhaupt Elchanon Jacob Lipkin, die 50jährige Mutter Gittel, der 21jährige Sohn Beril, der dieser Tage zum Militär einrücken sollte, der 17jährige Herschel und die 15jährige Basja Einzig die 13jährige Channe ließen die Räuber am Leben, nachdem sie sie vorher in den Ofen sperrten. Der christliche Diener des Lipkin, Makalewitsch, wurde gezwungen, der Abschlachtung beizuwohnen. Er bat die Banditen, ihn gleichfalls zu töten, doch sie antworteten, sie töten nur Juden. Der Diener verlor den Verstand. Bis jetzt sind die Mörder noch nicht ermittelt. Derfudjen sie »^smyrna-Flamme“ zu lOPfg. mit Strobmunbltöck in eleganter Bledjpackung 5igarettenfabrik Pibolb, Mflndjen Am 22. Oktober ist in Nürnberg nach langem Siechtum Dr. Karl Kassel aus dem Leben geschieden. Mit ihm hat, obwohl er der jüngeren Generation kaum noch bekannt ist, der deutsche Zionismus eine seiner markantesten Persönlichkeiten verloren. Als vor mehr als 20 Jahren die ersten zionistischen Organisationen im deutschen Osten enstanden, galt es mit Recht als einer der größten Erfolge, als Kassel, damals ein junger Arzt in Posen, der durch die Schule der reinen Assimilation gegangen war, sich und seine Arbeit zur Verfügung stellte. Seitdem hat er zwei Jahrzehnte hindurch im Vordergründe des nationaljüdischen Lebens in Posen gestanden und auf die Entwicklung des allgemeinen deutschen Zionismus einen starken Einfluß genommen. Seine Abneigung gegen jedes Vereinsleben — stets sprach er von der „Betätigung“ in Vereinen, die oft Feind der „Tat“ ist — ließ ihn nie in einen Vorstand eintreten; nur selten trat er mit einem Mandat auf. Aber immer, wo es galt, die Jugend zu ermuntern, Freunde und Gegner aufzuklären, selbstbewußte Haltung, stolze Gesinnung zu erzielen, da war er in Wort und Schrift auf dem Posten. Seine Reden und Schriften, klar und scharf, getragen von der souveränen Beherrschung des Stoffes, waren neben ihrem politischen Inhalt zugleich ästhetische und kulturelle Leistungen. Sie haben unsere Freunde nicht nur belehrt, sondern oft erzogen; sie haben unsere jüdischen Gegner zumeist mit ihren eigenen Waffen geschlagen; sie haben den Nichtjuden Respekt vor dem jüdischen Volke eingeflößt und gerade durch Betonung des jüdischen Nationalismus antijüdische Gesinnungen wirksam bekämpft. „Odi profanum volgus et arvceo.“ Diesen Satz könnte Karl Kassel wohl mit Horaz gesprochen haben. Aber dennoch war er von einem heiligen Optimismus beseelt, von einem starken Glauben an die Menschheit und von einer gefestigten Ueberzeugung für die gesicherte Zukunft von Judentum und jüdischem Volke. So war ihm die Arbeit am jüdischen Volke erhabenster Lebensinhalt. Der Streiter und Kämpfer hat noch ein letztesmal seine Stimme erheben dürfen, in der Zeit, als Posen polnisch wurde, und als es galt, die Rechte der jüdischen Nationalität zu stabilisieren. Dann mußte auch er die ihm lieb gewordene Wirkungsstätte verlassen, um auf neuem Boden im vorgerückten Alter sich wiederum seinen Platz zu erobern. Vor der Vollendung ist er dahin gesunken. Alle, seine Mitarbeiter werden Ihm über das Grab hinaus Dank wissen neben den Ungezählten, denen er Lehrer und Meister war. Seinen Freunden wird Karl Kassel ewig unvergessen bleiben. Dem jüdischen Volke wird die Lebensarbeit und das Andenken an ihn zum Segen gereichen. Max Kollenscher. literarisches Echo Eingelaufene Bücher Besprechung Vorbehalten Dr. L. Lang „Buddha und Budd'hismu s“. Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart. Dr. Albert Moll „Der Spiritismus“. Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart. Arthur Sackheim „Das jüdische Element inderWeltliteratu r“. Verlag Hazoref Buchhandlung Goldschmidt G. m. b. H„ Hamburg.

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