Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 24 (13.6.1924)
- Date
- 1924-06-13
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 24 13. Juni 1924 11. Jahrgang Palästina-Hufbau Kolonisationswirtschaft Von Alfred Berger, Berlin. Eine der Besonderheiten des Aufbaus Palästinas kommt mehr und mehr zum Bewußtsein der zionistischen Kreise: die Tatsache, daß es sich bei dem Aufbauwerk um ein Kolonisationsunternehmen handelt. Mehr und mehr erkennt man, daß alle Vergleiche mit der Wirtschaft schon aus dem Grunde hinfällig sind, weil in Palästina eine Kolonisationswirtschaft notwendig ist, während die Unternehmungen der anderen Länder auf einer bereits gefestigten volkswirtschaftlichen Basis beruhen. Kolonisationswirtschaft unterscheidet sich von anderer Wirtschaft dadurch, daß sie sich selbst die Bedingungen ihres Gedeihens schaffen muß. Während in der normalen Wirtschaft mit bestimmten Transportmöglichkeiten gerechnet werden kann, während die Zu- und Abfuhrwege vorhanden und demgemäß bekannt sind, muß eine Kolonisationswirtschaft sich diese Wege und Transportmöglichkeiten erst schaffen; während man anderswo mit einem vorhandenen inneren Absatzgebiet rechnen kann, muß die Kolonisationswirtschaft immer davon ausgehen, aus sich selbst heraus neben einem Produktionsgebiet ein inneres Absatzgebiet zu bilden. Daher ist z. B. Menschenzuwachs in Kolonisationsgebieten geradezu entscheidend. Ein Zuwachs von 5000 Menschen in Palästina bedeutet eine außerordentliche Vermehrung nicht nur der Produktiv-, sondern auch der Konsummöglichkeiten. Kolonisationswirtschaft bedeutet also, daß die meisten Erwerbszweige Unkosten tragen, die gleiche Unternehmungen in wirtschaftlich fundierten Ländern nicht zu tragen haben. Selbstverständlich ist jede derartige Kolonisationswirtschaft nur möglich, wenn die besonderen Unkosten, die sie zu tragen hat, ihr nicht allein aufgebürdet werden. Jede Kolonisation verlangt Zuschüsse seitens des Mutterlandes. Die Kolonisationswirtschaft kann die allgemeinen außerordentlichen Unkosten nicht tragen. Sie hat ein Recht zu verlangen, daß das Mutterland diejenigen Summen in das zu kolonisierende Gebiet hineinsteckt, die eine volkswirtschaftliche Produktivität überhaupt erst ermöglichen. Dabei ist zu berücksichtigen, daß Kolonisationswirtschaft immer wirtschaftliches Beginnen von Grund auf darstellt. Alle Erfahrungen, mit denen man in Ländern, die wirtschaftlich durchorganisiert sind, rechnen kann, die ungeheure Bedeutung der wirtschaftlichen Tradition, die Tatsache, daß in anderen Ländern im Laufe der Jahrhunderte genau bekannt wird, in welcher Art die Wirtschaft am besten gedeiht, fehlen im Kolonisationslande. Dort müssen Versuche angestellt werden, von denen notwendigerweise ein großer Teil fehlschlägt, um zu erkennen, welche Wirtschaft möglich ist; der Anbau von verschiedenen Arten von Pflanzen, Getreide, Früchten, Bäumen, die Art der landwirtschaftlichen Bearbeitung, Düngung usw. muß erprobt werden. Die Frage der besten Ausnutzung von Wasser und Wirtschaftskräften muß einem Studium unterliegen, nicht nur einem theoretischen, sondern einem praktischen, kurz, es müssen immer wieder von neuem Versuche unternommen werden, um endlich nach dem Fehlschlagen soundsovieler und dem Gelingen einiger Versuche eine wirtschaftliche Produktion auch im Kolonisationslande zu schaffen. Alle diese Bedingungen gelten für Palästina. Jede Arbeit in Palästina muß von Grund auf getan werden. Es wäre schon rein wirtschaftlich unzulässig, Wirtschafts- und Produktionsformen anderer Länder einfach nach Palästina zu übertragen. Die Tatsache also, daß Palästina ein Kolonisationsland ist, die besonderen Erschwernisse, mit denen demgemäß die jüdische Wirtschaft in Palästina zunächst zu kämpfen hat, sind gleichzeitig eine der größten Chancen für den jüdischen Aufbau in Palästina. Der Aufbau dieser Kolonisationswirtschaft ist aber, wie bereits betont, nur mit Zuschüssen seitens des Mutterlandes möglich. Das Mutterland für die jüdische Kolonisation Palästinas ist die Judenheit. Es ist eine Utopie zu glauben, daß die nichtjüdische Welt den jüdischen Aufbau Palästinas finanzieren wird. Die gesamte Judenheit hat die Aufgabe, die Stelle zu vertreten, die das staatliche Mutterland bei anderen Kolonisationsländern einnimmt. Die Judenheit muß diejenigen Beträge aufbringen, die die Kolonisation ermöglichen, sie muß diejenigen Zuschüsse leisten, ohne die die Wirtschaft im Kolonisationslande nicht produktiv werden kann. Ein staatlich selbständiges Mutterland zwingt seine Bürger, durch steuerliche Mehrleistungen die Entwicklung der Wirtschaft im Kolonisationslande zu ermöglichen. Die jüdische Wirtschaft in Palästina hat das Recht, gleiche Leistungen von ihrem Mutterlande, von den Juden, zu verlangen. Die Judenheit hat nicht die Möglichkeit, Steuern einzutreiben. Sie ist darauf angewiesen, daß die von ihr ausgeschriebenen Steuern freiwillig geleistet werden. Ihre Steuerleistungen fließen zusammen im Kolonisationsfonds Palästinas, dem Keren Hajessod. Der Keren Hajessod ist das Gegenstück zur freiwilligen Arbeitsleistung des Chaluz. Jeder Jude, der nicht seine Arbeitskraft für den Aufbau Palästinas hergibt, ist verpflichtet, seine Steuerkraft für den Aufbau freiwillig zur Verfügung zu stellen. Dieser Kolonisationsfonds ist notwendig, gleichviel, ob man wünscht oder glaubt, daß in Palästina in verstärktem Maße gemeinwirtschaftliche Formen herrschen werden oder ob auch in Palästina die privatwirtschaftliche Arbeit dominieren wird. Ohne den Kolonisationsfonds kann keine Form des wirtschaftlichen Aufbaus produktiv und rentabel werden. Die Erkenntnis dieser Zusammenhänge muß vor allem Allgemeingut der Zionisten werden. Es genügt nicht mehr, sich als Zionisten zu bekennen, es genügt noch viel weniger, anderen Zionismus zu predigen. Es ist die Pflicht der Zionisten zu beweisen, daß sie sich Palästina gegenüber wirk-