Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 18 (2.5.1924)
- Date
- 1924-05-02
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Und doch bleibt Palästina in unserem Geist ein besonderes Land, jenseits und, über allen rein politischen Interessen, mit einer Bestimmung und einer Tradition, die die menschliche Geschichte in eigener Weise unter die göttliche Vorsehung stellt. So kam es, daiß für einen Augenblick ein Aufatmen tiefer Befriedigung durch die ganze Ghiristenheit ging, als die Alliierten in Jerusalem einzogen, und daß manch einer begeistert von „dem letzten Kreuzzug“ sprach. Andere gingen noch weiter. Sie sahen prophetische Visionen erfüllt, sie sahen die Rückkehr der Juden nach Zion. Das Palästina-Problem ist bestimmt durch die Tradition und Psychologie der Juden und den christlichen Glauben an die Prophezeiungen des Judentums. Der Jude ist durch viele Generationen ein Wanderer und ein Weltbürger gewesen und hat doch nie auifgeihiört. ein Verbannter zu sein. Sein Fuß hat keine Heimat gefunden, aber sein Herz hat Jerusalem nie vergessen. Während er ein musterhafter Staatsbürger war. hat sein innerstes Wesen nie einem Staat angehört. An der Außenmauer des zerstörten Tempels auf dem Berge Moriah sieht man Stunde um Stunde, Tag für Tag, Generation auf Generation, kleine Gruppen von Männern und Frauen iim Gebet, weinend und stöhnend, Kerzen zündend und die Steine küssend, die ihnen so teuer sind. Sie sind das wahre Bild des niedrigsten Elends, das doch an seinem Glauben hängt. Sie wehklagen um die Wiederemeuerung Zions. Sie sind Israel. . Ihr Jammer und ihre Hoffnung ist in jedem jüdischen Herzen. Für den blasierten Materialisten und Weltmann ist nichts befremdender, als zu sehen, wie in diesen letzten Jahren Juden aus allen Nationen der Welt — dieselben Juden, deren Proletariat alle nationale und religiöse Tradi'ton verworfen hat und deren „Bourgeoisie“ durch ihren Reichtum zu einer, ähnlichen Stellung getrieben wurde — auf den verlockenden Ruf hörten und ihre Herzen wieder Palästina zuwandten. Die zionistische Bewegung wird von vielen Momenten bestimmt, aber hier liegen ihre Wurzeln. Israel hat sich nach vielen Generationen wieder nach' Palästina gewandt, wie Zugvögel dem Ruf der Jahreszeit gehorchen. Es hat auch leibliche Not mitgesprochen und so waren es zuerst die Juden aus Rußland, Ukraine, Polen und Osteuropa, die bereit waren, zu kommen, als wir zur Einwanderung aufforderten. Viele vom ihnen waren Landwirte, einige waren in der praktischem Arbeit und in Landwirtschaftsschulen gut genug ausgebildet, um Leiter der verschiedenen Siedlungen, die geschaffen wurden, zu werden; eine große Anzahl war auf Gymnasien und Universitäten für akademische Berufe vorgebildet; alle waren bereit, zu arbeiten, und seflwer zu arbeiten, selbst Steine zu brechen, Wege zu bauen, Sümpfe trocken zu legen und Bäume zu pflanzen. Ich habe sie bei solcher Arbeit gesehen. Sie waren in einfachen Arbeitsanzügem, mit Staub und Schmutz bedeckt, sonnverbrannt, unrasiert, mit verarbeiteten Händen. Aber all dies war nicht stark genug, um eine gewisse Haltung, einen Ton der Stimme, eine freie Art des Ausdrucks zu verdecken, die Männern eigentümlich ist, deren Geist früher entwickelt wurde, als ihre Muskeln. Wahrlich, dies ist eine Einwanderung von Sehnsüchtigen. Ich werde niemals eine Nacht vergessen, die ich als ihr, Gast verbrachte. Wir waren in Dunkelheit und Schmutz stecken geblieben, kurz hinter der Überschreitung des Jordans bei der Jakobsbrücke, und mußten sie daher um Gastfreundschaft bitten. Einige zwanzig Leute waren um die Tafeln 'im allgemeinen' Speiseraum vereint Der Fußboden war mit Schmutz bedeckt, was unmöglich zu vermeiden war, denn der ganze Platz liegt mitten im Morast. Alles übrige war wundervoll sauber. An der Spitze der Gesellschaft befand sich einer, der in einer amerikanischen Landwirtschaftsschule ausgebildet war. Naclhi Tisch diskutierten wir nicht nur über1 das Siedlungswerk und den Zionismus, sondern auch über europäische und amerikanische Politik, Literatur, Philosophie, Kunst und Religion, und die Leute interessierten sich eifrig üben alles, was in der Welt vorgilng. Ihrie Arbeit war hart und aufreibend, aber sie waren glücklich. Spät abends wurden wir durch! noch mehr Schmutz zu unserer Schlaf Stätte geführt, einem großen luftigen Raum mit Steinfußboden, den wir natürlich mit jedem Schritt beschmutzen mußten. Den Raum enthielt zwei Betten mit makellosem Leinen, auf dem wir mit tiefem Wohlbehagen schliefen. Morgens erwachte ich mit der Sonne. Während ich mich ankleidete, sah ich eine vergnügte Gesellschaft von Frauen mit Hacken auf der Schulter an meinem Fenster vorüber zur Arbeit gelben. Die kleine Gemeinschaft war bereits tätig. Das ist der Jud'eL, der nach Palästina geht. Er ist ein Idealist und ein Arbeiter. Vor ihm steht ein Bild Palästinas, wie er es sich als Heim seines Volkes wünscht, und so tut er seine Arbeit mit Liebe. Wenn er pflügt, sät und pflanzt, so bringt er seine Arbeit als Huldigung und Opfer dar; er hat bei seinem Werk viel mehr das Gefühl, Palästina zu geben, als für sich zu nehmen. Das besagt aber nicht, daß er ein reiner Gefühlsmensch und Dilettant ist. Die Auffassung von seiner Arbeit ist bestimmt, seine Methoden sind praktisch. Er legt Ver'sueihspflanzungen für Bäume an, er trägt Maschinen zusammen, die für palästinensische Bedürfnisse passend sind, er studiert die Kunst des Terrassenbaus; er beginnt, den Jordan für elektrische Kraftstationen und Bewässerungen nutzbar zu machen; er führt Handwerke, kooperative Gesellschaften ein usw. In einer der neuesten Siedlungen in Nuris, am Fuße des Berges Gilboa, die aus 150 Personen besteht, fand ich sie bei