Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1923-12-14 · 49 (14.12.1923) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
49 (14.12.1923)
Date
1923-12-14
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9103029-9148104--05917-9078608
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das Jüdische Echo Nummer 49 14. Dezember 1923 10. Jahrgang Die bedenklichen ostjüdischen Elemente Seit zwei Monaten hat die bayerische Regierung eine Haupt- und Staatsaktion gegen etwa 250 durchwegs jahrzehntelang in München ansässige ostjüdische Familien eingeleitet, von denen ein kleiner Teil auf Grund der Ausweisung Bayern bereits verlassen hat, während die übrigen in der größten Ungewißheit über die Weiterentwicklung ihres Geschickes leben. Eine hemmungslose behördlich vielfach geförderte Propaganda (man braucht nur daran zu denken, wie da und dort im Polizeibericht der Begriff Ostjude oder polnischer Jude wirkungsvoll hervortrat) hat bei der Bevölkerung die Meinung entstehen lassen, daß München von einer zigeunerartigen Menschenhorde überschwemmt sei und man konnte daher auf größten Beifall der Menge bei der Ausweisungsaktion gegen die Ostjuden rechnen. Wie außerordentlich überrascht waren aber die vielen angesehenen Münchner Bürger „deutschen Stammes“, als sie bemerkten, daß diese oder jene jüdische Familie, die sie selbst schon jahrzehntelang kennen und von der sie nie das Empfinden hatten, daß sie etwas Fremdes in der Stadt seien, von der Ausweisung betroffen wurde und daß dies die „bedenklichen ostjüdischen Elemente“ sein sollen. In der Tat haben die Behörden nach unserer Kenntnis (und es ist uns ein äußerst umfangreiches Material bekannt) kaum in einem Falle in ihren Ausweisungsgründen ernstliche Vergehen, geschweige denn wirklich kriminelle Straftaten anführen können. Das ist schon deswegen nicht möglich, weil in den letzten Jahren jeder ausländische Jude, der eine irgendwie nennenswerte Straftat beging, im Zusammenhang damit sofort ausgewiesen worden ist. Jedermann wird uns ohne weiteres zugeben, daß keine einzige Bevölkerungsgruppe existiert, bei der man nicht mit Leichtigkeit ein weit größeres und schwerwiegenderes Sündenregister finden würde, als das, welches die Polizei gegen die „bedenklichen ostjüdischen Elemente“ mit allen Mühen hersteilen konnte und von dem wir in unserer vorigen Nummer einen größeren Teil veröffentlicht haben. Man könnte diese Bevölkerungsgruppe nach jedem beliebigen Gesichtspunkt, nach Stadtbezirken, nach Berufsgruppen, nach Religion oder etwa auch nach Herkunft aus irgend einem Lande auswählen. Es ist schließlich auch sehr schnell klar geworden, daß diese Ausweisungsaktion gegen Menschen, die seit vielen Jahren hier leben und in der jüngeren Generation durchwegs hier geboren wurden, nicht aufrecht erhalten werden kann, wenn man nicht alle Grundsätze der Kultur und Menschlichkeit fallen lassen wollte. Insbesondere zeigten sich bald Wirkungen auf das Ausland, die für die deutschen Interessen außerordentlich bedenklich sind und, wie wir hören, haben die Reichsbehörden, die mit der Wirkung dieser Interessen betraut sind, auf den außerordentlichen Schaden, den die bayerische Ausweisungsaktion anzurichten geeignet ist, aufmerksam machen müssen. Beachtenswert sind auch die Zusicherungen, die nach Meldungen aus Warschau von der Reichsvertretung dort gegeben wurden und von denen immer noch unklar ist, wie weit die bayerische Regierung sie deckt. In Polen besteht die große Gefahr, daß dort wohnende Deutsche in Ausführung von Vergeltungsmaßnahmen ausgewiesen werden und in Amerika und England, wo die Sympathien für Deutschland immer reger und aktiver wurden, droht die bayerische Aktion sehr zu schaden. Statt nun eine Maßregel, die vom ersten Augenblick an das denkbarste Unrecht war, fallen zu lassen und die Bedrohten der ruhigen Ausübung ihres Berufes zurückzugeben, bleibt die ganze Aktion in Schwebe, Hunderte von Menschen befinden sich in den größten Ängsten und die Schädigung der deutschen Interessen im Ausland wirkt weiter. Auf der anderen Seite sind die Deutschen in Polen von Unruhe über die ihnen drohenden, durch die bayerische Aktion verursachten Gefahren, erfüllt. Lediglich die Münchener zuständigen Behörden scheinen über diese Wirkungen wenig besorgt zu sein und gedenken offenbar ein begonnenes Unrecht auszuführen, gleichgültig ob es allen Gesetzen der Menschlichkeit widerspricht, gleichgültig, ob es geeignet ist, den deutschen Interessen in einem Umfange zu schaden, der schließlich in einem Mißverhältnis zur ganzen Aktion steht. Wir haben in unserer vorigen Nummer deutlich gesagt, daß wir alle Repressalien bedauern, daß es uns äußerst schmerzlich wäre, wenn deutsche Menschen im Auslande in gleicher Weise unglücklich gemacht werden, wie es hier ausländischen Juden geschieht. Aber ganz von dieser Perspektive abgesehen, müßten die bayerischen Behörden sich aus Gründen, die nicht in der Gewalt anderer Staaten, sondern in der eigenen Einsicht und in den internationalen Gesetzen der Menschlichkeit liegen, entschließen, all diejenigen ausländischen Juden, die nichts verbrochen haben — um es nochmals zu betonen: dies trifft nach unserer Kenntnis auf alle Ausgewiesenen zu — darüber zu beruhigen, daß sie nicht unschuldigerweise zu Opfern des Judenhasses gemacht und daß sie in ihrer friedlichen Existenz nicht weiter gestört werden sollen. Dieses befreiende Wort ist nötig im Interesse der Menschlichkeit, im Interesse des deutschen Staates und im Interesse nicht zuletzt hunderter, unschuldig gequälter Menschen. Das Husland zur Judenhetze in Deutschland Die Ausschreitungen gegen Juden an verschiedenen Stellen Deutschlands und in erster Linie die eingeleitete umfangreiche Ostjudenvertreibung haben in der ganzen Welt das größte Aufsehen erregt und dem deutschen Ansehen außerordentlich geschadet. Deutschland ist mit diesen Vorkommnissen in eine Reihe von Staaten eingerückt, mit denen es bis dahin gewiß nicht die gleiche Kulturstufe zu teilen brauchte. Vielleicht ist dies auch der Grund, weshalb die öffentliche Meinung in den meisten Ländern der Welt sich so stark gegen die antisemitischen Vorkommnisse in Deutschland wendet. Es ist doch noch sehr ungewohnt, daß ein Kulturstaat zum Schauplatz dieser Ereignisse wird, es ist doch ein Novum, selbst in unserer gewiß nicht sehr schönen Zeit, daß ein Kulturstaat antisemitische Maximen zur Grundlage von Verwaltungsmaßnahmen macht, und wenn nicht ausschließlich, so doch größtenteils eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.