Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 1-14 (4.4.1924)
- Date
- 1924-04-04
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 1—14 4. Äpril 1924 11, Jahrgang Der HitlerprozeD Von besonderer Seite Wer sich durch die ausführlichen Berichte der Tageszeitungen, durchgearbeitet hat. ist über das Tatsächliche unterrichtet und wer sich von den tönenden Reden der Angeklagten und Verteidiger nicht betäuben ließ, kann sich selbst sein Urteil bilden. Braucht es da noch eine Betrachtung an dieser Stelle? Sie fände ihre Rechtfertigung doch nur, wenn vom jüdischen Standpunkt etwas Besonderes zu sagen ist. Gewiß, die Angeklagten sind wohl durch, die Bank Feinde der Juden, die meisten von ihnen und ein großer Teil ihrer Verteidiger haben sich sogar ausdrücklich zum Judenhaß bekannt. Und wenn wir deutschen Juden so wären, wie diie Angeklagten auf Grund der von ihnen gleich einem Evangelium gläubig verehrten „Protokolle der Weisen von Zion“ und ähnlich wertvollen Erkenntnisquellen uns hinstellen, wenn wir wirklich „jüdische Politik“ zur Vernichtung Deutschlands treiben wollten, dann dürften wir diesen Prozeß freudig begrüßen; denn seit dem Mord an Rathenau hat nichts dem deutschen Ansehen im Inland und Ausland so schweren Abbruch getan, als die in diesem Prozeß offen gelegten Handlungen derer, die sich wortgewaltig rühmen, Deutschlands beste Männer zu sein. Doch da wir deutschen Juden jenem Zerrbild so wenig gleichen, als Ludendorff, den die Verteidiger abwechselnd als „Deutschlands größten Sohn“ und als „größten Feldherrn aller Zeiten“ priesen* sich mit dem weltumspannenden Menschentum Goethes oder der bezwingenden Bescheidenheit eines in stiller Arbeit zum Erfolg getragenen Hellmuth von M o 11 k e vergleichen darf, so können wir als Deutsche und Juden den Novemberputsch und seine gerichtliche Behandlung nur mit schmerzlicher Beschämung betrachten, wie auch der Spruch fallen mag, der bei Niederschrift dieser Zeilen noch nicht verkündet ist. Was wir zu dem Prozeß zu sagen haben, ist nicht wesensversebieden von dem, was jeder Deutsche darüber denkt, dem nicht Machtwahn und Götzendienst an einem übersteigerten Vaterlandsbegriff den klaren Blick trübt. Hitler und seine Mitangeklagten versicherten, sie hätten nicht Hochverrat verüben, sondern die „Deutsche Frage lösen“ wollen. Wir waren der, offenbar irrigen Meinung, daß diese Frage, mit der sich Deutschlands beste Söhne, die Demokraten von 1815 bis 1870 gemüht hatten, unter Bismarck bereits gelöst sei und daß, so viel uns auch von Bismarcks Werk durch Krieg, Zusammenbruch und Revolution verloren gegangen, das Kostbarste und Wesentlichste, die Deutsche Einheit durch alle Stürme gerettet worden sei. Wir glaubten, daß alle Arbeit zur Befreiung Deutschlands von äußerem Zwang und innerer Not, auf dem ans dem Zusammenbruch geretteten staatlichen Bestand aufgebaut werden müßte. Hitler und die Seinen dagegen hielten sich für befugt, um ihrer zweifelhaften Rettungsversuche willen, die Einheit des Reichs durch ihren phantastischen Marsch nach Berlin der denkbar schwersten Belastungsprobe auszusetzen. Zugegeben, daß ihre Absicht nicht auf Sprengung des Reichlsverbandes ging, wie sie es ihren Gegenspielern vorwerfen. Das ist auch der Grund, warum die deutschen Juden, würden sie nicht durch den Rassenbochmut und die Gewaltmethoden der Völkischen ständig zurückgestoßen, noch eher die Richtung Ludendorff gutheißen könnten, als die der anderen vaterländischen Verbände, die unter dem Vorwand, die marxistische Reichsregierung zu bekämpfen, in ihrer scheinföderalistischen Betonung der „Staatspersönlichkeit“ Bayern* dem Reich seine Lebensnotwendigkeiten versagen. Wären die ehrlichen und hingebenden Anhänger des Reichsgedankens, die unter den Völkischen jedenfalls überwiegen, nicht durch Schlagworte und Vorurteile verblendet, so hätten sie längst erkennen müssen, daß die durch Beruf, geistige Beweglichkeit, politische Schulung einer engen K antön li-Politik abholden Juden mit die stärksten Träger des deutschen Einheitsgedankens von jeher waren und1 in allen Stürmen der Nachkriegszeit geblieben sind. Den Streit zwischen Hitler und Kahr, darüber, wie weit Kahr den Kampfbund über seine Bereitwilligkeit zum Marsch nach Berlin getäuscht hat, wie weit Kahr vom Kampfbund vergewaltigt wurde, zu entscheiden, ist nicht unseres Amtes. Jüdische Sympathien zu erwerben, hat sich Kahr nie bemüht. Seine Ankündigung, bei seiner Amtsführung sich nur auf Männer deutschen Stammes zu stützen, seine Ausweisungspolitik, die rücksichtslose Unterdrückung des jüdischen Echo, die er auch nicht aufgab, als er auf Verlangen des Landtags die deutschvölkischen Blätter wieder erscheinen ließ, Gezeichneten seine Stellung deutlich genug. Gleichwohl mußten es die bayerischen Juden anerkennen, daß er sich bis zum Hitlerputsch mit Erfolg bemühte, äußerlich Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten und daß er damit, von einzelnen Ausschreitungen abgesehen, auch die Sicherheit des Lebens und des Eigentums der Juden wahrte. Die Staatsautorität freilich, von der er so viel sprach, wußte er nicht zu wahren. Hat je eine Behörde, die wirklich Autorität besaß, sich statt auf ihre Machtmittel, auf Ehrenworte von aufruhrlustigen Untertanen verlassen, sie würden bis'zu dem oder jenem Zeitpunkt, bis zum Eintritt der oder jener Voraussetzung nicht losschlagen? Wie sollte sie auch die Empörungsgelüste bewaffneter Verbände zähmen können, wenn sie selbst mit ihren politischen und militärischen Führern über normalen und anormalen, legalen und anderen Weg zum Sturz einer ihr unerwünschten Reichsregierung verhandelte? So ist der Generalstaatskommissar kaum freizusprechen von Schuld daran, daß er die Kampfverbände so hoch kommen ließ, daß er sie dann nur noch mit Waffengewalt mederhulten konnte. Gewiß ist es unsagbar traurig, daß es zum blutigen Kampf kommen mußte. Doch dieselben Angeklagten, die sich in Empörung darüber nicht genug tun konnten, daß die Polizeiwehr auf Volksgenossen schoß, hätten doch begeistert den Marsch nach Berlin angetreten, obwohl sie damit rechnen mußten, daß er auf Widerstand Andersgesinnter stoßen und vielleicht vie,l blutigere Opfer fordern würde, als der kurze Zusammenstoß vor der Residenz. Aber freilich, da wäre ja auf Novemberverbrecher und Marxisten