Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 28 (11.7.1924)
- Date
- 1924-07-11
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 28 _ 11. Juli 1924 11. Jahrgang Mit der Beilage: Mitteilungen des Israelit. Lehr er Vereins für Bayern Die Demagogie des jüdischen Gemeinde-Liberalismus Während der letzten Gemeindewahlen war es eine Forderung der jüdischen Volkspartei, welche die Liberalen sich sofort zu eigen machten und mit dem schönen Brustton der Überzeugung vertraten: Die Heranziehung der jüdischen Allgemeinheit zu den Gemeindeangelegenheiten, die Schaffung einer jüdischen Öffentlichkeit — eines jüdischen Gemeindeblattes, das zwischen den einzelnen Mitgliedern der Gemeinde und der Verwaltung den Zusammenhang schafft, der um so nötiger ist, je schwieriger die Stellung der Juden in der Umwelt wird. Seitdem sind 3 Jahre verflossen. Die Gemeindeverwaltung hat einen Ausschuß zur Schaffung eines Gemeindeblattes eingesetzt, dem Herr Dr. Ostreich vorsteht und der. soviel bekannt, resigniert zum Resultat kam, daß eine Aussicht zur Erfüllung seiner Aufgabe nicht vorhanden ist. Ob dieser Ausschuß in den letzten 2 Jahren überhaupt zusammengetreten ist. erscheint zweifelhaft. Unzweifelhaft ist, daß sich die „Liberalen“ sonach ernstlich um Erfüllung ihres Wahlversprechens nicht bemüht haben. Dabei erklären Leitung der Gemeinde und Jes Gemeindeverbandes, daß sie eines solchen Organs dringend bedürfen. Doch davon später. Im elften Jahrgang erscheint nun das „Jüdische Echo“, gegründet und erhalten unter persönlichen Opfern seiner Herausgeber, die vom ersten Erscheinungstage an ^bemüht waren, damit der jüdischen Gesamtheit zu dienen und die diesen Dienst — das darf heute wohl gesagt werden — in den kritischsten Augenblicken unter mancherlei Fährlichkeiten getreulich erfüllten. Eins vermißten die Herausgeber dieses Blattes zur restlosen Erfüllung ihrer Aufgabe * Die Mitwirkung mancher Kreise unserer Gemeinde. Vor nunmehr 4 Jahren wurde den Liberalen diese Mitwirkung unter Einräumung vollständiger Gleichberechtigung angeboten. Das Resultat: Die Liberalen frohlockten, das Echo sei pleite. Daß man selbstlos ausschließlich der Allgemeinheit dienend ein so weitgehendes Angebot machen könne, war der liberalen Denkweise nicht zugänglich. Jahrelang warteten wir dann auf die Schaffung des Gemeindeblattes, das die allgemeinen Aufgaben übernommen und uns ermöglicht hätte, uns spezielleren Dingen zu widmen. Erst als die Aussichtslosigkeit dieser Hoffnung feststand, hat die jüdische Volkspartei vor Jahresfrist den alten Vorschlag, das Echo der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen, aufgegriffen und der Gemeindeverwaltung unterbreitet. Das Bedürfnis der Gemeinde nach einem solch gemeinsamen Blatt erschien dem Vorstand der Gemeinde so dringend und die Konzessionen der Herausgeber des Echo so weitgehend, daß Vereinbarungen bis zur Formulierung eines Vertrages zwischen dem Gemeindevorstand und den Herausgebern des Echo gediehen waren. Darin hatten sich die Herausgeber des Echo mit den gleichen Rechten begnügt, ,die jede Partei haben sollte. Einige Intransigente unter 'den „liberalen“ Mitgliedern der Gemeinde- Vertretung, die Gegner dieser Vereinbarung waren, verhinderten, daß sie zustande kam, obwohl die führenden liberalen Männer im Gemeindevorstand sich aus ihrer besseren Kenntnis des dringenden Bedürfnisses warm dafür einsetzten. Aber die Unversöhnlichen erreichten Fraktionszwang und die Einsichtigeren unter den Liberalen mußten sich fügen. Auf eine Zusage der Herren vom Gemeindevorstand, eine positive Erledigung im Herbst herbeizuführen, bestand die jüdische Volkspartei damals nicht auf einer Entscheidung. Inzwischen wurde der Vorschlag dem Gemeindeverband unterbreitet und auch dort von den Intransigenten zu Fall gebracht. Nunmehr forderte die jüdische Volkspartei Entscheidung und brachte in der Gemeindevertretung einen entsprechenden Antrag ein, der in der letzten Gemeindesitzung behandelt und trotz aller Hoffnung auf eine angesichts der Entwicklung des letzten Jahres gebesserte Einsicht und auf den Einfluß der führenden liberalen Männer des Gemeindevorstandes abgelehnt wurde. Auch diesmal tat der Fraktionszwang seine Schuldigkeit und führende liberale Männer der Gemeinde waren in der wenig beneidenswerten Lage, gegen ihre Überzeugung handeln zu müssen. Das jüdische Gemeinschaftsgefühl der Liberalen ist also so gering, daß ihnen ein gemeinsames Blatt für alle jüdischen Richtungen unmöglich erscheint. Da drängt sich unwillkürlich die Frage auf, die auch Herr Dr. Eli Straus in der Gemeindesitzung behandelte, ob bei einer solchen Einstellung die gemeinsame Gemeinde -Arbeit überhaupt einen Sinn haben kann. Die Liberalen wollten eigentlich einer Begründung ihres Standpunktes aus dem Wege gehen — die ja wirklich ungemein schwierig ist — und sich mit Bekanntgabe der „grundsätzlichen Ablehnung“ begnügen. Daß sie derselben noch einen Antrag auf „tunlichst beschleunigte Schaffung einer Gemeindezeitung“ beifügten, muß gegenüber dem Arbeitsresultat der oben erwähnten Kommission in 3 Jahren wie als eine demagogische Höchstleistung angesehen werden. Als sich nach manchen deutlichen Worten von der Seite der jüdischen Volkspartei Herr Dr. Ostreich entschloß, den Standpunkt der Liberalen doch noch zu begründen, da hörte man in wenigen Sätzen so eminent wichtige Geständnisse, daß man es als ungemein schmerzlich empfinden muß, daß Zwischenfälle, wie sie an dieser Stelle ungewohnt sind, Herrn Dr. Ostreich verhindert haben, seine Rede zu beenden und alles vorzubringen, was er auf dem Herzen hatte. Herr Dr. Ostreich mußte zugestehen, daß das Echo sich in schweren Zeiten vielerlei Verdienste erworben habe, fand aber, „daß nur ein Blatt jener Parteirichtung sich in kritischer Zeit so weit vorwagen könnt e“. Also auch dies ein Vorzug der Zionisten, in gefährlichen Augenblicken furchtlos allen Anfeindungen entgegenzutreten. Fürwahr wir hätten ohne das sehr wertvolle Zeugnis aus diesem Munde nie gewagt, dieses Verdienst für uns in Anspruch zu nehmen. Daß in diesem Zusammenhang die „ganze Vergangenheit des Echo“ ein Hindernis für ein Zu-