Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 49 (14.12.1923)
- Date
- 1923-12-14
- Page
- Seite 511 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 Das Jüdische Echo 511 jagt hatten. Und einmal sah ich — ich weiß nicht, ob im Traum oder wachend — beim Mondschein in einer Sommernacht Scharen von kleinen Zwergen in süßer Ausgelassenheit von dem grünen Hügel, auf dem das Haus meines Onkels stand, herunter kommen und sich unter Lachen in dem nahen Wald zerstreuen. Am nächsten Tag lief ich die ganze Zeit im Walde herum, um die schönen kleinen Zwerge aufzusuchen und mit ihnen zu spielen. Und es war eines Tages — und jedes „und es war“ bedeutet ein Leid —, da kam mein Vater vom „Markt“ zurück und brachte ein rotes, mit schwarzen Buchstaben bemaltes Blatt mit: das Alphabet für Kinder. Tags darauf saß ich beim „Behelfer“ des Dorfes, einem häßlichen Burschen, an einem langen Tisch vor jenem bemalten Blatt; er nahm meinen kleinen Hals zwischen zwei Finger, zeigte mir mit dem „Teitel“ die Figur eines „Tragjoches mit zwei Eimern“, würgte mich und schrie: „Mamser, sag: das ist ein Aleph“. — Ich war höchst bestürzt über den mich würgenden Burschen und über das Aleph, und entlief weinend nach Hause. Meine alte Amme, eine dürre, zahnlose Goite, nahm meinen Kopf zwischen ihre Knie, begann mein Haar zu streicheln, und verfluchte dabei den scheußlichen „Lehrer“ mit ungeheuerlichen Flüchen. Möge sie so beruhigt leben, wie sie mich damals beruhigt hat! Ein Frühlingstag — und ich sitze mit der ganzen Familie auf einem Wagen, inmitten von Möbeln, Kleidern, Betten und Kissen, eine rote Kuh ist hinten am Wagen angekoppelt — und so fahren wir durch Felder und Wälder, die sich unendlich weit hinziehen. — Nun lichtet sich der Wald. Magere, junge Birken; niedrige Eichen breiten ihre Zweige über die Erde. Scharfer Harzgeruch; die saftige Frische des Frühlingsbeginns. Die Kuh dreht ihren Kopf nach rückwärts, dem Dorfe zu, und brüllt vor Sehnsucht. Wohin, Mutter? In die Stadt, Liebling, dort wohnt Großvater. Wir wohnten aber nicht in der Stadt drinnen, sondern am Eingang. Unser neues Haus stand in einem Vorort, entfernt von der Stadt, ganz nahe am Walde. Wieder Getreidefelder, dichtbelaubte Bäume, Vögel und Nester, ein alter hohler Gerberbaum, mit einem Bienenstock drin ... Das Nachbarhaus, vor dem viele Fässer mit Pech stehen; zwei, drei Gefährten. Nun der Cheder. Ein dummer und schmutziger Kinderlehrer mit schwarzen, brennenden Augen; sein Weib treibt Handel: tags geht sie mit Körben voll Eier und Hühner hausieren, nachts schleißt sie Federn und spinnt Flachs ... Flüche, Schläge, Häßlichkeit, Schmutz und Ekel. Und im Hause meines Vaters Armut und Kümmerlichkeit ... In den Stunden, die uns vom Cheder frei bleiben, streifen meine Kameraden und ich im Wald herum, pflücken Beeren, Pilze und Blumen, suchen Nester und junge Vögel auf den Bäumen und Schlangen, Maulwürfe und Igel in Gräben und Löchern, die mit Sträuchern und Dornen, Kräutern aller Art überwachsen sind; oder angeln im Titirow nach Weißfischen; oder gehen ins nahe Dorf zu einem unserer Kameraden und trinken dort warme Milch frisch weg vom Euter der Kuh beim Schein der untergehenden Sonne; oder wälzen uns auf den Misthaufen oder dem Sand des Flusses ... Dann kam ich zu dem „Lehrer mit gemischten Klassen“, einem wohlgestalteten, angenehmen Menschen von edler Seele und reinem Sinn, dessen Lieblingsbeschäftigung es war, „Misrachs“ u. dgl. zu malen. Sein einziger Sohn konnte auch Menschen, Tiere und Vögel malen. Wir lernen jetzt Chumesch mit Raschi, Thillim, Gesänge — „die Schechina ruht“ auf unserer kleinen, fröhlichen Schar. An den Sommersabbathen gehen ich und meine Freunde aufs andere Ufer, und dort auf der großen grünen Wiese beteiligen wir uns nach besten Kräften an den Kämpfen der großen Burschen der zwei Vorstädte, unserer und der gegenüberliegenden. Manchmal sind wir vom Kriegsschauplatz mit einem richtigen verbeulten Auge oder ausgeschlagenen Zahn zurückgekommen. Da erkrankte mein Vater, der von Natur aus gesund und stark w_ar wie eine Eiche, an einem langwierigen Leiden. Die Armut wurde immer größer; und eines Nachts erwachte ich von dem Schreien meiner Mutter — der Vater war gestorben. Klage, Begräbnis, Trauer — und Armut, Armut. Die Mutter setzte alles daran, um ihre drei Waisen von ihrer Hände Arbeit zu ernähren; aber es ging über ihre Kraft, und so brachte sie mich zu meinem Großvater, der damals schon verwitwet war. Er wohnte am entgegengesetzten Ende der Stadt, ebenfalls in einer Vorstadt; er war gegen dreiundsiebzig Jahre alt, und ich sieben bis acht! Im Hause lebte niemand außer mir, den Großvater und einer alten Magd ... Sehnsucht, Sehnsucht und Schmerz in meinem kleinen Herzen, ein stummer Schmerz, der sich selbst keinen Raum wußte. Und einmal, nach einer Nacht voll furchtbaren Heimwehs, geheimer Angst und verhaltenem Weinen — stand ich mit Sonnenaufgang auf und lief davon. Ich floh zu meiner Mutter. Nahm das kleine Kleiderbündel auf die Schulter und ging fort. Wie ein tapferer Held kam ich mir vor. Gewiß würden sie mich verfolgen!... Die Krämer kommen zum Vorschein, die Läden werden geöffnet; die Stadt erwacht; Morgenbetrieb, die Sonne scheint — ich bin frohen Mutes und lache unter Tränen. Na, Bürschchen, wohin gehst du? fragt mich ein Jude, der einen Korb voll glänzender Butter trägt; er hat offenbar in meinem frühzeitigen Wandern und dem Bündel auf der Schulter etwas Verdächtiges bemerkt. „Zu meiner Mutter, Herr Jude, zu meiner Mutter, sie wohnt weit, weit weg von hier.“ Die Mutter fällt mir um den Hals und weint; dann gibt sie mir einen Milchbrei zu essen — und schickt mich wieder zum Großvater zurück. (Übersetzt von F. G.) Zu beziehen durch die „Ewer“-Buchhandlung, Ottostraße 2. Gemeinden-u. Vereins-Echo Verband iüd. Jugendorganisationen Münchens. Wir machen auf die am Mittwoch, den 19. Dez., abends 7 Uhr im Bibliotheksaal der Gemeinde stattfindende Blau-Weiß-Feier aufmerksam. Blau-Weiß München. Im Saale der Concordia, Prannerstraße 4, ist am Montag, den 17. bis Donnerstag, den 20 Dez. täglich von 5—7 Uhr ein von Blau-Weißen verfertigtes Modell „Blau-Weiß- Werkstätten“ zur Besichtigung ausgestellt. Wir laden hiezu alle Interessenten ein und machen auf die sehr bemerkenswerte Arbeit besonders aufmerksam. Jüd. Jugendverein. Montag, den 17. Dez., abends 8 Uhr Vortrag von Frau Dr. Fränkel-Ehrentreu über „Weltbürgertum und nationale Idee im Judentum“. Gäste herzlich willkommen. Fußballabteihing des Turnu. Sportvereins Bar Kochba. Trotz dieser schweren Zeit war unsere