Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 19 (9.5.1924)
- Date
- 1924-05-09
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9103074-9148126--05996-9078690- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Das Jüdische Echo Nummer 19_ 9. Mai 1924 11, Jahrgang Freimaurerei und Judentum Von D r. Max Prager. Während das Organ der Bayerischen Sozialdemokratie einen der Einbläser des Herrn v. Kahr als „Judenstämmling“ und „Sendling der Weisen von Zion“ verspottet, bezichtigt das Organ der Bayerischen Volkspartei die „jüdische Freimaurerei“, die antimarxistische Front im Münchner Bürgerbräukeller „mit Hilfe der Hakenkreuzler“ erdolcht zu haben. Während der Redakteur des „Völkischen Kurier“ den Jesuitismus als Verschmelzung des „römisch alttestamentlichen Geistes mit einer semitischen, politisch religiösen, raffiniert aufgebauten Geheimorganisation“ entlarvt, deckt ein Mitarbeiter des „Bayerischen Kurier“ ein geheimes Bündnis zwischen der jüdischen Freimaurerei und dem kulturkämpferischen Nationalaktivismus auf. Im bayerischen „Vaterland“ des Dr. Sigl war man ein „Preuß“ oder ein „Jud“, wenn man kein „Patriot“ war. Das waren glückliche, noch verhältnismäßig einfache Zeiten. Im bayerischen Vaterland unserer Tage hat man neben dem „Juden“ Kahr und dem „Preußen“ Ludendorff den „Judenstämmling“ Cossmann als „Sendling der Weisen von Zion“ und den „Trommler“ Hitler als Werkzeug des „großen Orients“ und „aufgehendes Licht an der Isar“. Ersterer hat die Dolchrede des Herrn v. Kahr verfaßt, um im Interesse Alljudas das deutsche Volk zu veruneinigen, letzterer hat sie im Interesse Alljudas mitten im schönsten Text unterbrochen, um die „drohende Gefahr der kulturellen Überwindung des jüdisch-marxistischen Liberalismus durch das ragende Ideal des christlichen Staatsgedankens zu vertreiben“. Gibt es etwas Verruchteres? Diese jüdische Freimaurerei bringt es fertig, gleichzeitig für Kahr und gegen Kahr, gleichzeitig jesuitisch und kulturkämpferisch, gleichzeitig marxistisch und liberal, gleichzeitig alljüdisch und hakenkreuzlerisch zu sein. Ja, sie ist imstande, sich selber zu erledigen, nur, um den ragenden Idealisten der Bayerischen Volkspartei die Gelegenheit zu ihrer kulturellen Überwindung in einem Münchner Bierkeller zu entziehen. — Als Ende der siebziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts der Antisemitismus in Deutschland wieder erwachte, drang er auch in Freimaurerkreise ein. Dies gab den Anstoß dazu, daß in Berlin anfangs 1882 im Anschluß an den 1843 gegründeten amerikanischen Orden Bne Briss eine jüdische Loge gegründet wurde, der bald andere nachfolgten. Nichtjüdische Freimaurer erblickten darin, obwohl sie selbst mit der stillschweigenden Einführung eines numerus clausus für Juden vorangegangen waren, eine unberechtigte jüdische „Absonderung“. Es entspann sich eine lange Fehde, die schließlich im Jahre 1906 durch einen faulen Frieden beendet wurde. Inzwischen war die Freimaurerei selbst Gegenstand heftiger antisemitischer Angriffe geworden. Anfänglich rekrutierten sich die Angreifer hauptsächlich aus dem klerikalen Lager. Dann gesellten sich auch „völkische“ Widersacher hinzu. Heute machen alle diese Feinde der Freimaurerei die Juden entweder mit Ludendorff für den „Kampf gegen den Volksgeist in Deutschland und Österreich-Ungarn“ verantwortlich oder sie behaupten mit dem österreichischen Nationalrat W i c h 11 und dem amerikanischen Pazifisten Ford, daß die jüdischen Freimaurer sämtliche Kriege und Revolutionen seit 1789 auf dem Gewissen haben. Die Grundlosigkeit aller dieser Beschuldigungen ist handgreiflich. Die Freimaurerei lehnt sich der Form nach an mittelalterliche Zunftgebräuche an. Dem Inhalte nach ist sie ein Erzeugnis der Aufklärung, Surrogat für positiven Kirchenglauben. Das Judentum, das in seiner orthodoxen Richtung eine durch ein starres Ritual, durch „Zäune um Zäune“ gesicherte Lehre darstellt, hat mit der Freimaurerei an sich nicht das Geringste zu tun. Die Ableitung des Nürnberger Meistergesangs von König David hat nicht mehr geschichtliche Berechtigung, als die Ableitung der Freimaurerei vom Tempelbau Salomos. Der jüdische Schriftgelehrte David Hajim Azulai, der im 18. Jahrhundert in Jerusalem gelebt hat und eine der größten talmudischen Autoritäten seiner Zeit war, erzählt, daß man ihn auf einer seiner Reisen in Tunis gefragt habe, ob es erlaubt sei, einen Juden, der sich der Freimaurerei angeschlossen hatte, zu töten, weil man die Freimaurerei im Verdacht hatte, daß sie alle positiven Religionen bekämpfe. Azulai erwiderte, er halte die Freimaurerei nur für eine Komödie, aber sicherlich sollte sich kein Jude dieser Brüderschaft anschließen. Noch im Juni 1887 aber schrieb die orthodoxe Zeitschrift „Jeschurun“ mit Bezug auf den Orden Bne Briss: „Ein orthodoxer Jude kann unmöglich dem Orden beitreten. Der aus Amerika importierte Orden ist gefährlich für das gesetzestreue Judentum.“ Schon diese ursprüngliche Stellungnahme der jüdischen Orthodoxie, die in den von Ludendorff als Quelle benützten Schriften ausführlich geschildert wird, hätte ihn von seinen bekannten Angriffen auf die jüdische Freimaurerei abhalten müssen. Dazu kommt, daß der „aus Amerika importierte Orden“ Bne Briss seinerzeit von deutschen Juden nach Amerika importiert worden ist. Mehrere der geistig führenden Mitglieder des Ordens, wie z. B. der vor zwei Jahren verstorbene, aus Mähren stammende Professor Gotthard Deutsch, der gelehrte Leiter des amerikanischen Rabbinerseminars von Cincinnati, haben zeit ihres Lebens ihre Anhänglichkeit an die alte Heimat und ihre Liebe zur deutschen Kultur bewahrt, wie es überhaupt eine bemerkenswerte Tatsache ist, daß die nach dem slavischen Osten ausgewanderten Juden einem deutschen Dialekt durch viele Jahrhunderte hindurch mit einer Zähigkeit treu geblieben sind, an der sich mancher Ausländsdeutsche reinster Rasse ein Vorbild nehmen könnte. In den Vereinigten Staaten befinden sich zur Zeit die Katholiken in einer ähnlichen Lage, wie die Juden in Bayern. Sie sind dort eine Minderheit und vielen, meist sehr ungerechten Anfeindungen ausgesetzt. Die Folge davon ist, daß drüben auch die Katholiken, eine Art Freimaurerorden gegründet haben. Die Columbusritter (Knights