Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 38 (21.9.1923)
- Date
- 1923-09-21
- Page
- Seite 454 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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454 Das Jüdische Echo Nr. 38 Mir gleitet unversehens der Name Tolstoi von den Lippen, er lehnt gar zu engen Zusammenhang ab: „Wir kennen Tolstoi natürlich, aber wir sind keine Asketen. Wir wollen glücklich werden und sind es von Jahr zu Jahr mehr, je größer der Fortschritt ist, den unsere Siedlung macht. Jeder von uns sucht das Glück auf seine Art. Wir, hier in Dagania, wir leben in enger, strenger Gemeinschaft. Vor kurzem haben einige von den Gründern unserer Farm sich anders entschieden und sind fortgegangen. Sie siedeln sich jetzt in Nahalal an. Waren Sie schon dort?“ „Ja, vorgestern. Nahalal ist freilich etwas ganz anderes als Dagania. Dort gehört wohl das Land dem nationalen Fonds, aber jeder der Siedler oebaut und bewirtschaftet abgesondert seine hundert Dunam wie ein Kleinbauer. Nur der Einkauf des Bedarfes und der Absatz der Produkte werden gemeinsam besorgt. Die Leute von Nahalal halten diese Art der Wirtschaft für die zukünftige Besiedlungsform des Landes.“ „Alles muß ausprobiert werden. Wir verfolgen die Arbeit unserer alten Kameraden ohne Groll, sie sind unsere Freunde geblieben. Als ihre Stallungen fertig waren, haben wir ihnen unsere schönsten Kühe als Geschenk hinübergeschickt und Bruteier unserer besten Hühnerrasse.“ Dann zeigt er mir sein Zimmer, einen zweifenstrigen, lichten Raum; der Druck einer Michel- Angelo-Zeichnung und zwei Dürer-Hände hängen an der Wand; hier wohnen Mann, Frau und Kind, die Kleine spielt jetzt unten im Kindergarten der Farm. Vor solchen Worten, vor solchem Anblick schweigt die Frage: Bist du Sozialist oder glaubst du, daß die freiwirkende Leistung des starken Einzelnen mehr „Glück für alle“ ausstrahlt? Dieser David Schmetterling, seine Worte, sein Zimmer, sein Leben, sind nichts Außergewöhnliches. So sind sie alle. Manche von ihnen kommen aus bürgerlichen Häusern, viele aus einem geistigen Beruf, alle haben den Wandel literaturfern, restlos vollzogen. Sie haben alle Fatalitäten der Rasse abgestreift, sie wohnen zwei, drei Jahre in Zelten und kämpfen einen mühevollen Kampf gegen Steine und Fiebersümpfe. Und wenn der Sumpf trocken ist und die Steine am Ackerrand aufgeschichtet liegen, sind sie anders geworden, ein anderes Volk. Vielleicht wäre in einem anderen Land ohne Sumpf und Stein die Ansiedlung billiger, die Arbeit leichter, aber dann wären nicht diese Menschen hier, dann wären es Kolonisten schlechtweg, ohne den Schwung der Idee, die hier Wunder schafft. Allmonatlich kommen tausend junge Pioniere ins Land. Manche sind ungeschult und beginnen mit Steinklopfen, beim Bau von Straßen, als Maurer, als Zimmerleute. Die sich der Landwirtschaft widmen wollen, machen zu Hause gründliche Vorbereitung durch; in der Ackerbauschule von Ahlen bei Hannover, im badischen Markenhof, auf dem Lehrgut Halbe in der Mark, die Tschechen in Leitmeritz. Ist die Schule beendet, so steht der Chaluz als Arbeiter ein, in einer gutgeführten großen Wirtschaft oder bei einem Bauern. Man weiß wenig in Europa von alledem, von diesem Ernst, von der Gründlichkeit solchen Trainings. (Im vorigen Jahre suchte zur Erntezeit ein Landwirt in Oberösterreich Aushilfskräfte. Zehn Mann schrieben aus Wien und versprachen, am nächsten Tage zu kommen. Wie überrascht war dieser gut deutsche Agrarier, als er am Morgen übers Feld ging und dort unter seinen Leuten zehn schwarze Juden erblickte.) In Palästina empfängt den Chaluz, wenn er zu Schiffe ankommt, der Pförtner des heiligen Landes, der liebenswürdig-handfeste Joshua Gordon. Er bringt ihn ins Camp von Tel-Awiw; hier muß er warten, bis sich eine Arbeitsstätte findet. Das erste Stadium ist meist Lohnarbeit. Dann setzt sich der Tag in der Bewährungsstation einer kleinen Gruppe fort, die auf Pachtgründ ein paar Jahre zeigen muß, was sie kann. Das Ziel ist, wirklicher Siedler zu werden; einsprlngen aul einen freien Platz einer bestehenden Farm oder mittun dürfen beim Urbarmachen von Neuland. Ist nach vieljähriger Mühe Auskommen und Seßhaftsein erreicht, so kennt der Siedler nur den Wunsch: den Boden zu bessern, auf dem einst sein Kind das gleiche Werk tun soll. Arbeit ist hier keine Last, Arbeit finden heißt arbeiten dürfen. In Palästina ist Arbeitslosigkeit etwas anderes als in Europa. Sie ist nicht schlechthin materielle Not, da der Satz, in Palästina sei noch keiner verhungert, mehr als sprichwörtlichen Sinn hat; in allen Krisen hat irgendein Fonds der äußersten Not noch immer gesteuert. Keine Arbeit finden heißt ausgeschlossen sein. Deshalb geht das Drängen zur Arbeit in Palästina oft seltsam gewundenen Weg. Eine Abordnung der Gewerkschaft spricht beim Vertreter der englischen Regierung vor: es seien 500 Arbeitslose im Land, die Regierung solle Notstandsarbeiten vergeben. — Aber England spart. „Es geht nicht,“ erwidert nach diplomatischem Umweg der Engländer. „Wir haben kein Geld". „Geld ist das wenigste,“ repliziert der Gewerkschaftsführer. „Die Leute wollen Arbeit! Wenn es sich nur um Geld handelt, würden wir der englischen Regierung Kredit geben.“ „Wie denn? Ihr habt Geld?“ „Nein. Wir haben kein Geld. Aber wenn Sie uns einen Auftrag gäben, Sir, würden wir uns das leihen, was zur Löhnung nötig ist. Dazu würden wir Geld bekommen. Ihre Regierung, Sir, hat Kredit. Wir würden ihn gerne in Anspruch nehmen, wenn unsere Leute nur arbeiten dürfen!“ Der vergleichende Blick wird auf die weihelose Praxis des europäischen Arbeiterführers gezwungen. Er hat im „Umsturz“ den Genossen „Vorteile“ errungen. Hier schafft der „Aufbau“ — „Glück“. In Europa: die „Partei“ als Idol, der Lohn als Stachel, Abtötung des Geistigen. Hier: die Idee ist alles, Arbeit — Religion, der Führer — am Pflug. Wo ist — Sozialismus?! (Ziko) Gemeinden-u. Vereins-Echo Gesamtausschuß der Ostjuden. Um unseren armen Brüdern in München wenigstens einigermaßen helfen zu können, bitten wir um getragene Kleider und Wäschestücke jeglicher Art. Dieselben werden entgegengenommen in unserem Büro: Reichenbachstraße 27, zwischen 4—5 Uhr nachmittag. — Am Samstag, den 29. September, abends 8 Uhr, findet in der Reichenbachstraße 27 eine allgemeine Generalversammlung mit Neuwahl der Vorstandschaft statt. Hiezu laden wir alle in München wohnenden Ostjuden ein. Jüdische Arbeitsgemeinschaft München. Unser nächster Abend, Samstag, den 22. September: Vortrag von Herrn Jakob Reich. Näheres siehe Inserat. Jüdischer Sportverein. Am Sonntag, den 23. September 1923, vormittags VslO Uhr, findet auf