Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 30 (25.7.1924)
- Date
- 1924-07-25
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 30 25. Juli 1924 11. Jahrgang Der arische Alpenverein Der Deutsche und Österreichische Alpenverein hat eine Rekordleistung an Heuchelei vollbracht, die zu allerletzt bei den Alpinisten zu finden sein sollte. Die letzte Hauptversammlung des Alpenvereins am Sonntag, den 20. Juli 1924 (das Datum ist „Merkstein“ des Deutschen Alpinismus) beschloß mit 1547 gegen HO Stimmen, die Sektion Donauland in Wien zum Austritt aufzufordern. Für diejenigen unserer Leser, die dem Alpinismus fernestehen, sei hier die Geschichte dieses Beschlusses gegeben: Vor etwa 4 Jahren beschloß die größte Wiener Sektion, die „Austria“, den Arier- Paragraphen in ihr Statut aufzunehmen. Die Minderheit, die dagegen vergebens gekämpft hatte, vermutlich größtenteils Juden, trat aus und gründete die Sektion „Donauland“, die bald darauf als solche im den Gesamtverein aufgenommen wurde und die übliche Alpenvereinstätigkeit aufnahm. Seitdem laufen die Hakenkreuzler im Alpenverein Sturm gegen den Bestand der „Juden-Sektion“, der auch ihre erbitterten Feinde, nichts, aber auch gar nichts vorwerfen, als daß sie eben zuim großen Teil aus Juden bestehe. Bis zu diesem Jahr wehrte sich der Vorstand des Gesamt-Vereins energisch gegen die antisemitischen Bemühungen, die Sektion „Donauland“ hinauszudrängen. Seine Haltung entsprach der korrekten Auffassung von der völlig unpolitischen Aufgabe des Alpenvereins und der selbstverständlichen Gleichberechtigung seiner Mitglieder. In diesem Jahr ist nun der Vorstand gegenüber dem verstärkten antisemitischen Ansturm schmählich! umgefallen. Exzellenz von Sydow, der erste Vorsitzende des Alpenvereins, müßte sich vor Scham verkriechen, wenn er seine jetzige traurige Kapitulation mit dem vergleicht, was er früher zur gleichen Sache sagte, wenrl — ja, wenn er genug Schamgefühl besäße, das ihn ja verhindert hätte, seinen eigenen Grundsätzen so ins Gesicht zu schlagen und ihn gezwungen hätte lieber zurückzutreten, als das mitzumachen. Von Sydow half sich mit dem Gleichnis, daß ein Schiffer in Seenot anvertrautes Gut zur Rettung über Bord werfen dürfe. Hier ist ein Rest menschlichen Ehr- und Gerechtigkeitsgefühls über Bord geworfen worden, offenbar ein untragbarer Ballast für die Leitung des Alpenvereins. Das schlimmste ist nicht, daß die Juden aus dem Alpenverein hinausgedrängt werden. Wir sehen, daß unter der fortschreitenden Vergiftung der „Völker deutscher Zunge“ durch die Judenhetze unser Lebenskreis, die uns umgebenden unsichtbaren, aber um so mehr fühlbaren Gbettomauern uns immer enger einschließen. Wir wissen das zu ertragen —. und sehen uns schließlich in guter Gesellschaft. Nicht dies ist das schlimmste, daß der Alpenverein keinen Raum mehr für Juden hat und daß die widerliche Verpestung durch die Judenhetze selbst eine so ideale durch die Erhabenheit der Bergesschönheit geadelte (wie man meinen sollte) Bestrebung wie den Alpinismus vergiftet hat, obwohl es schlimm genug ist. Wir könnten diesen Vorgang, obgleich er besonders kraß ist, als ein Symptom mehr für den ansteigenden Judenhaß für die Zersetzung des öffentlichen Lebens in Deutschland ansehen. Das allerschlimmste ist die erbärmliche Heuchelei; mit der man den faktischen Ausschluß der Juden aus dem Alpenverein umgab. Man machte mit den Judenhetzern ein „Geschäft“. Sie mußten sich verpflichten, 8 Jahre lang den Arierparagraphen für den Hauptverein nicht zu beantragen. (Wenn Herr von Sydow weiter „über Bord wirft“, beantragt er ihn selbst wohl nächstes Jahr!) „Dabei wird vorausgesetzt, daß diese Erklärung der Einführung oder der Anwendung des Ariersatzes in den einzelnen Sektionen nicht entgegensteht. — Dann: nachdem durch eine Statutenänderung der unpolitische (!) Charakter des Alpenvereins ausgesprochen war: Bestrebungen zur Wahrung und Förderung deutscher Stammesart können selbstverständlich nicht als politische angesprochen werden. Der Hauptausschuß hat von der Erklärung der österreichischen Sektionen Kenntnis genommen, daß das Wort völkisch in Österreich keine politische Bedeutung hat.“ (!!) Das nannte man Kompromiß und der Hauptausschuß wird ruhig behaupten, der Alpenverein sei nicht antisemitisch. Ja wenn einzelne Sektionen keine Juden aufnehmen. Wie heißt es doch in einem Gedicht von „deutscher Red“: Sag ja und nein und dreh und deutle nicht! Dem jüdischen Alpinisten und langjährigen Alpenvereinsmitglied dreht sich bei dieser Geschichte nicht das Herz, oh nein — der Magen um. Ein Hauptredner der Tagung, Geheimer Rat Ministerialdirektor Dr. Müller, Sektion Hochland, meint, daß die in der Satzung ausgesprochenen Zwecke erfüllt sind. Na dann ist ja ein vielversprechender Anfang zu neuen „unpolitischen“ Zielen gemacht. Freilich ob diese übereinstimmen mit dem, was nach seiner Meinung die großen Alpinisten wollten, wird wohl auch Geheimrat Dr. Müller bezweifeln: „Sie suchten Gott in seinem Sein.... Was sie wollten, ist zu hoch, um es in Sätze bannen zu können. Das ist urdejjtsches, faustisches Wesen. — Von diesem Wesen war auf dieser Tagung wenig, in den Kompromissen um die „Donauland“-Frage, deutlicher um den Juden- Ausschluß nichts zu spüren. Daß der Alpenverein bald judenrein, jedenfalls rein von anständigen Juden sein wird, ist nach alledem nicht zweifelhaft. Wir hoffen aber, daß die jüdischen Mitglieder der einzelnen Sektionen diese nicht verlassen werden, vor sie die Heuchelei im Hauptverein und in den Sektionen gründlich zerstört haben. Sie werden damit dem mit vielem Pathos deklamierten deutschen Wesen einen besseren Dienst erweisen, als die unentwegten Vertreter „nationaler Gesinnung und vaterländischen Geistes, deren Pflege durch die Sektionen nach fast einstimmigem Beschluß der Hauptversammlung nicht entgegengetreten werden darf“. Hast verstanden, Jud?! — Wir begrüßen deshalb die aus Wien gemeldete Absicht der Sektion Donauland, trotz des Rosenheimer Beschlusses nicht aus dem Alpenverein auszutreten. Es soll den Herrschaften nicht erspart werden, den Ausschluß zu verhängen und zu begründen.