Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 34 (24.8.1923)
- Date
- 1923-08-24
- Page
- Seite 398 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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410 Das Jfldlsche Echo Nr. 34 BERNHARD BAUCH Schäfflerstr. 3/5 Briennerstr. 8 Telephon 21540 Telephon 21641 ELEGANTE PELZE tiven Flügel des Misrachi aufeinander. Schließlich kommt es zu einer gewaltsamen Evolution, als ein Zwischenrufer einen vom Misrachi vorgeschickten Redner als Lügner bezeichnet. Der Misrachi droht, den Saal zu verlassen, da übernimmt der Amerikaner Lipsky das Präsidium. Es gelingt ihm, die Ordnung wieder herzustellen und als nun der Antrag auf Schluß der Debatte ohne Anhörung der 30 noch auf der Rednerliste stehenden Delegierten fast einstimmig angenommen wird, geht ein Seufzer der Erleichterung hörbar durch den Saal. Nahum S 0 k 01 0 w , der Präsident der Exekutive und des Kongresses hat das Wort. Totenstill wird es nunmehr im Saal. Jeder weiß, der Mann, der nun seine Ansichten dem Plenum des Kongresses darlegen wird, ist der Mitschöpfer des Palästinamandates, der erprobte, treue Freund Weizmanns, der zähe, unermüdliche Diplomat, dessen ans Sagenhafte grenzenden politischen und sprachlichen Fähigkeiten die zionistische Bewegung so außerordentlich vieles zu danken hat. S 0 k 01 0 w spricht. Niemand im Saale, der nicht das Gefühl hat, begnadet zu sein von dem Glück, diesen Mann, der so ruhig, mit wundervollen Bildern schwierigste Dinge einfach und klar zu gestalten versteht, mit eigenen Ohren zu hören, mit eigenen Augen zu sehen. Sokolow versteht die Kunst, humorvoll zu reden ohne humoristisch zu wirken, philosophisch zu sprechen und doch dem einfachsten Manne da drunten im Saale verständlich zu sein. Er, der alle Kultursprachen vollendet beherrscht, hat auch den Geist all dieser Sprachen in sich aufgenommen und seine Rede legt Zeugnis dafür ab. Man begreift, daß dieser Mann Großes zu leisten von der Natur ausersehen ist und daß das jüdische Volk nie verloren sein kann, solange es Männern wie ihm die Leitung seiner Geschicke anvertrauen kann. Tosender Beifall folgt seinen Worten. Selbst seine politischen Gegner können sich dem Banne seiner Rede nicht entziehen, selbst sie stimmen, für den Augenblick überwältigt, in den allgemeinen Beifall ein. Drei Schläge mit dem Hammer kündigen dem Kongreß an, daß der Präsident der zionistischen Organisation, daß Professor W e i z m a n n das Wort erhalten hat. Schon steht er am Rednerpult. Zu seinen Ehren erhebt sich das Haus. Der Beifall verebbt ganz plötzlich und in die geradezu beängstigend gewordene Stille fallen unheimlich langsam und leise gesprochen die ersten Worte. Weizmann ist kein Redner, vielleicht wirkt er gerade deshalb so ungeheuer stark. Hinter jedem seiner Worte steht die Tat und deshalb spricht er, darf er sprechen, wie kein anderer. „Euer Führer ist bereit, der erste Diener der Organisation zu sein, aber nicht der letzte Hausknecht. In meinen Verhandlungen mit den Juden, die Sie hier als Plutokraten oder weiß Gott was bezeichnet haben, ist nicht ein Jota von den fundamentalen Prinzipien des Zionismus verschachert oder verschleudert worden. Als Zionist, der vielleicht auch etwas in der Bewegung geleistet hat, schleudere ich diese unwürdigen Vorwürfe mit Entrüstung denen ins Gesicht zurück, die sie mir gemacht haben. Eure Führer sind dazu hier anwesend, um gerechte Kritik anzuhören für Sünden, die sie begangen haben, aber Eure Führer sind nicht Stätten der Schuttablagerung für alle Leidenschaften von Politikern und Politikastern.“ Die ursprünglich leise Stimme ist laut und dröhnend geworden. Der Mann, der diesem Kongreß von dreihundert bewährten Delegierten und mehr als 2000 Gästen so gegenüber tritt, dem sich alle beugen, hat das Recht, von sich als dem Führer zu sprechen, er darf es, ohne auch nur den Schatten eines Zweifels. Der Mann mit dem Auftreten eines Eroberers, er i s t auch ein Eroberer. Nach der Erreichung des Mandates verlegte er sein Schlachtfeld nach Amerika und dort gelang es ihm, in unsäglicher Kleinarbeit mit Hunderten von Vorträgen und Meetings die Herzen der amerikanischen Judenheit zu besiegen und unterstützt von einer Schar treuer Mitarbeiter jene fast P/2 Millionen £ hereinzubringen, die heute den Aufbau von Erez Israel wesentlich finanzieren-. Er ist es, den Louis Marshall einen „prince in Israel“ genannt hat, er ist es, der die Verhandlungen mit all den großen „Geldjuden“ führt, die schließlich zur Gründung der neuen Jewish Agency führen sollen. Hierüber tobt ja der Kampf des Kongresses. Die Opposition hält die Zuziehung der reichen Juden unter Aufgabe gewisser Vorrechte der zionistischen Organisation für gefährlich, für undemokratisch. Weizmann sieht hierin die einzige Möglichkeit, die erforderlichen großen Mittel mit der durch die Umstände gebotenen Beschleunigung hereinzubekommen und er betont: „Zwingen Sie nicht Ihren Führer, das durchzuführen, woran er nicht glaubt.“ Und er wiederholt in drei Sprachen: „C’est ä prendre ou ä laisser. You must choice the one way or the other. Sie haben zu wählen zwischen dem einen oder dem anderen System.“ Dann werden Sie sich Ihre Entscheidung in Ruhe überlegen, Sie werden in Ihrer Weisheit Ihre Beschlüsse fassen und ich werde mich Ihren Entschlüssen beugen.“ So kann nur der Mann sprechen, der die Verantwortung spürt, die auf ihm lastet, der das Schicksal Palästinas und seiner Menschen in seine Hand gelegt weiß. Und deshalb die erschütternde Wirkung dieser Rede, die den Hörer alles vergessen läßt, was um ihn und in ihm ist. Es ist kein Genuß, Weizmann zu hören, es ist ein E r 1 e b n i s. Es ist 2 Uhr nachts geworden. Weizmann hat geendigt. Der Kongreß bringt ihm endlose Ovationen. Begeisterte folgen, verfolgen den Präsidenten, der schließlich von einer Kette von Ordnern vor allzu Zudringlichen geschützt werden muß. Karlsbad erlebte in dieser Nacht das Schauspiel, daß viele, viele Menschen unfähig, sich der Ruhe hinzugeben, bis zum grauenden Morgen in Gruppen beisammen standen, voll von dem, was Ihnen die Nacht gegeben hatte. Li-r. literarisches Echo „Der Jude“. Eine Monatsschrift. Herausgegeben von Dr. Martin Buber im Jüdischen Verlag, Berlin NW. 7, Dorotheenstr. 35. Das Doppelheft 7/8 des VII. Jahrganges ist soeben erschienen und hat folgenden Inhalt: Martin Buber, Die Vertretung / Markus Ehrenpreis, Meine Kongreßrede /