Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 42 (19.10.1923)
- Date
- 1923-10-19
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Numnler 42 15. Oktober 1923 10. Jahrgang Alfons Paquet: Die Völker und die Juden*) (Aus eine .... Aus dem instinktiven Vorgefühl der Weltsituation, in der die Völker und die Juden heute stehen, entstand der Zionismus. Vom Juden her gesehen ist der Zionismus ein Gefühlsausbruch, ein irrationaler Vorgang. Er entspricht jener Heimkehr nach Jerusalem, als sich in der babylonischen Verbannung zum Entsetzen der Propheten das jüdische Volk von Ackerern und Gärtnern in eine Schar von Handeltreibenden verwandelte und sich in alle Örter der damaligen Welt zu zerstreuen begann. Auch von den Völkern her gesehen, ist der Zionismus ein irrationaler Vorgang. Die Losungen des Zionismus sind so verschieden, wie sie sich an alle Schichten des Judentums wenden, an die besitzenden und an die nichtbesitzenden, .an die gedrückten und an die freien, an die politischen und an die unpolitischen, an die religiösen und an die nicht religiösen, an die des Abendlandes und an die des Morgenlandes. Der Zionismus wird aus unendlich verschiedenem Zweifel als lebendig empfunden und aus unendlich verschiedenen Gründen immer wieder für tot erklärt. Aber über alle Formen und Motive des zionistischen Weges, über die unzähligen Hemmungen, die von innen und außen kommen, schreitet die Bewegung. Heute erscheint sie in der Parallele zu dem erwachten Nationalismus der Völker, morgen als die aus dem Innersten einer Volksganzheit geborene Tat, deren Sinn es ist, Übereinstimmung, Vertrauen, Gerechtigkeit zwischen den Völkern herzustellen. Sie erscheint als ein heiliger Versuch, jenen Staat vorzubilden, der nicht mehr das Haus aller dämonischen Plagen sein wird, sondern eine Gemeinschaft, die Stämme, Sekten, Anschauungen, Landsmannschaften unter dem Dach des einen Tempels sammelt und in sich ein Stück der homogenen Menschheit ist. Über allem Zeitlichen und auf die Dinge des Weges Bezogenen, das sich in der Politik des Zionismus ausspricht und den Zionismus überhaupt zur Politik macht, steht doch die Möglichkeit, die Linie des Perikies, des Augustin, des Comenius, des William Penn fortzusetzen; die Aufgabe des jüdischen Staatsmannes erscheint als die geistigste unter allen staatsmännischen Aufgaben der Welt, sie führt geradewegs zur Amphiktyonie, sie setzt an die Stelle des menschlichen Oberhauptes den *) Soeben ist Heft 9 des „Juden“ erschienen, aus welchem wir hier den Schlußabsatz eines sehr bemerkenswerten Essays von Alfons Paquet abdrucken. Dieses Heft gibt uns neuerdings Anlaß, unseren Lesern diese gediegenste jüdische Zeitschrift in deutscher Sprache wärmstens zu empfehlen. Wenn unter den heutigen Verhältnissen allgemeine Zeitschriften schwer um ihre Existenz ringen, so bedarf es naturgemäß ganz besonderer Anstrengungen, um einer jüdischen Zeitschrift vom Niveau des „Juden“ über die materiellen Bedrängnisse der Zeit hinwegzuhelfen. Es wäre ein ganz außerordentlicher Verlust, wenn der „Jude“ dieser Zeit zum Opfer fiele und wir fordern alle, die Interesse für Förderung geistigen jüdischen Schaffens in deutscher Sprache haben, auf, selbst den „Juden“ zu abonnieren und für Aufsatz) Namen Gottes. Die Bausteine zu dem neuen Staate liegen unbehauen umher, aus Zusammenbrüchen gelockert, aus Verwerfungen übrig geblieben. Von dem heterogenen Staat, der die Völker sammelt, erscheint das zionistische Werk als ein Vorzeichen, zuweilen als eine ganz unbeholfene, blasse Skizze. Einerlei, er kann garnichts anderes als ein Stück von einem Anfang sein. Der Jude ist weniger als die Völker der Gefahr ausgeliefert, den Einfluß eines Gedankens nach der Zahl seiner Bekenner abzumessen. Das Geschwätz, das den Weg des Judentums durch die Völker begleitet, wechselt nach den Konstellationen. Ist der Weg notwendig, so reihen sich seine Abschnitte rasch aneinander, jeder einzelne ohne Bestand, alles ein Übergang wie die Zeit selber; auch die Vielheit der Völker besteht ja nur in der Zeit, aber ohne sie wäre jedes einzelne ohne Dimensionen. Die Gegenwart offenbart die Relativität auch der mächtigsten Staaten; wie lange noch, so wird jedes einzelne Volk gezwungen sein, den Gedanken seines Staates noch einmal zu denken und das Seiende mit allen seinen Fiktionen in die bare Wirklichkeit umzuschmelzen. Wir kennen nicht die Bedeutung des jüdischen Weges unter den Völkern, aber in den Wirrnissen des europäisch-christlichen Geschichtsabschnittes ging die Möglichkeit zur messianischen Bedeutung dieses Weges nie verloren. Handelte es sich bei der Rückwendung nach Palästina nur darum, eine Machtstelle aufzurichten, die etwa der des Vatikans oder einer der großen Logen entspricht, so hätten jene Recht, die sagen, daß es dazu des Opfers der Armen nicht bedürfe; solche Ziele seien auch zu erreichen ohne das gefährliche, fast aussichtslose Werk der Wiederaufrichtung. Handelte es sich nur um eine neue Festigung des jüdischen Volkes in seinem Ausgesondertsein, in seiner „schwebenden Sendung“, so hätten jene Recht, die sich in der Treue zum Gesetz genügen und die Geschäftigen verdammen. Aber es handelt sich nicht um die Macht, sondern um den Frieden. Es handelt sich im Zionismus nicht um den alten Ausschluß, sondern um einen Aufbruch, um den Gehorsam der Einzelnen. Den erblindenden und frierenden Völkern strahlt aus dem jüdischen Glauben, der zur Tat wird, bereits etwas wie die ihn zu werben. Inhalt des Heftes 9: Alfons Paquet, Die Völker und die Juden — A r j e h Tartakower, Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus — Jakob Fichmann, Zwei Eiferer — Heinrich Berl, Die Wiederherstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik — Erich Toeplitz, Jüdische Archäologie und jüdische Kunstwissenschaft — Franz Rosenzweig, Seele (aus dem Hebräischen des Jehuda Halevy). Bemerkungen: Hans Kohn, Stimmen. Umschau: Oskar Wolfsberg, Der Tod. — Ab o n n e m e n t s p r e i s e pro Quartal: Deutschland Grundzahl 3 Mark (mal Zeitschriftenschlüsselzahl des Börsenvereins). Zu beziehen durch die „Ewer“-Buchhandlung München oder durch den Jüd. Verlag, Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35.