Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 37 (12.9.1924)
- Date
- 1924-09-12
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 37_12. September 1924 11. Jahrgang Die große Sensation Am 30. Juni dieses Jahres wurde Prof. Jakob Israel de Haan beim Verlassen der Synagoge nach dem Maariwgebet ermordet. Die jüdische Welt hatte ihre Sensation, der Sturmwind begann im „Blätterwald“ der jüdischen Zeitungen zu rauschen und! insbesondere hatte es den Anschein, als ob für die agudistisohe Presse die saure Gurkenzeit für diese Saison wenigstens endgültig überwunden sei. Noch niemals hatte doch für die Blätter vom Schlage des Frankfurter „Israelit“ eine derart günstige Gelegenheit bestanden, dem Zionismus eins auszuwischen, der selbstverständlich einzig und allein die Schuld an dieser von niemandem mehr als gerade von den Zionisten verurteilten fürchterlichen Bluttat tragen mußte. Nun schien endlich die Zeit gekommen, einen gültigen, praktischen Beweis für den schon längst in der Theorie behaupteten Parallelismus zwischen Deutschvölkischer und Jüdischnationaler Gesinnung einem verehrlichen Publikum vor Augen zu führen, und endlich konnte man doch, mit „gutem Gewissen“ Weizmann und vielleicht Ludendorff oder Hitler als geistesverwandt nebeneinander stellen. In einem von so hohem moralischen Pathos getragenen Leitartikel des „Israelit“ vom 10. Juli 1924 lesen wir denn" auch: „Wenn ein fast immer anständiges zionistisches Blatt wie „Jewish Chroniele“ jetzt in starken Worten die Schandtat der Jerusalemer Mordbuben verurteilt, wenn selbst die „Jüdische Rundschau“, aus deren Spalten man sonst den Eindruck gewinnt, daß fortgesetzte moralische Mordversuche gegenüber der Aguda und ihren Führern1 höchst verdienstlich seien, ihrer ehrlichen Entrüstung Ausdruck verleiht, so ist die Frage der Verantwortlichkeit für das Geschehene damit nicht aus der Welt geschafft. Wer Wind säet, wird Sturm ernten. De Haan war zu Lebzeiten ein Opfer des jüdisch-völkischen Faszismus, und sein gewaltsamer Tod darf schon heute mit hoher Wahrscheinlichkeit als diie unmittelbare oder mittelbare Wirkung dieses völkischen Faszismus im jüdischen Kreise bezeichnet werden. Wie Jaures, Rathenau und Matteoti, so stehen die Manen de Haans als furchtbare Ankläger dieses die europäischen Völker vergiftenden' Geistes da.“ In dieser Tonart geht es in einem recht kräftigen „fortissimo“ noch eine hübsche Zeitlang weiter, worauf man den Zionisten den dringenden Rat erteilt, nun endlich das dringende Lebensrecht der Orthodoxie, so wie sie in der Heiligen Schrift und im* „Israelit“ ihren Niederschlag gefunden. habe, anzuerkennen und die Führung in jüdischen Dingen in berufene („Israelitische“) Hände zu legen. Selbstverständlich wurde schärfste Verfolgung des oder der Mörder gefordert. Auch hier wußte man schon so ungefähr, wo er zu finden sei und war sich nur noch nicht genau darüber klar, ob er dem „hungernden Chaluz“ oder irgend einer „sonstigen radikal-jungjüdischen Gruppe“ angehöre. Leider haben die Hoffnungen auf eine hübsche Preßkampagne, die so verheißungsvoll einsetzen konnte, getrogen, das „fortissimo“ ging urplötzlich in ein „pianissimo“ über und heute herrscht eine geradezu beängstigende Stille in der agudistischen Presse und speziell bei unserm Frankfurter „Israelit“. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Die Veröffentlichung einer von Jacob de Haan kurz vor seinem Ende verfaßten und herausgegebenen Gedichtserie, deren Inhalt doch in. gewisser Beziehung den religiösen Vorstellungen der agudistischen Führer zu widersprechen schien, das Bekanntwerden von Tatsachen, die einem Heine vielleicht Gelegenheit gegeben hätten, eine 2. Auflage seiner „Bäder von Lucoa“ zu schreiben, die dringende Wahrscheinlichkeit - dafür, daß der Mord an de Haan auf „höchstpersönliche“ Beziehungen zurückzuführen ist, die Forderung der katholischen Frau de Haans, den Leichnam auf einem katholischen Friedhof beizusetzen, alles das waren eben doch Umstände, die es nicht gerade ratsam erscheinet lassen mußten, den Ermordeten im Strahlenglänze des agudistischen Führers leuchten zu lassen und ihn der „thaurotreuen“ Jugend als nachahmenswertes Vorbild hinzustellen. Das Blättchen hat sich eben etwas gewendet und heute könnte die zionistische Presse, wenn ihr dieselbe deutschvölkische Taktik, wie sie vom „Israelit“ seiner Zeit beliebt wurde, liegen würde, zu Schlußfolgerungen kommen, die zweifellos nicht sehr schmeichelhaft für den „Israelit“ und seine Aguren ausfallen würden. Man könnte zum Beispiel mit demselben Rechte der Verallgemeinerung den Nachweis dafür zu liefern versuchen, daß die geistige Führung der agudistischen Bewegung in den Händen von Pathologen und Narren liegt und ein derartiger Vorwurf wäre ganz im Ernste auch nicht Um ein haarbreit unmöglicher, als der der Zionistischen Organisation gemachte, daß sie eine ähnliche Mordhetze betreibe als die, der Rathenau und Matteoti zum Opfer fielen. Wir möchten: sogar fast meinen, daiß wir zu einer derartigen 'Behauptung mehr Gründe hervorzubringen imstande wären, als sie die Grundlagen für die unerhörten Anschuldigungen des „Israelit“ bildeten. Wenn man sich ruhigen Auges die Tatsache vergegenwärtigt, daß de Haan auf W u n s c ..hi und mit Willen der Aguda bei den Arabern und der englichen Regierung gegen Palästina, gegen das Mandat,- gegen die jüdische Arbeiterschaft intrigieren konnte; wenn man sich ferner überlegt, daß diese Politik auch heute noch mit der gleichen Intensität fortgesetzt wird, dann allerdings bleibt, wenn man den Führern der Aguda nicht Böswilligkeit und1 Neid unterstellen will, tatsächlich keine andere Möglichkeit als die,, das Verhalten dieser Männer vom medizinisch-pathologischen Standpunkte aus zu beurteilen. Die zionistische Presse hat: in ihren verantwortlichen Presseorganen geschwiegen; sogar die „Jüdische Rundschau“ hat jede Polemik neben der