Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 36 (7.9.1923)
- Date
- 1923-09-07
- Page
- Seite 433 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 Das Jüdische Echo 433 ist man vor Jomkippur. Da kommt ganz unerwartet die Nachricht, der Rabbi wolle am Jomkippur in den Tempel kommen. Der Rabbi von Brody! Der Uralte, der schon seit Jahren sein Kohlenfeuer nicht mehr verlassen hat: Nun vereinigt das Gotteshaus wieder die ganze Gemeinde, aber noch immer sitzen die Parteien streng getrennt. Zwischen ihnen klafft ein Spalt, als wäre ein Schwert durch sie gefahren. Jomkippur!—Weiß ist der Vorhang des Allerheiligsten, weiß ist die Thorahülle, mit weißen Tüchern ist die Empore verhängt. In weißen Gewändern stehen die Betenden. In ihren Sterbehemden stehen sie da, in denselben Kleidern, in denen sie einst vor Gottes Stuhl treten werden. Ihre Seelen ringen im Gebet. „Owinu, Malkenu, unser Vater, unser König, wir haben gesündigt vor Dir!“ — Fortgelöscht sind alle Unterschiede. Der gleiche Gebetsmantel umwallt den reichen Vorsteher ebenso, wie den ärmsten Waisenknaben. Wie Brüder stehen sie da, wie Söhne eines Vaters, und derselbe Gedanke ist hinter allen Stirnen, dieselben Worte flüstern alle Lippen: „Owinu, Malkenu, unser Vater, unser König, wir haben gesündigt vor Dir!“ — Immer leidenschaftlicher wird das Murmeln, immer inbrünstiger werden die Gebete. Wird Gott das Flehen erhören, wird er die Gebete vor seinen Thron kommen lassen? Allmächtiger, noch ist es Zeit. Aber schon neigt sich der Tag. Da erhebt sich der Rabbi von Brody. Langsam, langsam, von Dienern und Freunden gestützt, besteigt der Hundertjährige die Empore. Sein Antlitz strahlt, als wäre er auf dem Sinai gewesen und hätte den Herrn geschaut. Er erhebt die Hände: „Oh Gott, und Gott unserer Väter! Was ist der Mensch, daß Du sein gedenkst der Erdensohn, daß Du auf ihn achtest! Nur eine kurze Spanne Zeit hast Du uns gewährt, auf Deiner Erde zu atmen. Womit aber füllen wir sie aus? Mit Zank und Hader, mit Haß und Streit! Mit unseren kleinlichen Leidenschaften im Herzen treten wir vor Dich, Du Herr der Heerscharen, vor dem tausend Jahre sind wie ein Tag! Allmächtiger — was hat von unseren kleinlichen Leidenschaften und Begierden noch Bestand, wenn hundert Jahre ins Land gegangen sind! Was hat von uns noch Bestand, wenn hundert Jahre verstrichen sind?“ — Totenstille. — Die zusammengeduckte Menge scheint ein einziges, beklommenes Atemholen zu sein. Ein Bann, ein schwerer Druck lähmt Alle. Was ist das auf einmal? Brennen die Lichter trüber? Warum dunkelt es so? Warum schüttelt alle ein Grauen bis ins Mark? „Was hat von uns Bestand, wenn hundert Jahre vorüber sind“, tönt es noch einmal gewaltig durch die Stille?“ — Sie heben die Köpfe. Allmächtiger Gott! Da sitzen sie in ihren Gebetsmänteln, aber geschwunden ist die fleischliche Hülle. Gerippe starren sich aus leeren Augenhöhlen an. Einen Augenblick nur — nicht länger, als ein beklommenes Atemholen dauert. — Schon flammen die Kerzen wieder auf! Bleiche Gesichter schrecken empor. Was ist geschehen? Wo war man noch eben? Kehrt man nicht zurück, wie aus einer anderen Welt? Ein Hauch des Ewigen, Unvergänglichen hat alle gestreift. Nichtig erscheint alles, was noch eben die Leidenschaften aufgerüttelt hat. Tief im Innersten erschüttert erheben sich die Verfeindeten und reichen sich zum erstenmal wieder die Hände. Milde klingt die Stimme des Rabbi von Brody über den Häuptern der Versöhnten: „Richtet nicht einer den andern. Zürnt nicht einer dem andern. Wir sind doch alle nur ein Hauch.“ Gemeindenu. Vereins-Echo Bekanntmachung Für die zahlreichen und namhaften Spenden, die uns zwecks Enthebung von schriftlichen Beglückwünschungen anläßl. des Rosch-Haschanah-Festes von allen Seiten zugegangen sind, sprechen wir hiermit unseren herzlichsten Dank aus. Gleichzeitig gestatten wir uns, darauf hinzuweisen, daß Spenden noch bis Montag, den 10. September, mittags 12 Uhr entgegengenommen werden. Die Liste liegt bei der Gemeinde bis zum Schluß der hohen Feiertage zur Einsicht auf. München, den 6. September 1923. Das Komitee für Enthebung schriftlicher Beglückwünschung Verband jüd. Jugendorganisationen Münchens. Ab nächsten Samstag ist die Herberge im Landheim Wolfratshausen wieder geöffnet. — Die Übernachtungsgebühr beträgt 5 Pfennig X Eisenbahnschlüsselzahl. — Wir ersuchen um möglichst baldige Anmeldung bei Weißbart. — Vertretersitzung: Donnerstag, den 13. September 1923 abends 8 Uhr Rückgebäude Gemeindehaus. Bar Kochba München. Ab Donnerstag, den 13. Septbr., wird der Turnbetrieb wieder aufgenommen. Es turnt die Mädchenabteilung Dienstag von 7—9 Uhr, die Damenabteilung Donnerstag von 7—9 Uhr in der Schwindschule. Sämtliche Turnerinnen werden dringend aufgefordert, von nun ab wieder regelmäßig am Turnboden zu erscheinen. Jüd. Arbeitsgemeinschaft. Nächster Abend Samstag 8.15 Uhr Bibliotheksaal der Gemeinde. Nürnberg. Nürnberg ist um eine Sensation reicher, die „deutsch-völkischen“ Juden sind wieder um einige Illusionen ärmer geworden. Der sogenannte „Deutsche Tag“, von dem man sich in manchen, oft genug gekennzeicheten, Kreisen der Stadt- und Landbevölkerung so viel versprochen hat, ist vorüber. Wir wollen schon damit zufrieden sein, daß es hauptsächlich infolge der vorbildlichen Zurückhaltung der nicht „schwarzweiß-rot Denkenden“ nicht zu schweren Ausschreitungen kam, wenn auch die Eier nicht, wie soviele Naivlinge glaubten, auf 5 Pfennige das Stück zurückgegangen sind und die Butter immer noch etwas mehr als eine Mark kostet. Wir wollen auch keine Betrachtungen über den Geruch der „Krieger“ anstellen, die „Hakenkreuz am Stahlhelm“ das „Erhardtlied“ im Munde und Limburgerkäse im Rucksack die Straßen kreuz und quer durchzogen, in der Art, wie sie das Nürnberger Hakenkreuzorgan, „Der Stürmer“, über den Knoblauchgeruch bei jüdischen Tagungen in seiner letzten Nummer so geschmackvoll gebracht hat. Wir hoffen nur, daß dieser „Deutsche Tag“ unseren Juden, nicht nur in Nürnberg, sondern überall, wohin die Kunde von dieser „vaterländischen Veranstaltung“ dringt, die Augen öffnet über den Charakter von Verbänden, die auf solch einfache Weise das Problem der Wiederaufrichtung eines starken Deutschland lösen wollen. Durch diesen Tag ist die schwarz-weiß-rote Fahne eindeutig und offiziell der Hakenkreuzfahne gleichgestellt worden. Es verträgt sich nicht mit der Ehre eines Juden, das hat dieser Tag erwiesen, einem Verbände anzugehören, der unter einer dieser beiden Fahnen, ganz gleich für welche Ziele, kämpft, ’w Wir sind nicht so einsichtslos, die Lehre des „Deutschen Tages“ in den Wind zu schlagen. Wir kennen die Gefahr, in der heute jeder ruhig-