Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1924-06-27 · 26 (27.6.1924) · p. Seite 142

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
11 (1924)
Issue
26 (27.6.1924)
Date
1924-06-27
Page
Seite 142 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9103074-9151711--06068-9078769
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

142 Das Jüdische Echo Nr. 26 sehen den Tischen pflegt sich ein Individuum herumzutreiben, dessen schmalwangiges Äußere an sich kaum geeignet ist, für die Güte und Reichhaltigkeit des Mahles zu garantieren, dessen turmhohes Käppchen aber einen beruhigenden Einfluß auf skeptische Gemüter ausübt. Das ist der sogenannte Maschgiach, der zur Aufsicht bestellte Vertrauensmann des Vereins. — Solche Einrichtungen existieren nun im Osten nicht. Jeder etwas auf sich haltende Speisewirt würde es mit Entrüstung ablehnen, sich unter Aufsicht stellen zu lassen und vielleicht nicht ganz ohne Grund steht man im Osten auf dem Standpunkt, daß eine solche Aufsicht ohne jeden Wert ist, und daß jemand, der sich irgendeiner Aufsicht unterwirft, von vornherein mit Mißtrauen zu betrachten ist. Ich könnte in der Tat aus meiner Erinnerung allerhand tragikomische Geschichten erzählen, in denen jene Einrichtung der Aufseher ad absurdum geführt wird. — Vielleicht erinnert sich der eine oder der andere meiner Leser an den famosen Aufseher, der vor nahezu dreißig Jahren in dem Kurhaus des Herrn Hecht in Harzburg so kuriose Dinge anstellte. Ihm war z. B. kontraktlich zugesichert, daß er bei der Verrichtung gewisser gottesdienstlicher Gebräuche, wie bei dem Vortrag der Hawdoloh zum Ausgang des Sabbat eine halbe Flasche Wein zum Segensspruch geliefert bekam. Er improvisierte nun jede Woche ein paarmal mit ernstester Miene solche fromme Verrichtung, indem er irgendeinen gleichgültigen hebräischen Text mit frommer Miene aufsagte und zwar im Beisein der ganzen Tischgesellschaft, die sich höchlichst darüber freute, den wenig beliebten Wirt jedesmal um eine Flasche gekränkt zu sehen. Dieser aber, in jüdischen Dingen ein absolut unerfahrener Mensch, stand, den Hut vorschriftsmäßig auf dem Kopfe, mit ergebener Miene dabei und hörte ahnungslos den unverständlichen Singsang an, nicht ahnend, daß die ganze Gesellschaft sich auf seine Kosten lustig machte. Diese Wahrzeichen des jüdischen Restaurants fehlen also im Osten, dagegen nicht jenes dritte Kennzeichen jüdischer Gaststätten, — die Bettler. Man ist es gewohnt, wenn man ein jüdisches Restaurant betritt, daß an der Schwelle sich abgezehrte Hände hilfeflehend entgegenstrecken; in vielen Lokalen dringen die Armen auch bis an den Speisetisch vor und suchen mit jammernden Worten und indem sie ihre Gebrechen und Hilflosigkeit ins beste Licht rücken, die Mildtätigkeit der Speisenden in Anspruch zu nehmen. Die Wirte sind dagegen machtlos, die Kellner führen einen verzweifelten Kampf gegen die Leute und bisweilen gelingt es, sie bis an die Schwelle zurückzudrängen. Im Osten — und speziell bei Michelsohn — fehlten die Armen nicht, aber doch war es dort anders. In dem kleinen Vorraum, wo die Mäntel abgelegt werden, hielten sich immer einige alte Leute auf. Der Besitzer führte aber keinen Kampf gegen sie — ich sah, mehr als einmal, wie der alte Michelsohn eifrig Stühle aus dem Gastzimmer herausholte und den Leuten hinsetzte — diese Armen wurden eigentlich sogar mit ganz besonderer Höflichkeit behandelt. Sie betteln auch nicht eigentlich, — sie sitzen ruhig da und nehmen die ihnen von jedem gereichte Gabe als selbstverständlichen Tribut entgegen. Die Bettler im jüdischen Osten spielen eben eine ganz andere Rolle. Sie wissen, daß sie für den Reichen genau so unentbehrlich sind, wie der Reiche für sie. Das Almosengeben ist eine strenge, unabweisbare Pflicht und der Wohlhabende käme in die größte Verlegenheit, wenn er niemand hätte, dem er geben könnte. So ist ein Streik der Schnorrer nicht nur theoretisch denkbar, sondern er ist bisweilen Tatsache geworden und hat die davon Betroffenen in die allergrößte Verlegenheit gebracht, sie mußten in solchen Fällen durch besondere Opfer die Armen bewegen, den Boykott aufzuheben. — Als Gegenstück aus dem Westen sei erwähnt, daß sich noch in den fünfziger Jahren in Hannover etwas derartiges abspielte. Die Gemeinde Hannover besaß nur einen einzigen Gemeindearmen, auf den sich nun die Gaben aller derer entluden, die Mildtätigkeit üben oder, wie man sagt „Zdokoh geben“ wollten. Eines Tages veruneinigte der Mann sich mit dem ersten Vorsteher und rief in seiner Wut: „Wenn Sie nicht wollen, wie ich, dann ziehe ich einfach weg von Hannover; dann soll die Gemeinde sehen, wo sie ihre Zdokoh los wird.“ — Silbenrätsel Aus den Silben: bäum—dee—der—e—ex— f an —gai—hag—i—in—ka —ku—le—le—lo—lu—lus—ma—1 mis—mon —mut— nab—nu—ok—on—pich—ri—rie— sa—schont—te— te—tep—ther—ti—tik—ve—vi—wis—wun—zi sind 14 Wörter zu bilden, deren Anfangs- und Endbuchstaben, beide von oben nach unten gelesen, ein Motto H e r z 1 s ergeben. 1. Metall; 2. vollziehende Gewalt; 3. Stadt in Palästina; 4. Wissenschaft; 5. Gedanke; 6. Propheten; 7. große jüd. Kolonie; 8. Baum; 9. paläst. Gewicht; 10. Tempeldiener; 11. Bibelübersetzer; 12. Gewebe; 13. Militär; 14. jüd. König. literarisches Echo Erez Israel-Merkbuch Soeben ist die 5. Auflage des Zionistischen Merkbuches unter dem Namen „Erez Israel-Merkbuch“, redigiert von Dr. Schachtel in Breslau, vom Keren Hajessod, Abteilung für Zentraleuropa, herausgegeben worden. Das Werkchen bringt, dicht gedrängt auf 144 Seiten, in Kleindruck ein außerordentlich reichhaltiges Material über alles Wissenswerte in Palästina und bildet ein geradezu unentbehrliches Hilfsmittel für jeden, der sich mit den verschiedenen Palästina berührenden Fragen befaßt. Die ungemein zahlreichen statistischen und historischen Angaben bieten auch dem genauen Kenner des Landes eine gewünschte Ergänzung und Entlastung seines Gedächtnisses. Das Merkbuch, dessen Preis Mk. 0.90 beträgt, wird in Kommission von der „Ewer“-Buchhandlung in Berlin W 15, Knesebeckstr. 54/55, vertrieben und ist auch in allen Buchhandlungen erhältlich. Mitteilung Demnächst erscheint das erste jüdische Weltadreßbuch, welches Adressen, die die jüdische Welt besonders interessieren, kosten- 1 o s veröffentlichen wird. Jüd. Organisationen, Institute, Parteiführer, Gelehrte usw., jüdische Buchhändler und Verleger; Erzeuger und Händler von Koscherwaren und ritueller Bedarfsartikel, Restaurants, Vermittler usw. usw., mögen ihre Anschriften nebst genauer Angabe der Beschäftigung umgehend an Isaac Bonhard, Wien II, Ybbsstraße 22, bekanntgegeben. „Hebräisch.“ Selbstunterrichtsbriefe nach der Methode Toussaint-Langenscheidt, hat Professor Willing kürzlich veröffentlicht. Die bis jetzt vorliegende erste Reihe umfaßt 18 Briefe. Wer sie alle genau durchstudiert hat, wird leichtere hebräische Texte allein lesen können. Es seien deshalb die, die einen Lehrer für Hebräisch haben, auf dieses wertvolle Hilfsmittel hingewiesen. Ausführlich werden wir auf das Werk eingehen, wenn es mit dem zweiten Band abgeschlossen vorliegt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.